Aachen: Bürgermeister: Die parteilosen Kandidaten auf dem Vormarsch

Aachen : Bürgermeister: Die parteilosen Kandidaten auf dem Vormarsch

In den sechs Bürgermeister-Stichwahlen in der Region haben am Sonntag die parteilosen Kandidaten in vier Fällen gewonnen. Darüber sprachen wir mit Emanuel Richter, Politikwissenschaftler an der RWTH Aachen.


Herr Richter, sind parteilose Bürgermeister ein neuer Trend?

Richter: Eindeutig ja. Das ist ein ganz massiver, bemerkenswerter Trend. Und dieser Trend ist nicht nur in NRW, sondern auch darüber hinaus zu verzeichnen. Insbesondere bei Kommunalwahlen sind unabhängige Kandidaten mehr denn je im Rennen.

Lässt sich das erklären?

Richter: In vielen westlichen Politiksystemen ist eine massive Parteien- und Politikerverdrossenheit zu verzeichnen. Das bedeutet, dass man den Kandidaten, die aus einer Parteisozialisation herauskommen, mehr und mehr misstraut und den Politikstil, der durch Parteien geprägt ist, mehr und mehr ablehnt. Es erhalten also Leute Stimmen, die eine andere, unkonventionelle Art im Umgang mit ihren Wählern haben, die neue Ideen einbringen können, nicht unter der Parteiräson stehen und mehr Freiheiten haben — und das kommt bei den Wählern an. Dieser Trend zeigt eine Krise des Parteienstaates.

Wo sehen Sie die Vorteile?

Richter: Alte, überkommene Politikstrukturen werden aufgebrochen. Junge Leute, die in die Politik gehen, sind oft furchtbar frus­triert, weil sie merken, dass Parteikarriere uniform und konformistisch ist und gar keine Freiräume lässt für genau das, was die neuen Kandidaten verkörpern — Freiheit, Unabhängigkeit, unkonventionelles Verhalten und unkonventionelle Ideen. Die Parteien disziplinieren all das. Mit den parteilosen Kandidaten entsteht eine Bürgernähe, die sich viele wünschen.

Wo ist der Nachteil?

Richter: Dadurch kommen eben auch Paradiesvögel in die Politik, die nicht nur über zu geringe Erfahrung verfügen, sondern auch von ihrer Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten her für dieses Amt nicht geeignet sind und nur aus einem Protest heraus gewählt werden. Das kann natürlich verheerende Folgen haben. Aber man hat ja die Möglichkeit, solche Kandidaten nach ein paar Jahren wieder abzuwählen. Diese Prozesse, dass sich jemand als nicht amtstauglich erweist und rasch wieder von der Bildfläche verschwindet, werden einsetzen.

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