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Hambacher Forst: Polizei entfernt bei Einsatz Barrikaden

Großer Polizeieinsatz am Morgen : Polizei räumt Barrikaden im Hambacher Forst

Nach längerer Ruhe hat es am Dienstagmorgen wieder einen Großeinsatz der Polizei hat im Hambacher Forst gegeben. Ziel war es, Barrikaden abzubauen. Braunkohle-Gegner sprachen von Provokation.

Es erinnert an eine Partie Mikado, was sich am Dienstagmorgen im Hambacher Forst ereignet. Allerdings im XXL-Format und nur optisch: Ein Bagger umklammert einen Holzstamm und zieht ihn weg. Daraufhin fallen andere Stämme wie Holzstäbchen zusammen. Die Nebengeräusche dieses Vorgangs haben dagegen nichts mit einer Runde des beliebten Geschicklichkeitsspiels zu tun. „Verpisst euch!“, schallt es aus Wald. Und: „Seid ihr jetzt stolz?“

Die Polizei ist zurück im Hambacher Forst. Diesem umkämpften Stückchen Wald zwischen Köln und Aachen. Es gehe darum, Barrikaden zu beseitigen, die Einsatzwege versperrten, sagt Polizeisprecher Andreas Müller. Daher der Bagger. Waldbesetzer hätten die Aufbauten aus Baumstämmen errichtet, das könne die Polizei nicht hinnehmen. Die Wege müssten für Streifenwagen, Rettungsfahrzeuge oder Feuerwehrautos frei bleiben - etwa wenn es zu einem Brand im Wald komme.

Müller betont ausdrücklich und immer wieder: Es werde nicht gegen die Baumhäuser vorgegangen. „Es ist kein Räumungseinsatz.“ Am Nachmittag war die Rede von vier Barrikaden, die abgebaut worden seien – zwei Tripods (Dreibeine) und ein Qadropod (eine viersäulige Konstruktion).

Barrikaden von Rettungswegen geräumt

Die Beamten entdeckten eigenen Angaben zufolge auf einem Weg auch eine kleine Gedenkstätte für den gewaltsam getöteten schwarzen US-Amerikaner George Floyd. Diese habe aber stehen bleiben können, da sie kein Hindernis darstelle.

Auf einigen Wegen verstreute „Krähenfüße“ sowie ausgelegte Nagelbretter wurden entfernt. An einem Wegesrand fanden Beamte dem ersten Anschein nach eine alte Granate aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Sprengmittel-Experte von RWE beseitigte sie.

Der Einsatz – wie immer man sein Ziel nennen mag – ist brisant. Grund ist die Vorgeschichte. 2018 stand der Hambacher Forst mitten im Zentrum einer sich hochschaukelnden Klimadebatte. Er sollte für den fortschreitenden Braunkohletagebau gerodet werden. Aktivisten wollten das verhindern, indem sie ihn besiedelten. In einem der größten Polizeieinsätze der NRW-Geschichte wurde der Wald im Herbst 2018 geräumt. Fast 90 Baumhäuser wurden abgerissen.

Am Ende einigten sich Bund, Länder und Energiekonzerne im Zuge der Kohle-Einigung darauf, dass der Wald doch erhalten werden soll. In der breiten Öffentlichkeit geriet der Forst - auch im Zuge des alles überlagernden Themas Coronavirus - etwas in Vergessenheit. Tatsächlich leben nach Schätzung der Polizei - bei starken Schwankungen - aber immer noch rund 100 Leute im Forst. Auch hätten sie neue Baumhäuser errichtet.

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Ein Grund: Der Hambacher Forst ist längst ein Symbol geworden. Ein anderer: Manch einer traut dem Frieden nicht. „Es müssen Menschen da bleiben, um sicherzustellen, dass profitgierige Konzerne ihre Interessen nicht gegen das Recht durchsetzen“, sagt die Sprecherin des Anti-Kohle-Bündnisses „Ende Gelände“ Ronja Weil. Die Grundwasserversorgung des Waldes sei zum Beispiel gefährdet, weil der Tagebau Hambach so nah an ihn herangerückt sei. „Ende Gelände“ ist nicht selbst an der Besetzung des Waldes beteiligt, unterstützt die Waldbewohner aber.

Weil verurteilte die Polizeiaktion als unnötige Provokation. „Das sieht nach einem typischen Fall von polizeilicher Schikane aus“, sagte die Sprecherin. „Wir solidarisieren uns mit den BesetzerInnen.“ Die Barrikaden stellten für niemanden eine Gefahr dar.

Auch wenn im Rahmen des Kohle-Kompromisses die Erhaltung des Waldes vereinbart worden sei, bleibe seine Zukunft gefährdet. „Es wird immer wieder von RWE weitergebaggert, da gibt's immer wieder Provokationen“, sagte Weil.

„Das macht mich sauer, wütend und traurig“, sagt eine Aktivistin im Wald. Seit acht Jahren wohne sie nun im Forst. Die Wege über die nun Bagger fahren, hätten sie und die anderen wieder aufforsten wollen. Blumen- und Gemüsebeete hätten sie angelegt. Ein anderer Aktivist zeigt mit dem Finger auf eine Stelle, an der man tiefe Spuren eines Traktorreifens sieht. „Hier war ein Blumenbeet.“ Ein anderer Aktivist nennt die Argumentation der Polizei eine „lächerliche Ausrede“. Die Aufbauten hätten nicht „komplett den Weg gesperrt“.

Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach wiederum findet das „absurd“. Natürlich baue man die Aufbauten hin, damit Fahrzeuge nicht durchkämen. Bei den „Waldbesetzis“, wie sie sich selbst mitunter nennen, unterscheidet der Polizeipräsident gleichwohl. Es gebe Menschen, denen es nur um den Umweltschutz gehe. Es gebe aber auch jene, die „linksextremistisch“ und „anarchistisch“ seien. Sie würden allerdings den kleineren Anteil ausmachen.

Waldbesetzer hatten die teilweise bis zu 15 Meter hohe Strukturen aus Baumstämmen mit Plattformen auf den Waldwegen errichtet Foto: Ines Kubat

Im Großen und Ganzen sei der Einsatz zunächst friedlich abgelaufen, sagte Polizeisprecher Andreas Müller. Zwei Frauen, die „mehrfach ausgesprochenen Platzverweisen“ nicht nachgekommen seien, seien in Gewahrsam genommen worden. „Eine Frau leistete bei ihrer Identitätsfeststellung Widerstand und versuchte einen Polizisten zu beißen. Der Beamte blieb unverletzt“, teilte die Polizei mit.

Auf dem Weg zur Wache hätten beide zudem das Transportfahrzeug der Polizei verunreinigt. Wie eine Sprecherin sagte, geht die Polizei davon aus, dass es Exkremente waren. „Die Reinigung wird ihnen in Rechnung gestellt“, sagte eine Polizeisprecherin später am Tag.

Mehrere Vermummte bewarfen zwei fahrende Polizeifahrzeuge mit Steinen und Holz. Zudem bewarfen Unbekannte Mitarbeiter von RWE mit Böllern. Verletzt wurde niemand, an den Fahrzeugen entstand Sachschaden.

Keine großen Zwischenfälle. Die Geschichte des Hambacher Forstes wird dennoch nicht auserzählt sein.

(dpa/red)