Skandal? RWE-Mitarbeiter im Aachener Dom

Skandal im Dom? : RWE-Mitarbeiter beim Pontifikalamt

Mehrere Bergleute von RWE nehmen an Allerheiligen am Pontifikalamt im Aachener Dom teil. Braunkohlegegner sehen darin einen Affront, Bischof Helmut Dieser freut sich.

In der Auseinandersetzung um den Hambacher Forst und die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland kann mittlerweile kaum mehr jemand etwas öffentlich tun oder sagen, ohne dass es emotionale Gegenreaktionen gibt. Das jüngste Beispiel ereignete sich am Donnerstag, also an Allerheiligen, als Bergleute in weithin erkennbarer RWE-Dienstkleidung am Pontifikalamt im Aachener Dom teilnahmen.

Es dauerte nicht lange, da überschlugen sich in den Sozialen Medien die Reaktionen. Ein Vorstandsmitglied des Aachener Friedenspreises veröffentlichte eine private Mitteilung, in der von einer „geschmack- und pietätlosen Protestaktion“ die Rede war. „Unter dem Motto ,Wir büßen für die Klimasünden der Welt’ nahmen mehrere Personen in RWE-Kluft am Gottesdienst teil und inszenierten sich anschließend im Domhof mit einem Pranger als Opfer, anstatt ihre eigene Instrumentalisierung durch einen Skrupellosen Konzern zu erkennen und anzuprangern“, hieß es weiter.

„Zutiefst schockiert“

Die Initiative „Fossil Free München“ erklärte, sie sei „zutiefst schockiert, dass scheinbar Mitarbeiter der RWE AG das Pontifikalamt zu Allerheiligen im Aachener Dom (...) gestört haben. Und ein Mitglied einer Chefredaktion des WDR ließ sich dazu hinreißen zu behaupten, RWE-Mitarbeiter „missbrauchen Allerheiligen-Gottesdienst im Aachener Dom, um sich als Märtyrer und Opfer darzustellen“.

Auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte das Bistum Aachen am Freitag, dass Bergleute in Dienstkleidung im Dom waren. Von einer Störung des Pontifikalamtes könne aber keine Rede sein, die Bergleute hätten einfach am Gottesdienst teilgenommen. Das Bistum und Bischof Helmut Dieser würden die Teilnahme der Bergleute am Gottesdienst „ausdrücklich begrüßen“, sagte Bistumssprecher Stefan Wieland. Der Bischof sei nach dem Gottesdienst mit den Bergleuten ins Gespräch gekommen. In seiner Predigt am Donnerstag hatte sich Dieser ebenfalls zum Konflikt um den Hambacher Forst geäußert.

Freute sich über die Teinahme der Bergleute am Aachener Gottesdienst: Aachens Bischof Helmut Dieser. Foto: Henning Kaiser

„Ich stelle mich im Konflikt um den Hambacher Forst nicht nur auf eine Seite. Ökologie und Ökonomie und Sozialer Ausgleich müssen zusammen weiter voran gebracht werden. Dazu helfen uns aber keine symbolischen Schlachten und Gegendemonstrationen, sondern nur gute Gespräche und wechselseitige Zugeständnisse“, sagte Dieser. Der „Kampf um den Hambacher Forst“ spiegele als dramatisches Beispiel quasi vor unserer Haustür „die starke Polarisierung der Gesellschaft“ wider. „Wie kommen wir zu einer Energiewirtschaft, die die Natur nicht zerstört und die zugleich verlässlich und bezahlbar bleibt und den Menschen nicht ihr Brot und ihre Heimat, aber auch nicht ihre Ehre und ihr Wertgefühl nimmt?“, fragte der Bischof.

„Die eine Seite beschimpft die andere. Unter sehr starken Druck geraten besonders die Polizeibeamten, die im Hambacher Forst eingesetzt sind, und die Angestellten in der Braunkohleindustrie mit ihren Familien: Sie stehen scheinbar auf der falschen Seite. Die Gefahr ist groß, dass Beleidigungen und Schmähungen, tätliche Angriffe und Erniedrigungen, ja Gewalt daraus hervorgehen“, warnte Dieser. Die „Seite der Umweltaktivisten“ sei „auf dieser Eskalationsspirale schon weit voran“. Anwohner vor Ort hätten die Nachteile zu tragen, sagte Dieser, und vom Leid der Umsiedler werde kaum gesprochen.

So ausgleichend wie der Bischof hatten sich in den vergangenen Wochen nicht alle Kirchenvertreter geäußert. Der Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen, Lutz Braunöhler, hatte Anfang Oktober eine Mitteilung veröffentlicht, in der er den sofortigen „Stopp der Abholzung im Hambacher Forst“ forderte: „Unsere christliche Verantwortung für die ,Bewahrung der Schöpfung’ fordert (...) unser intensives Eintreten für schnelle, konsequente und konkrete Klimaschutzziele“, hieß es in der Mitteilung. Der Polizeieinsatz im Hambacher Forst sei „überflüssig“ gewesen. Vier Tage später hatte ein Gericht den vorläufigen Rodungsstopp verhängt.

Rücktrittsforderung

Arnold Hecker, Diakon in der katholischen Kirche Jülich und seit 32 Jahren RWE-Mitarbeiter, hatte daraufhin den Rücktritt von Braunöhler gefordert. Der Diözesanratsvorsitzende habe „in letzter Konsequenz von einer menschenverachtenden Haltung gesprochen, die RWE und seine Mitarbeiter gegenüber der Schöpfung und den Mitmenschen einnehmen. Eine solche Aussage ist unerträglich und nicht haltbar“, sagte Hecker gegenüber unserer Zeitung. „Da wird über viele Menschen, die bei RWE arbeiten, der Stab gebrochen, ihnen wird ihr aktives Christsein abgesprochen.“

Bischof Dieser wollte zu dieser Rücktrittsforderung am Freitag keine Stellung nehmen, hatte in seiner Predigt am Donnerstag aber Folgendes gesagt: „Zur Tugend gehört es, nicht nur die eigene Wahrheit, sondern auch die der anderen gelten zu lassen, und das heißt: nicht aufhören, die Brücken zueinander zu suchen!“

Mehr von Aachener Nachrichten