Mitarbeiter von RWE kämpfen um ihre Arbeitsplätze

RWE-Mitarbeiter kämpfen : Das Schweigen der Bergleute ist zu Ende

RWE-Mitarbeiter gehen für ihre Arbeitsplätze auf die Straße

Der Tiefpunkt für die RWE-Beschäftigten, die es erleben mussten, war am Sonntag in Erkelenz erreicht, als der Aachener Waldführer Michael Zobel mehrere Hundert Menschen durch den Stadtteil Keyenberg geleitete, dem der Abriss droht, der Teil des Tagebaus Garzweiler werden soll.

Einige RWE-Mitarbeiter stießen zu Zobels Führung, sie wollten sich mal anhören, was der Braunkohle- und RWE-Kritiker Zobel so zu sagen hat, denn wenn von RWE die Rede ist, sind ja immer auch sie gemeint, die Bergleute. Als die RWE-Gruppe sich also der Führung näherte, sagte einer aus Zobels Gruppe: „Ach, da kommen die Nazis.“

So jedenfalls erzählt es Matthias Dürbaum, der Betriebsratsvorsitzender des Tagebaus Hambach ist, und der am Sonntag selbst dabei gewesen ist. Einen Tag später steht Dürbaum vor der Zufahrt zum Tagebau Hambach, schüttelt den Kopf und sagt: „Können Sie sich das vorstellen?“ Es war das erste Mal, dass Dürbaum sich als Nazi bezeichnen lassen musste, dabei ist er Gewerkschafter.

Die Kraft des neuen Bündnisses

Am Montag haben Hunderte, vielleicht Tausende RWE-Mitarbeiter die Zufahrt zu den drei Tagebauen im Rheinschen Revier und zu den Kraftwerken blockiert, sie hielten Mahnwachen und ließen ihrem Unmut freien Lauf.

Michael Lehmann, Betriebsratsvorsitzender des Kraftwerks Weisweiler. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Mancher lauter, mancher leiser. Im Tagebau Hambach war eigentlich nur eine kleine Mahnwache auf dem Betriebsgelände von RWE geplant, von der niemand, der nicht bei RWE beschäftigt ist, etwas mitbekommen hätte. Aber am frühen Montagmorgen dann, sagte Betriebsratsvorsitzender Dürbaum am Vormittag, seien die Leute auf die Straße gerannt. „Die hatten dermaßen den Kaffee auf, dass sie zu Hunderten raus wollten, sagte Dürbaum, „sie wollten endlich gesehen und wahrgenommen werden.“

In der Tat haben die Tausenden RWE-Beschäftigten im Rheinischen Revier den Protesten gegen den Braunkohleabbau lange zugesehen. Erst waren es nur die Wald- und Wiesenbesetzer, dann kamen Zobels Waldspaziergänger hinzu. Anfangs ein paar Dutzend, vor gut zwei Wochen dann 10.000. Und am vorvergangenen Wochenende kamen bis zu 30.000 Menschen, um für den Erhalt eines verlorenen Waldstücks zu demonstrieren, den Hambacher Forst.

Mit dem Anwachsen der Bewegung rund um den Hambacher Forst passten sich auch öffentliche und veröffentlichte Meinung an. Anfangs wunderten sich viele über die Waldbesetzer, die nicht primär in den Hambacher Forst kamen, um für dessen Erhalt zu kämpfen; die Waldbesetzung war immer und in erster Linie ein anarchistisches Projekt. Für solche Projekte, in denen alternative Formen des Zusammenlebens ausprobiert werden, gibt es keinen Gratisraum, man muss ihn sich nehmen, illegal. Hausbesetzungen kannte man schon, eine Waldbesetzung war neu.

Da es aber am Tagebau Hambach bereits ein mittelgroßes bürgerliches Protestbündnis aus Umgesiedelten, Umzusiedelnden oder anderswie Betroffenen gab, die gegen RWE noch immer den Kürzeren gezogen hatten, verbanden sich die hartnäckigen Waldbesetzer, die bürgerlichen Protestierer und kampagnenerfahrene Verbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bald zu einem effektiven Bündnis, das mittlerweile europaweite Aufmerksamkeit erregt. Die Kraft dieser Allianz zeigte sich neben dem Zustandekommen der Großdemo am vorvergangenen Wochenende in der Aufnahme der Kerpener Umweltaktivistin Antje Grothus in die Kohlekommission der Bundesregierung.

Vor dem Tagebau Hambach demonstrieren der Betriebsratsvorsitzende Matthias Dürbaum und Hunderte andere Bergleute. Foto: Marlon Gego

Dass die Waldbesetzer immer auch Rückzugsräume für gewaltbereite Linksautonome geboten haben, wurde oder wird bis heute von den Bürgerlichen geleugnet oder marginalisiert, weil der moralisch ja quasi unantastbare Klimaschutzzweck offenbar auch robustere Mittel heiligt.

Dieser Entwicklung sahen die RWE-Beschäftigten sechs Jahre lang mehr oder weniger tatenlos zu. Die wenigen Aktionen, die die Bergleute in den vergangenen Jahren rund um die Tagebaue zustande brachten, richteten sich primär gegen gewaltbereite Waldbesetzer, ein Protest, der angesichts der prekären Lage des Weltklimas und des Klimawandels nicht weit trug. Bis am Montagmorgen die Wut aus den den RWE-Angestellten herausbrach, zumal RWE-Chef Rolf Martin Schmitz im Interview auch mit unserer Zeitung erstmals vom drohenden Stellenabbau im Rheinischen Revier gesprochen hatte.

Unter den Bergleuten sind offenbar nicht wenige, die sich in den zurückliegenden Jahren von der RWE-Führung, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten auch von Rolf Martin Schmitz mehr Engagement im Kampf um die Meinungsvorherrschaft gewünscht hätten. Einer, der angesichts des drohenden Stellenabbaus seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte, erklärte Montagmorgen, dass er nicht verstehe, warum Schmitz bei seinem Auftritt in der ZDF-Talksendung „Maybrit Illner“ nicht über die Befindlichkeiten der Bergleute gesprochen hätte, warum es ihm nicht gelinge, öffentlich die Notwendigkeit der Braunkohleverstromung auch über die nächsten Jahre hinaus nicht zu transportieren.

„Ideologisch getriebener Ausstieg“

Michael Lehmann, Betriebsratsvorsitzender des RWE-Kraftwerks Weisweiler, formulierte es, da war es in Weisweiler noch dunkel, am Montagmorgen so: „10.000 Kollegen arbeiten 365 Tage im Jahr im Rheinischen Revier für sicheren und bezahlbaren Strom.“ Die „Scharfmacher hinter den Protesten am Hambacher Forst“ sollten ihm mal erklären, wie „das Industrieland Nordrhein-Westfalen ohne die Braunkohle im Moment klarkommen“ kann. Die RWE-Mitarbeiter seien „für die Energiewende, aber gegen einen ideologisch getriebenen Ausstieg aus der Braunkohle ohne Sinn und Verstand“, sagte Lehmann, der aussah, als sei er nicht länger bereit, seine in Wut umgeschlagene Hilflosigkeit zu verbergen.

Die Grüne Landtagsabgeordnete Monika Düker, die während der Großdemo am Hambacher Forst ein Foto getwittert hatte, auf dem eine Assoziation zwischen Braunkohleabbau und Nationalsozialismus hergestellt wurde, hat möglicherweise dazu beigetragen, dass die Bergleute nach all den Jahren, in denen vor allem über sie geredet wurde, nun endlich mitreden wollen. Als Nazis, sagte Matthias Dürbaum am Tagebau Hambach noch, wollen sie sich auf keinen Fall bezeichnen lassen.

Mehr von Aachener Nachrichten