Altenpfleger bei „Ende Gelände“ verletzt: „Das hat mich schon hingeledert“

Altenpfleger bei „Ende Gelände“ verletzt : „Das hat mich schon hingeledert“

Beim „Ende Gelände“-Protest am Tagebau Garzweiler im Juni wurde der 31-jährige Oli von einem Polizisten verletzt. Im Interview erzählt er von den Umständen.

Bei den „Ende Gelände“-Protesten Ende Juni kam es nach Darstellung der Aachener Polizei zu gewalttätigen Übergriffen von Demonstranten auf Polizisten. Die „Ende Gelände“-Organisatoren hingegen geißeln die „Polizeigewalt“ und liefern in den Sozialen Netzwerken Indizien in Form von Videos. Eines dieser Videos zeigt, wie Oli, ein 31 Jahre alter Altenpfleger aus Aschaffenburg, von einem Polizisten geschlagen wird. Das Video, das den Vorfall am 23. Juni zeigt, wurde mehr als 200.000 Mal angesehen. Gegen den betreffenden Beamten wird laut Polizei ermittelt. Mit dem Altenpleger Oli sprach Bernd Müllender.

Oli, brummt der Kopf noch?

Oli: Es hat einen Tag lang weg getan, aber jetzt ist wieder alles okay. Zwischen Unterkiefer und Ohr hat er mich erwischt mit seinem Quarzhandschuh. Das hat schon gescheppert und mich hingeledert. Ich bin gleich hinter das Banner gezogen worden. Da gab es wunderbare Betreuung, Eisbeutel und Kümmern.

Sind Sie schon lange bei „Ende Gelände“?

Oli: Ich bin Sympathisant und war das erste Mal dabei. Es war schon einen Tag vorher von „Ende Gelände“ angekündigt, dass wir um 10 Uhr (Anm. d. Redaktion: *Nach Darstellung der Aachener Polizei sei mit „Ende Gelände“ vereinbart gewesen, die Gleisblockade um 9 Uhr aufzulösen.) am Sonntag die Gleisbesetzung beenden. Dass wir gehen würden. Trotzdem hat die Polizei die Reihen ab 9 Uhr dicht gemacht und uns eingekesselt. Hat keiner verstanden. Deswegen ist das ausgeartet.

Haben Sie den Polizisten denn noch beleidigt? Nach dem Motto: „Scheißbulle, verpiss dich“?

Oli: Man sieht ja auf dem Video, dass ich ihn blöderweise weggeschubst habe. Ich hatte vorher schon eine gefangen, dabei habe ich meine Brille verloren. Wir sind den Abhang runtergeschmissen worden. Die Versorgung nach oben war unterbrochen, ein paar Leute sind kollabiert, ein Mädchen ist umgekippt. Eine komplett wirre Situation. Die Polizei ist ausgetickt, ohne Sinn, die hatten einfach nur Bock, vermute ich. Gefragt hab ich nur: Junge, was ist hier los, was ist euer Plan? Da hat er zugeschlagen.

Es wird ja gegen den Mann ermittelt. Haben Sie auch Strafanzeige gestellt?

Oli: Nein. Und wenn Polizei gegen Polizei ermittelt, bezweifle ich, dass da was rauskommt.

Waren da Schüler von „Fridays for Future“ in der Nähe?

Oli: Da waren ein paar sehr junge Leute. Aber wenn, ganz wenige.

Der verantwortliche Polizeipräsident Dirk Weinspach aus Aachen hatte vorher gesagt, man müsse alle Einsätze besonders gewissenhaft machen; manche Kinder würden wohl zum ersten Mal direkt mit Polizeikräften konfrontiert, das präge sie sicher. Man sei sehr in der Verantwortung.

Oli: Wenn das 16-Jährige so erleben, dann wissen sie schon mal, was in Deutschland los ist. Wie Politik funktioniert. Und Polizeigewalt.

Was tat mehr weh, der Schlag oder die Hilflosigkeit und Ohnmacht?

Oli: Auf jeden Fall diese organisierte Willkür. Es gab klare Absprachen zwischen Behörden und „Ende Gelände“. Aber Polizisten machen dann, was sie wollen. Dann entstehen solche Bilder und die Leute sagen auch noch: alles Chaoten. Und die haben auch noch Felder zertrampelt.

Die berühmten abgeernteten Petersilienbeete!

Oli: Ja, und ich muss gestehen: wahrscheinlich hab ich auch die eine oder andere Petersilie zertreten.

Welche Forderungen haben Sie?

Oli: Jeder Mensch sollte mal drüber nachdenken, was er eigentlich macht. Auch Polizeikräfte. Wir sind ja nicht zum Partymachen auf die Gleise gegangen. Das geht nicht um unseren Spaß, sondern um etwas, das uns alle angeht. Und Nachdenken schließt Selbstverantwortung bei Polizisten ein. Es geht auch nicht um einen einzelnen Polizisten, der Mist baut und zuschlägt. Vielleicht hatte der auch Panik. Sondern es geht um den Milliarden-Konzern RWE und was der macht.

Mehr von Aachener Nachrichten