„Brummi-Andi“: Gutachter ist gegen Sicherungsverwahrung

Verfahren vor dem Landgericht : Gutachter ist gegen Sicherungsverwahrung von „Brummi-Andi“

Fast ein Jahr sitzt Andreas B. nun in Untersuchungshaft in der JVA Aachen. Nun bricht für den 33-Jährigen das letzte Wochenende in Ungewissheit an. Dem Angeklagten werden 17 verschiedene Delikte mit 72 Punkten quer durch das gesamte Strafgesetzbuch zur Last gelegt: Gefährliche und fahrlässige Körperverletzung, vollendete und versuchte Zwangsprostitution, Zuhälterei, Drogenhandel, Geldfälschung, Bedrohung, Brandstiftung und natürlich: Trunkenheit am Steuer, Unfallflucht und Fahren ohne Führerschein.

Ohnehin hat er schon einiges auf dem Kerbholz, mehr als elf Jahre hat er bereits im Gefängnis verbracht. Schon als Zwölfjähriger war er mit dem LKW seines Vaters unterwegs. „Brummi-Andi“ oder „Crash-Kid“ nannten ihn damals einige Medien, das „Crash-Kid“ hat einen Polizisten überfahren und getötet, als er 14 Jahre alt war.

Ihn erwartet nun die nächste Haftstrafe, aber es geht um mehr, es geht auch darum, ob das Gericht noch eine anschließende Sicherungsverwahrung verhängt. Es ist das letzte Mittel, um die Gesellschaft vor notorischen Straftätern zu schützen. Für die 7. Strafkammer des Landgerichts ist dafür die Einschätzung des Sachverständigen relevant. Christian Burgmann (Bonn) ist verspätet in das Verfahren gelangt. Ursprünglich war die Psychiaterin Konstanze Jankowski die eingeteilte Gutachterin. Doch nachdem die renommierte Sachverständige den Angeklagten in einer Verhandlungspause als „linke Bazille“ eingestuft hatte, wurde sie aus dem Verfahren ausgeschlossen. Daraufhin wurden die meisten Zeugen noch einmal geladen, damit sich ihr Nachfolger einen eigenen Überblick auch jenseits der Aktenlage machen konnte.

Am Freitag nun, am vorletzten Verhandlungstag, hat Burgmann seine Expertise vorgestellt, die vom Vorgutachten seiner Kollegin manchmal abweicht. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie jedenfalls sieht keine Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung. Andreas B. sei aus seiner Sicht nicht der „bedrohliche aktive Hangtäter mit schwerer Delinquenz“, den der Gesetzgeber vorgibt. Vielmehr registriere er eine Distanz von Andreas B. zu seinen Straftaten. „Er macht auch nicht seine Vorgeschichte wie eine schwere Kindheit für sein Handeln verantwortlich.“ Hangtäter würden ihre Straftaten akribisch vorbereiten, um nicht entdeckt zu werden, sagt Burgmann, der Angeklagte in diesem Fall aber habe oft spontan gehandelt.

Er sieht zwar beim Angeklagten keine Neigung, sich an „keine Regeln“ zu halten. Eine schwere „seelische Abartigkeit“ macht er allerdings nicht aus. „Er ist Herr seiner Sinne, macht auf mich einen differenzierten Eindruck, ein Realitätsverlust ist für mich nicht erkennbar.“ Vielmehr bescheint er ihm durchaus ein Unrechtsbewusstsein. So sei jedenfalls sein „Bauchgefühl“, sagt Burgmann. „Ich bin sicher, dass er mir nichts vorgespielt hat.“

Auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hält der Gutachter nach der langen Zeit im Untersuchungsgefängnis nicht für notwendig, obwohl er „ziemlich sicher“ von einer Alkoholabhängigkeit des Angeklagten im Tatzeitraum ausgehe.

Gericht und Staatsanwältin entdeckten durchaus auf etliche Widersprüche in seinen Ausführungen. Mal hatte er Fälle in seinem Gutachten durcheinander gebracht, mal Fakten übersehen oder Zeiträume falsch berechnet. Das alles räumte Burgmann ein, an seiner Schlussfolgerung rüttelte er aber nicht. Das macht die Hürde des Gerichts, Sicherungsverwahrung zu verhängen, deutlich höher.

Für den Angeklagten war das durchaus ein guter letzter Verhandlungstag. Zudem wurde der Vorwurf von 41 Fahrten ohne Führerschein, häufig auch unter Drogeneinfluss, fallengelassen. Die Beweislage sei zu schwierig.

Der letzte Zeuge des Verfahrens war ein Kumpel aus früheren Tagen, der im Januar 2017 sehr konkret und seitenweise über die Drogen-Geschäfte von Andreas B. ausgesagt hatte. Jetzt im Verfahren wollte er davon nichts mehr wissen, der Vermerk sei eine Erfindung der Beamten, sagte der 20-Jährige. Der Verdacht kam schnell auf, dass er vor seiner Aussage „unter Druck“ gesetzt worden sei. Der Zeuge verneinte, auf ihn wartet nun ein eigenes Verfahren wegen Falschaussage.

Das Verfahren von Andreas B. soll am Montag zu Ende gehen, wenn plädiert wird und die 7. Große Strafkammer ihr Urteil verkünden will.

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