Kurswechsel beim Forschungszentrum Jülich: Öffnung für Unternehmen

Kurswechsel für den Strukturwandel : Forschungszentrum Jülich öffnet sich für Unternehmen

Was bisher Spitzenwissenschaftlern aus aller Welt vorbehalten war, könnte bald auch Unternehmen aus der Region zugutekommen. Das Forschungszentrum Jülich will sich öffnen und auf diese Weise mithelfen, die Herausforderungen des Strukturwandels zu meistern.

Kurswechsel beim Forschungszentrum Jülich (FZJ): Die Großforschungseinrichtung mit über 6000 Mitarbeitern öffnet sich erstmals im größeren Umfang für private Unternehmen. Laut einer Pressemitteilung am Freitag reagiert das FZJ so auf die Herausforderungen, die der Strukturwandel mit der bis spätestens 2038 endenden Braunkohleverstromung für das Rheinische Revier mit sich bringt. Bisher liegt der Schwerpunkt in Jülich auf der Grundlagenforschung, jetzt soll das FZJ auch mithelfen, Forschungsergebnisse zur Marktreife zu bringen.

Das soll auf mehreren Forschungsfeldern passieren. Das FZJ will bei der Entwicklung von Computern, deren Funktionsweise an das menschliche Gehirn angelehnt ist, auf regionale Unternehmen setzen. Die sollen beispielsweise Materialien für neue Bauelemente der sogenannten neuromorphen Computer liefern.

Bisher arbeitet das FZJ hier eng mit der RWTH Aachen zusammen. Weitere Kooperationen sind auf den Feldern Bioökonomie und Power-to-X (P2X) geplant. So sei eine Bioökonomie-Modellregion im Rheinland denkbar, in der das FZJ mit privaten Partnern unter anderem daran arbeitet, Verbundstoffe aus biologischen Materialien wie Pflanzen herzustellen statt wie bisher auf Plastik-Basis. P2X-Forschung arbeitet an Möglichkeiten, beispielsweise mit der Hilfe von Brennstoffzellen Energie aus Kohlenstoff gewinnen, speichern und wieder rückverstromen zu können. Das Resultat könnten im Rheinland entwickelte und gebaute Busse sein, die von der Brennstoffzellentechnik angetrieben werden.

Weiter bietet das FZJ erstmals an, dass Unternehmen Infrastrukturen wie die hochauflösenden Elektronenmikroskope nutzen können. Deren Vergrößerungsfaktor geht in der Theorie so weit, dass man von Jülich aus ein menschliches Haar in Berlin fingerdick sehen könnte. „Wir müssen im Strukturwandel gewohntes Terrain der Forschung verlassen. Wir müssen uns fragen: Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse brauchen die Unternehmen für neue Wertschöpfung, wie können sie unsere Infrastrukturen für ihre Fragen nutzen, ob Rechner oder Mikroskope“, sagt der FZJ-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Marquardt.

Am Mittwoch hatte die Bundesregierung Eckpunkte zur Finanzierung des Kohleausstiegs beschlossen. Demnach sollen die vom Ende der Braunkohleverstromung betroffenen Regionen bis 2038 insgesamt 40 Milliarden Euro Fördergelder erhalten. Darin erwähnt wird ohne nähere Angaben ein Transfer- und Konferenzzentrum in der Wissensregion Rheinland.

Marquardt bestätigte auf Nachfrage unserer Redaktion, dass es sich dabei um das große Kongresszentrum handelt, dessen Planung das FZJ schon seit einiger Zeit vorantreibt. „Wir brauchen im Strukturwandel Orte, wo sich unterschiedliche Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft begegnen und austauschen, wo Technologien entwickelt und erprobt werden können. Wir haben deshalb den Vorschlag eines Konferenz- und Transferzentrums gemacht, der auch in das Eckpunktepapier aufgenommen wurde“, bestätigte Marquardt.

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