Protest-Sonntag im Hambacher Forst: Breite Unterstützung für die Aktivisten

Protest-Sonntag im Hambacher Forst : Breite Unterstützung für die Aktivisten

Forst Einer, der sehr früh gemerkt hat, dass der Sonntag kein Sonntag wie jeder andere in Kerpen-Buir sein würde, ist der Mann von der Tankstelle. „Nicht normal, was hier los ist“, sagte er.

Die vielen Menschen, die den Nummernschildern zufolge von überall aus Deutschland angereist waren, stellten die Getränkevorräte des kleinen Shops in der Nähe des Buirer Bahnhofs auf eine ernsthafte Probe und sorgten für eine Dauerschlange vor der Toilette.

Am Ende des Sonntags-Einsatzes sollte die Polizei von über 4000 Menschen sprechen, die gekommen waren, um zwischen Kerpen-Buir und Merzenich-Morschenich gegen das Abholzen des Hambachers Forstes zu protestieren.

Hunderte Demonstranten dringen in Hambacher Forst ein

Die Stimmung kippt

Für die Aktivisten war es kein normaler Tag. Nicht nur, weil es ihnen gelungen war, die Polizeitaktik zum Kollabieren zu bringen, obwohl bis zu 3000 Einsatzkräfte vor Ort waren. Sondern vor allem, weil so viele gekommen waren, um ihren Kampf gegen Braunkohle, RWE und die aus ihrer Sicht falsche Klimapolitik zu unterstützen. „Das hier sind nicht nur Aktivisten. Hier sind alte Menschen, junge, ganze Familien. Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung jetzt kippt. Überall“, sagte Gina, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die junge Frau setzt sich seit Beginn der Besetzung des Hambacher Forstes für die Aktivisten einzusetzen.

Vor Freude Lachen musste Jazz, die auch nicht so heißt, eine Studentin aus den USA, die in den vergangenen Tagen — nicht zum ersten Mal — in „Oaktown“ gewohnt hat. Das hat ihr sieben Tage Platzverweis eingehandelt. Als sie den Forst verließ, sah sie die Menschenmenge hinter der Polizeiabsperrung. „Wahnsinn. Die Sache wächst“. Polizeigewalt habe sie keine erlebt in „Oaktown“. „Wenn wir nicht aggressiv waren, dann waren die nicht aggressiv. Höchstens gegen das Baumhaus.“

Hunderte Demonstranten konnten in den Forst eindringen (links) und bauten neue Wegsperren auf (Mitte). Tausende protestierten friedlich vor der Polizeiabsperrung (rechts.).

„Oaktown“ fällt

Gekippt war die Stimmung aus Sicht der Polizei am späten Nachmittag. „Alles ruhig“, vermeldete ein Sprecher noch kurz nach 15 Uhr. Vielleicht sogar ungewöhnlich ruhig. Am Nachmittag war „Oaktown“, eines der drei größeren Baumhaus-Dörfer der Besetzer im Forst, mit dem Entfernen der letzten Aktivistin eigentlich gefallen, der Abriss der Baumhäuser hatte begonnen. 27 von 51 waren laut Polizei eingenommen.

Ein Tag im Hambacher Forst mit Sitzblockaden, einem Tunnelsystem, in dem sich Aktivisten verschanzt hatten, und den Versuchen, die Polizeisperre zu durchbrechen.

Doch dann eskalierte die Lage. Etliche Hundert Personen strömten von der Demo am Waldrand über Felder durch die Polizeiketten. „Es war eigentlich sehr einfach durchzukommen“, sagten zwei junge Frauen. „Man musste nur in kleinen Gruppen loslaufen.“ Ein bisschen sei das gewesen wie beim Rugby. „Einfach drauf los“, schilderte Tarun, ein Student aus Indien, seine Taktik. Die Kette der Polizisten sei da noch viel löchriger gewesen als später. Da kam er aus dem Wald zurück, nachdem er eine Sonnenblume gepflanzt hatte.

Aachens Polizeisprecher Paul Kemen sagte, dass einige in den Hambacher Forst durften, um Bäume zu pflanzen — und andere hätten sich eben ihren Weg gesucht. Robert, Alina und Sophie aus Dortmund zum Beispiel setzten einen Baum in die Erde, den Setzling hatten sie von den Aktivisten bekommen. „Das sind die wahren Helden“, sagte Robert.

Familienangelegenheit: Viele Demonstranten waren mit ihren Kindern zum Hambacher Forst gekommen. Foto: dpa, Rose, Jansen

Provokation

Die Aktivisten in „Gallien“ — ein Baumhaus-Dorf nahe „Oaktown“ —jubelten („Ihr seid super!“) kurz danach Dutzenden Menschen zu, die gemeinsam Barrikaden aufbauten. Bis zu 30 Menschen schleppten meterlange Baumstämme. Die Polizei ließ sie gewähren, es kamen keine Beamten in das Dorf.

Familienangelegenheit: Viele Demonstranten waren mit ihren Kindern zum Hambacher Forst gekommen. Foto: dpa, Rose, Jansen

Dazu hatten sie auch bald keine Zeit mehr: Viele Menschen gingen in Richtung „Oaktown“, stellten sich den Hundertschaften, die den Abriss sicherten, entgegen, skandierten Parolen, etliche in vorderster Front provozierten. Die Polizisten griffen aber nur selten körperlich ein.

„Grobes“ Verhalten

Wenn sie es taten, waren einige wenige Beamte aber nicht zimperlich: Eine Polizisten beispielsweise schmiss sich mit Anlauf von hinten auf eine junge Frau, die Holzstücke auf die Straße warf, um Polizeiwagen den Weg zu versperren. In einem Wagen wurde eine junge Demonstrantin festgehalten. Dutzende machten vor dem Auto daher eine Sitzblockade. Im Nachgang sprach die junge Frau zitternd von „grobem“ Verhalten der Polizisten. Auch zwei Sanitäter, die als solche eindeutig zu erkennen sind, berichteten, dass Polizisten sie gezielt mit Pfefferspray attackiert hätten. Sie möchten nicht namentlich erwähnt werden, gaben sich aber als „unabhängig von jeglichen Strukturen“ aus.

Gina sagte, dass sie häufiger erlebt habe, dass Polizisten im Forst wenig zimperlich zur Sache gehen. „Das ist heute anders. Heute sind viele bürgerliche hier. Und viel Presse.“ Auch das sei ein Erfolg der Menschenmenge. „Morgen sind nicht mehr so viele Menschen hier, und die Räumung der Baumhäuser geht weiter.“ Aufgeben werde man noch lange nicht. „Selbst wenn Häuser geräumt sind, hören wir nicht auf.“ Die Polizei bestätigte, dass sie weitere Bauaktivitäten nicht ausschließt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tausende bei Demonstration gegen Hambach-Rodung

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