Themen
  1. Region
  2. Braunkohle

Eile an der Erft, Ruhe an der Rur: Die Flüsse und das Braunkohle-Ende

Eile an der Erft, Ruhe an der Rur

Die Flüsse und das Braunkohle-Ende

Der Ausstieg aus der Braunkohle hat Folgen für den Tagebau. FOTO: Colourbox

Aachen/Düsseldorf Der frühere Ausstieg aus der Braunkohle hat auch für die Flüsse Folgen. Für die einen mehr, für die anderen weniger.

Die Flüsse rund um die Braunkohletagebaue führen teils deutlich mehr Wasser, als sie das ohne Tagebaue tun würden. Grund ist das sogenannte Sümpfungswasser, das der Energieversorger RWE zum Betreiben des Tagebaus abpumpt und in die Flüsse Inde, Rur, Erft und Niers einleitet. Das sind – täglich – rund 1,5 Millionen Kubikmeter Grundwasser. Fällt dieses Wasser weg, hat das Konsequenzen. Die Wasserver- und -entsorgung muss neu geplant werden. Und angesichts des früheren Kohleausstiegs muss dieser Umbau nun teils schneller als gedacht erfolgen.

Extremstes Beispiel: die Erft. 40 Prozent der Gesamtsümpfungsmenge werden in diesen Fluss eingeleitet. Rund 600.000 Kubikmeter am Tag. Das sieht an Inde und Rur ganz anders aus: Dort sind es nur etwa zehn Prozent des Sümpfungswassers, das in ein vergleichsweise großes Gewässer eingeleitet wird. Zudem endet der Tagebau Inden nur minimal früher als geplant und die Renaturierung der Inde ist bereits abgeschlossen. 160.000 Kubikmeter am Tag leitet RWE nach eigenen Angaben in die Inde ein. Eine Menge, die für Marcus Seiler vom Wasserverband Eifel-Rur (WVER) „ohne Bedeutung für die Rur“ ist. Aus dem Tagebau Hambach kommen maximal 20 bis 30 Liter pro Sekunde hinzu, „also nichts“.

Ein Fluss aus Sümpfungswasser

Die Erft demgegenüber besteht nach Angaben von Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer beim Erftverband, derzeit zu 66 bis 75 Prozent aus Sümpfungswasser. „Die Erft ist für die Tagebauentwässerung eigens ausgebaut worden“, sagt Jansen. Ohne das künstlich eingeleitete Wasser ist das Flussbett zu groß. „Entsprechend muss das Gewässerbett verkleinert werden, damit nicht am Ende nur noch ein Rinnsal übrigbleibt“, sagt Friederike Vietoris vom NRW-Umweltministerium.

Das Perspektivkonzept Erft ist allerdings noch auf das Jahr 2045 ausgerichtet. Es umfasst 23 anzupassende Gewässerabschnitte der unteren Erft. Davon sind nur drei fertig, ein vierter Abschnitt wurde just genehmigt. Insgesamt befinden sich 14 Abschnitte in unterschiedlichen Projektphasen in Bearbeitung. Dietmar Jansen verweist bei dem komplexen Verfahren auf Risiken wie Flächenverfügbarkeit, Verfahrensdauern, konkurrierende Ziele und verfügbare Ressourcen bei den Beteiligten. Es gehe darum, Aspekte wie den Denkmal-, Boden-, Natur- und Artenschutz zu berücksichtigen. Dann kämen die Interessen der Kommunen und Anlieger hinzu.

FOTO: ZVA / xxx

„Wir stehen unter Zeitdruck, denn wenn wir den Gewässerumbau nicht rechtzeitig umsetzen, würde das zu Nutzungseinschränkungen von Gewässern führen“, sagte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU), unserer Redaktion. „So können beispielsweise Industrie- oder Wohngebiete erst dann neu ausgewiesen werden, wenn sie wassertechnisch erschlossen sind.“

All das kostet Zeit und Geld. In allen Behörden. Der Erftverband etwa beschäftigt nun sechs statt acht Planern, um rechtzeitig fertig zu werden. „Die Folgen des vorzeitigen Ausstiegs aus der Braunkohle müssen wir, also das Land, die Wasserverbände und die Kommunen, finanzieren“, sagte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU). „Ich gebe zu, dass wir uns hier ein größeres finanzielles Engagement des Bundes etwa über das Kohlegesetz gewünscht hätten.“

Warum man nicht einfach der Natur den Umgang mit dem niedrigeren Wasser überlässt? Dann drohen laut Erftverband Sauerstoffdefizite und ein Anstieg der Wassertemperatur. Dies könnte zu Beeinträchtigungen für die Gewässerfauna führen. „Zum Beispiel würde dieses Milieu die Ausbreitung von Stechmücken, das Risiko von Fischsterben und Geruchsbelästigungen durch anaerobe Prozesse fördern“, sagt Jansen.

Entsprechend entschlossen zeigt sich die Ministerin: „Um die Ökosysteme an diesen Fließgewässern zu erhalten, müssen wir jetzt aktiv werden, planen und umsetzen.“ Dass der Erftverband plant, den Umbau der Gewässerabschnitte von zehn auf fünf Jahre je Abschnitt zu verkürzen, freut sie entsprechend.

Auf ein anderes Problem weist Heinen-Essers Mitarbeiterin Vietoris hin: „Weniger Wasser in der Erft bedeutet auch, dass die Kläranlagen angepasst werden müssen.“ Denn das geklärte Wasser ist kein Trinkwasser. Um dem Ökosystem Fluss nicht zu schaden, muss ein gewisser Verdünnungsgrad erreicht werden. Reicht dafür die Menge an Wasser im Fluss nicht, muss die Qualität der Klärung erhöht werden.

Was RWE beiträgt

Bliebe die Möglichkeit, einfach weiter zu sümpfen, um den Wasserverbänden mehr Zeit zu verschaffen. Vietoris winkt ab: „Schließlich müssen wir die Befüllung der Tagebauseen im Blick behalten. Dazu wird das Grundwasser nicht reichen. Wir werden dazu auch Wasser aus dem Rhein und aus der Rur entnehmen müssen.“

An der Renaturierung im Erftgebiet beteiligt sich RWE laut Umweltministerium mit einem Beitrag von sechs Millionen Euro. Die Grünen fordern, den Konzern stärker zu beteiligen: „Wir sind der Meinung, dass man RWE beim Thema Braunkohle und Wassermanagement nicht so einfach aus der Verantwortung lassen darf“, sagte Wibke Brems, energiepolitische Sprecherin der Landtagsfraktion. „Die Region wird in diesem Bereich noch sehr lange die Folgen des Tagebaus spüren. Wir hätten uns zur Bewältigung der Ewigkeitslasten ein ähnliches Modell wie bei der Steinkohle mit der RAG gewünscht, aber dazu waren die handelnden Personen nicht bereit.“

Brems wirft der Landesregierung vor, sie mache es sich etwas zu einfach, wenn sie jetzt darauf verweist, dass ihr wegen des früheren Ausstiegszeitpunkts beim Wassermanagement die Zeit davonläuft. „Wir hätten gern schon viel früher über die Vorbereitungen für den Ausstieg gesprochen, da haben aber alle immer darauf verwiesen, man müsse erst die Beschlüsse der Kohlekommission abwarten.“

Dieser Artikel zählt zu den kostenpflichtigen Inhalten unseres Onlineportals
Einfach Wunsch-Angebot wählen und Zugriff zu jedem Artikel auf unserem Onlineportal und in der News-App erhalten.
Sie sind bereits registriert?
Jetzt anmelden und sofort lesen
Abonnent, aber noch nicht fürs Onlineportal registriert?
für Abonnenten der gedruckten Ausgabe oder des ePapers

Alle Vorteile auf einen Blick

Monatlich kündbar
Unbegrenzter Zugang zu allen Inhalten auf den AZ/AN Onlineportalen
News-App (iOS und Android)
Zusätzliche multimediale Inhalte und interaktive Spiele