Bündnis plant Sternmarsch nach Keyenberg für Tagebau-Dörfer

Mit 4000 Teilnehmern : Bündnis will Tagebau-Dörfer mit Sternmarsch retten

Was geschehen würde, wenn sich die Demonstranten tatsächlich mit ihrer Forderung durchsetzten, ist vollkommen offen. Das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ will die Orte in den deutschen Braunkohlerevieren retten, die wegen der Tagebaue verschwinden sollen. Das würde vielen Menschen die Heimat erhalten.

Es würde aber auch bedeuten, dass Orte unmittelbar am Tagebaurand mit vielen leerstehenden Häusern blieben. Die Frage, ob das noch lebenswert wäre, spaltet die Bevölkerung der Dörfer aktuell in zwei Lager.

Eigentlich hätte die Berliner Kohlekommission klären können, ob die Dörfer erhalten bleiben. Und was dann mit ihnen passieren soll. Weil sie das aber nicht tat, hat das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ für Samstag, 23. März, zu einem Sternmarsch aufgerufen. Das Ziel ist Keyenberg, der Erkelenzer Ort, der als nächstes abgebaggert werden soll.

Zu Fuß sollen Teilnehmer um 15 Uhr in Kaulhausen, Wanlo, Holzweiler, Berverath, Kuckum/Unterwestrich, Immerath und Hochneukirch starten. Mit dem Rad geht es in Erkelenz, Mönchengladbach und Horrem los. Für 16.30 Uhr ist in Keyenberg eine Abschlusskundgebung geplant.

Die Heinsberger Polizei rechnet aktuell mit 3000 bis 4000 Teilnehmern. Angesichts des bürgerlichen Charakters des Protestbündnisses geht sie von einem friedlichen Verlauf aus. „Wir müssen uns aber auf jedes Szenario einstellen“, sagt sagt Polizeisprecherin Angela Jansen. Also zum Beispiel auch auf Baggerbesetzungen im Tagebau.

Solche Aktionen seien von den Organisatoren nicht gewollt, sagt David Dresen, 27 Jahre, vom Bündnis „Alle Dörfer bleiben“. Ihnen gehe es um die Dörfer. Und um die Menschen, die dort bleiben wollen. 120 der einst rund 1500 Bewohner der fünf Erkelenzer Umsiedlerorte würden „Stand jetzt“ bleiben, sagt Dresen. „Das ist eine Zahl, für die es sich lohnt, zu kämpfen.“ Er findet, sie sollten das Recht haben zu bleiben. Weil das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schreibt, dass die Dörfer und der Hambacher Forst bleiben können, ohne dass ein Blackout droht. Weil die „energiepolitische Notwendigkeit“ der Braunkohleförderung spätestens mit dem Berliner Kohlekompromiss infrage steht. Was nach Ansicht einiger Experten auch dazu führt, dass Zwangsenteignungen vor dem Bundesverfassungsgericht keinen Bestand mehr hätten. Und weil es Leute gibt, denen es das Herz brechen würde, wenn sie ihr Dorf verlassen müssten.

Viele sind aber schon weggezogen. Die meisten sicher schweren Herzens. Die Umsiedlung läuft seit Dezember 2016. 170 Eigenheime seien am neuen Ort im Erkelenzer Norden nach Angaben von RWE fertig, im Bau, beantragt oder in Planung. RWE spricht davon, dass die „Dynamik“ in der Umsiedlung deutlich zugenommen habe. Für die alten Orte heißt das, dass sie immer leerer und irgendwann zu „Geisterdörfern“ werden.

Aktuell beschäftigt viele Menschen dort die Frage, wie sie ihre Gemeinschaft retten können. In den alten Dörfern geht ein tiefer Riss durch die Bevölkerung. Die einen wollen nur noch weg, weil ihre Heimat wegen des heranrückenden Tagebaus und immer mehr leerstehenden Häusern nicht mehr lebenswert ist. Die anderen wollen um jeden Preis bleiben, weil RWE ihnen das, was sie in den gewachsenen Dörfern haben, nirgendwo sonst bieten kann. Dresen bezeichnet die Umsiedlung als „Landvertreibung“.

Dass der schon Jahrzehnte andauernde Kampf gegen den Tagebau Garzweiler nun so erbittert geführt wird, hat viel mit den Entwicklungen des vergangenen Jahres zu tun. „Hätte es den Protest am Hambacher Forst nicht gegeben, hätte unsere Bewegung keine Hoffnung gefunden“, sagt Dresen. Zehntausende demonstrierten dort im Sommer gegen die Kohle, das Oberverwaltungsgericht verfügte einen Rodungsstopp und das Thema war bundesweit in Politik und Medien präsent. Das verschaffte den Kohlegegnern in Erkelenz Rückenwind. Ein Umsiedlungsstopp wurde zu einer realistischen Option. Vor zwei Jahren hätte sich das niemand vorstellen können.

Und was käme dann? Würde es zwei Friedhöfe geben, zwei Kirchen, zwei Mehrzweckhallen? Und die vielen leeren Häuser? „Das ist unsere kleinste Sorge“, sagt Dresen. In Holzweiler habe sich eine vitale Gemeinschaft gebildet, nachdem das Dorf per Leitentscheidung der Landesregierung gerettet wurde. „Wenn es um alles geht, dann stehen die Leute auf“, sagt er. Und wegen der Wohnungsknappheit in NRW könnten die Orte „neu besiedelt“ werden.

Für den Fall, dass die Dörfer wirklich bleiben, hat die Stadt Erkelenz in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) jedenfalls schon einmal Finanzbedarf angemeldet. Alte und neue Orte nebeneinander existieren zu lassen, wäre für die Stadt eine gewaltige Aufgabe. Mehr Infos auf www.alle-doerfer-bleiben.de.

Mehr von Aachener Nachrichten