Am Mittwoch fällt das Urteil über eine Waldbesetzerin aus Australien

Prozess gegen Hambacher-Forst-Aktivistin : Im Zweifel für die australische Angeklagte

Am 12. März 2018 steigt eine junge Frau in Australien ins Flugzeug und reist in den Hambacher Forst. Sieben Tage später sitzt sie im Gefängnis. Wer ist diese Frau, über die am Mittwoch geurteilt werden soll?

Die Waldbesetzerin, die ihre Identität nicht preisgeben wollte und deswegen mehr als ein halbes Jahr lang im Gefängnis saß, ist alberner als gedacht, sie sitzt in Saal 112 des Kölner Landgerichts und schneidet ihren Freunden im Publikum Grimassen. Einige Zuschauer sind gekommen, um mal zu sehen, wie wohl jemand aussieht, der lieber ins Gefängnis geht als seinen Namen zu nennen.

Sie sehen eine aufgedrehte, etwas unsichere junge Frau mit Brille und langen braunen Haaren, sie ist mittelgroß, in beiden Wangen steckt ein pinkfarbenes Piercing. Fällt während der Verhandlung ihr Name, wirft sie sich selbstironisch in Pose, fährt sich durch die Haare, wirft den Kopf in den Nacken, neigt den Kopf zur Seite, schneidet noch eine Grimasse, ihrem Publikum stets zugewandt. Statt Applaus gibt es einzelne Lacher. Die Anklagebank ist so etwas wie ihr roter Teppich.

Haus 13, Zelle 209

Die Waldbesetzerin, die ihre Identität nicht preisgeben wollte, heißt Samantha H., wie man inzwischen weiß, ist 23 Jahre alt und kommt aus Perth in Australien. Am Landgericht Köln läuft seit März ihr Berufungsprozess, am Mittwoch soll das Urteil gesprochen werden. Im erstinstanzlichen Prozess am Amtsgericht Kerpen war sie am 31. Juli 2018 zu neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden, das Gericht sprach sie wegen Landfriedensbruchs und Beihilfe zu gemeinschaftlicher versuchter gefährlicher Körperverletzung schuldig. Erst nach mehr als einem halben Jahr setzte das Landgericht Köln nach einem sogenannten Haftprüfungstermin den Haftbefehl Anfang Oktober 2018 außer Kraft.

Jeder, der als Aktivist in den Hambacher Forst geht, hat dafür Gründe. Der eine ist Idealist, der andere Berufsdemonstrant, dieser will Teil einer bedeutsamen Sache sein, jener eine neue Welt erschaffen. Und wieder andere suchen primär Anschluss an eine Gruppe. Bei Samantha H. war es so, dass sie sich am 12. März 2018 in Australien in ein Flugzeug setzte, um zu einem Camp für radikale Tierrechtsaktivisten zu fahren, das kurz darauf im Hambacher Forst begann. Der Rückflug war bereits gebucht, doch als das Flugzeug am 22. März abhob, war Samantha H. nicht an Bord. Sie saß in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, Haus 13, Zelle 209.

In einem in der „Zeit“ erschienen Artikel, der auf mehreren Gesprächen mit ihr beruht, entsteht der Eindruck, als habe Samantha H. nach einem neuen Leben gesucht, auch wenn ihr selbst das möglicherweise gar nicht bewusst war. Über die Besetzung des Hambacher Forsts habe sie über Twitter erfahren, und als sie ankam, war sie begeistert. Sie sei mit Schokolade und einem Schlafplatz willkommen geheißen worden, alle seien so nett zu ihr gewesen. Und während sie zu Hause in Australien oft das Gefühl hatte, anders zu sein als die anderen, habe sie sich im Hambacher Forst gleich zugehörig gefühlt, so steht es in der „Zeit“.

Am 19. März 2018 war sie Teil einer Gruppe Vermummter im Hambacher Forst, aus der heraus Polizisten mit pyrotechnischen Gegenständen angegriffen worden waren. Die Polizei hatte Mitarbeiter von Tagebaubetreiber und Waldeigentümer RWE geschützt, die dabei waren, eine wohl von den Waldbesetzern gegrabene Grube mitten auf einem der Waldwege zu verfüllen. Samantha H. hatte laut Zeugen zwar auch selbst Böller geworfen, allerdings hatten ihre Würfe die Polizisten so weit verfehlt, dass der Richter in Kerpen sie zumindest vom Vorwurf der versuchten gefährlichen Körperverletzung freigesprochen hatte. Ob sie die Polizisten absichtlich nicht hatte treffen wollen oder einfach nicht besonders gut werfen kann, ließ sich am Ende nicht eruieren. Im Zweifel für die Angeklagte.

Während drei andere Waldbesetzer, die am 19. März 2018 zusammen mit Samantha H. in Untersuchungshaft kamen, nach und nach entlassen wurden, weil sie sich entschieden hatten, ihre Identitäten preiszugeben, blieb Samantha H. bei ihrem Schweigen. Die Behörden gaben ihr den Namen UP3, das ist die Abkürzung für „Unbekannte Person 3“. Bei diesem Namen blieb es bis zum 31. Juli 2018, bis zu dem Tag, an dem das erste Urteil über sie gesprochen wurde. Die Aachener Staatsanwaltschaft hatte vorher eine Vermisstenanzeige aus Australien erreicht, und einem Mitarbeiter war aufgefallen, dass die Vermisstenanzeige auf UP3 passen könnte.

Briefe aus dem Gefängnis

Mit der Vermisstenanzeige konfrontiert, gab UP 3 zu, Samantha H. zu sein, und erzählte dem Gericht, dass sie Architektin sei und noch drei Geschwister im Alter von 17, 20 und 27 Jahren und einen Freund habe, mit dem sie bis zu ihrer Abreise zusammenlebte. Seit sie zwölf ist, engagiere sie sich ehrenamtlich, hilft behinderten Kindern, arbeitet sie in Tierheimen. Als politische Aktivistin oder Linksextremistin, die bereit ist, zum Durchsetzen ihrer Überzeugungen Gesetze zu brechen, ist sie bis zu ihrer Ankunft im Hambacher Forst offenbar nicht aufgefallen.

Der Artikel in der „Zeit“ legt den Verdacht nahe, dass Samantha H. sich erst während ihrer Zeit im Gefängnis radikalisierte. Belegt ist das jedoch nicht, auch wenn es 35 Briefe gibt, die sie aus dem Gefängnis geschrieben hat, und die eine linksradikale Homepage sämtlich veröffentlichte. In den Briefen beschreibt sie ihren eintönigen Alltag im Gefängnis und ruft zum Kampf für den Hambacher Forst, für die Zukunft und zum Kampf ganz generell auf. Für das Amtsgericht Kerpen hingegen zeigte sich ihrevollzogene Radikalisierung schon darin, „dass sie nicht gewillt ist, sich an die hiesigen Gesetze zu halten“, so steht es im Urteil. Die Untersuchungshaft haben sie „wenig beeindruckt“.

In einer WG in Köln-Ehrenfeld

Unabhängig davon, ob sie bereits mit festen Überzeugungen in den Hambacher Forst kam, sich, wie so viele vor ihr, erst dort radikalisierte oder doch erst später im Gefängnis, wird sie heute das Landgericht Köln mit einiger Wahrscheinlichkeit als freie Frau verlassen. Das hat nichts damit zu tun, dass das Amtsgericht Kerpen vergangenen Sommer zu einem falschen Urteil gekommen wäre; es hat auch nichts damit zu tun, dass sich einige Journalisten höhnisch über den dortigen Richter geäußert und ihm Willkürjustiz und anderes unterstellt und gleichzeitig unterschlagen hatten, dass auch Samantha H. Böller geworfen haben soll. Es hat schlicht damit zu tun, dass insbesondere zwei Zeugen andere Aussagen gemacht haben als noch während des ersten Prozesses in Kerpen.

Eine Polizistin, die im ersten Prozess die Hauptbelastungszeugin war, blieb nicht ganz bei ihrer Aussage. Und ein inzwischen pensionierte Polizist, der lange als sogenannter Kontaktbeamter mehr oder weniger enge Verbindungen zur Waldbesetzerszene unterhalten hatte, sagte dem Kölner Landgericht, für ihn seien die Angriffe der Vermummte auf die eingesetzten Polizisten, die Würfe mit pyrotechnischen Gegenständen am 19. März 2018 um 6.52 Uhr lediglich „Kinderkram“ gewesen.

Im ersten Prozess hatte er das nicht gesagt. Und so ist es möglich, dass dem Richter am Mittwoch kaum eine andere Möglichkeit bleiben wird, als Samantha H. freizuspreche oder zumindest das Verfahren gegen sie aus Mangel an Beweisen einzustellen. Im Zweifel für die Angeklagte.

Samantha H. soll inzwischen in einer Wohngemeinschaft in Köln-Ehrenfeld leben. Ob sie nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis noch mal im Hambacher Forst war, ist nicht bekannt. Der „Zeit“ sagte sie, sie würde am liebsten in Deutschland bleiben. Ihr altes Leben in Australien passe nun nämlich nicht mehr zu ihr.

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