Ende Gelände: Landwirt fährt folgenlos auf Gruppe von Aktivisten zu

Landwirt fährt auf Aktivisten zu : Ein Acker, ein Traktor und ein Mordvorwurf

Für Markus Hemmersbach war es der aufregendste Tag seines Lebens. Er ging um einen gravierenden Vorwurf, es ging um versuchten Mord, er kam für einige Stunden ins Polizeigewahrsam. Die Erinnerung an diesem Samstag Ende Oktober ist natürlich geblieben, auch wenn der Fall jetzt juristisch zu Ende geht, von den Verbrechens-Vorwürfen ist nichts mehr übrig geblieben.

Als der Landwirt Hemmersbach die Nachricht von einem Kollegen bekam, glaubte er an einen Scherz. „Da sitzen jede Menge Leute auf Deinem Feld“, war die Botschaft. Der Mann aus Inden-Schophoven fuhr dann doch mal zu seiner Ackerkrume.

Schon von weitem konnte er einige Busse sehen, Dutzende Polizeifahrzeuge, sie säumten seine Parzelle ein, auf der sich ein paar hundert Menschen niedergelassen hatten, umringt von Polizisten.

Hemmersbach sagt, er habe Tränen in den Augen gehabt, als er seine Krume erreichte. „Das Feld war komplett zertrampelt.“ Sein Feld liegt ein ballwurfweit entfernt vom Tagebau Inden, und genau den wollten die die zumeist jungen Menschen an diesem Aktionstag, zu dem Bündnis „Ende Gelände“ aufgerufen hatte, stürmen. Ein Großaufgebot der Polizei verhindert das, und so saßen und standen die jungen Menschen auf seinem Weizenfeld, umringt von den Staatsdienern. „Warum sind sie nicht ein paar Meter auf ein unbearbeitetes Areal gegangen?“, fragt sich Hemmersbach noch heute.

„Das war nur Sachbeschädigung“

Vorausgegangen war ein extremer Sommer, wegen der Dürre war es schwierig, den Weizen zu pflanzen. Die Weizenhalme spinksten gerade knapp aus dem Boden, „aber jetzt waren alle umgenietet und zertrampelt“. Hemmersbach war sauer. Für ihn hatte das alles nichts mit einer friedlichen Demonstration zu tun. „Das war nur Sachbeschädigung“, sagt er noch heute.

Hilfe von den Menschen auf dem Acker bekam er nicht, sagt er, weder von der Polizei noch von einem dort anwesenden Politiker, und Hemmersbach war ganz sicher auch nicht in der Stimmung, über Klimapolitik zu diskutieren. Er setzte den Feldbesuchern ein Ultimatum von 30 Minuten, um sich vom Acker zu machen. „Sonst kommt der Papa mit dem Trecker vorbei“, kündigte er an.

Als die Zeit abgelaufen war, setzte er sich in seinen Traktor und fuhr zügig auf die Demonstranten und Polizisten zu. Für ihn war bei „Ende Gelände“ Schluss mit lustig. „Natürlich wollte ich denen Angst machen, aber ich hätte ihnen nie etwas getan“, sagt er.

Er hielt etwa 20, 30 Meter vor der Menschenmenge an, sagt er, „die Polizisten hatten schon die Hände an den Waffen“. Die Beamten reagierten. „Ich wurde festgenommen, mit Kabelbinder fixiert“, erinnert er sich. Er räumt ein, dass er „wirklich erregt“ gewesen sei.

Das passierte an diesem Samstagnachmittag nach 17 Uhr, er wurde zum Polizeipräsidium nach Aachen gebracht, das Verhör führten Beamte aus Coesfeld, die an diesem Großkampftag für ein paar Stunden verlegt wurden. Ihm wurden schwerwiegende Vorwürfe gemacht, so stand es in der Anzeige. Hemmersbach machte keine Angaben und kam ins Gewahrsam, zum ersten Mal in seinem Leben. „Dann habe ich mir erst einmal angeguckt, was alles auf die Zellenwände gekritzelt ist.“ Gegen 23 Uhr öffnete sich wieder die Zellentür, er durfte nach Hause. Der Eildienst der Staatsanwaltschaft hängte die Vorwürfe deutlich niedriger, Hemmersbach wurde noch am Abend auf freien Fuß gesetzt.

Das Aktionsbündnis hatte nach dem Wochenende auf der Homepage angekündigt, „angemessen“ für Ernteschäden aufzukommen. „Unser Protest richtet sich gegen die klimaschädliche Braunkohle, nicht aber gegen Anwohner*innen, Bauern und Bäuerinnen oder Beschäftigte von RWE“, hatte das Bündnis mitgeteilt.

Auch der Energiekonzern RWE, von dem Hemmersbach sein Land gepachtet hat, bot Hilfe an – falls niemand für den Schaden aufkommen sollte. Hemmersbach schickte dem Bündnis „Ende Gelände“ eine Rechnung über 5000 Euro. Zunächst passierte nichts, dann wurde sein angesetzter Schaden als zu hoch eingestuft. Schließlich beauftragte das Bündnis Wochen später einen Sachverständigen mit der Expertise, als schon ein bisschen Gras über die Sache gewachsen war. 1300 Euro in bar bekam er später ausgehändigt, zufrieden war er mit der Regulierung keinesfalls.

Juristisch ist der Fall erledigt, sofern er keinen Widerspruch gegen den Strafbefehl einlegt. Zwischenzeitlich war auch noch der Staatsschutz involviert, der immer eingeschaltet wird, wenn es um mögliche politisch motivierte Straftaten im Tagebaugebiet geht.

Schreckschuss-Waffe eingezogen

Am Ende des Verfahrens ging es nur noch um unerlaubten Waffenbesitz. Hemmersbach hatte eine Gas-Schreckschuss-Pistole in seinem Traktor, als er seinen Acker erreichte, für die man einen kleinen Waffenschein benötigt. Das Amtsgericht Jülich hat ihm einen Strafbefehl von 40 Tagessätzen à 20 Euro erlassen, vorbestraft ist er damit natürlich nicht. Die Waffe bleibt eingezogen.

Ende Juni veranstaltet das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ wieder einen Protesttag in der Braunkohleregion. Die Aktivisten werden sich diesmal am Tagebau Garzweiler treffen, so ist die aktuelle Planung, sagt eine Sprecherin.

Hemmersbach ist nicht sicher, ob nicht doch wieder Aktivisten sein Weizenfeld am Tagebau Inden betreten, das dann noch nicht gemäht ist. Falls er dort wieder Leute antrifft, will er sein Güllefass herausholen. „Es kann dann gut sein, dass ich an diesem Tag düngen muss“, sagt er.

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