Brandstiftung in Alsdorf: Prozess am Landgericht Aachen

33 versuchte Morde in Alsdorf : Der Mann, der sein Haus zwei Mal anzündete

Von einem Tag auf den anderen wird aus einem unauffälligen Lagerarbeiter ein Brandstifter. Wie kann so etwas passieren? Die Geschichte von Andreas P. aus Alsdorf.

Am 3. Februar verließen Andreas P. und Martina R. gegen 0.46 Uhr ihre Wohnung in der dritten Etage und gingen durchs Treppenhaus runter in den Keller. Gegen 0.50 Uhr entdeckte Andreas P. einen unverschlossenen Kellerverschlag, ging hinein, holte sein Feuerzeug aus der Hosentasche und hielt es an eine alte Matratze, die dort an der Wand lehnte. Martina R. stand auf der Kellertreppe und sah zu. Und während unten im Keller die Matratze zu brennen begann, gingen Andreas P. und Martina R. wieder hoch in ihre Wohnung. Es dauerte nicht lange, dann quoll dichter schwarzer Rauch aus dem Keller ins Treppenhaus des Mehrfamilienhauses am Englerthring in Alsdorf.

Gegen 1.05 Uhr wachte auf der ersten Etage Markus E. auf, als er in seinem Bett zu husten begann. Er wusste sofort, was los war und ging in die Küche, wo er mehrere Lappen in Wasser tränkte, mit denen er die Wohnungstür abdichtete. Ein paar Wohnungen weiter warf Andy W. eine Leiter, die in seinem Schlafzimmer lag, aus dem Fenster seiner Wohnung im ersten Stock, dann sprang er hinterher. Er stellte die Leiter ans Fensterbrett und half seiner hustenden Freundin aus der Wohnung.

Betrunken durchs Treppenhaus

Eine Etage darüber begann eine 41 Jahre alte Mieterin aus Ghana vor lauter Angst zu schreien, auch sie hatte geschlafen und war durch den beißenden Gestank des Rauchs aufgewacht. Und oben, auf der dritten Etage, ging Andreas P., der den Brand gelegt hatte, zum Telefon und rief lallend die Feuerwehr herbei. Mit gepacktem Koffer verließ P. die Wohnung, hielt sich einen nassen Lappen vor den Mund und lief betrunken durch das total verrauchte Treppenhaus ins Freie. Martina R. wurde später, wie so viele andere Bewohner des Mehrfamilienhauses, von der Feuerwehr aus der Wohnung geholt.

Fast auf den Tag genau sieben Monate später werden Andreas P. (45) und Martina R. (38) zur Anklagebank in Saal A0.009 des Aachener Landgerichts geführt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen schwere Brandstiftung und 33-fachen versuchten Mord vor, theoretisch ist für beide Angeklagte eine lebenslange Haftstrafe möglich. Martina R. ist aufgelöst und kann gar nicht aufhören zu weinen. Andreas P. hingegen sieht nicht besonders angespannt aus, er hat auch kein Problem damit, fotografiert zu werden. Fast wirkt es, als komme ihm die öffentliche Aufmerksamkeit nicht ungelegen. Der Prozess beginnt.

Das ist Andreas P., angeklagt wegen acht Brandstiftungen und 33 versuchten Morden. Manche Brandtiftungen hat er gestanden, manche nicht. Foto: grafik

Der Vorfall am 3. Februar war nicht der erste Brand im Mehrfamilienhaus am Englerthring. Bereits am 20. Januar, also zwei Wochen zuvor, hatte Andreas P. in ähnlicher Weise wie am 3. Februar ein Feuer gelegt, als er nachts im Treppenhaus zur Abholung bereitgestellten Sperrmüll angezündet hatte. Schon damals waren Martina R. und Andreas P. im Anschluss in ihre Wohnung hochgegangen, schon damals hatte Andreas P. die Feuerwehr gerufen, als der Rauch in ihre Wohnung gezogen war. Schon damals war ein stundenlanger Großeinsatz für Dutzende Feuerwehrmänner, Sanitäter, Notärzte und Polizisten erforderlich geworden. Und schon damals hatte Andreas P, wie auch am 3. Februar., während des Einsatzes Polizisten und Feuerwehrleute angepöbelt.

Zwei schwere Brandstiftungen im eigenen Wohnhaus innerhalb von zwei Wochen sind noch nicht alles, was Andreas P. und Martina R. zur Last gelegt wird. Die Ermittlungen ergaben, dass Andreas P. am 14. und 15. Februar sechs weitere Brände gelegt haben soll, betroffen waren Mülltonnen, Altpapier- und Altkleidercontainer, dazu ein Sofa für den Sperrmüll, das unter dem Fenster eines Kinderzimmers in der Broicher Straße in Alsdorf stand. Als Andreas P. am 15. Februar um 3.30 Uhr einen Altpapiercontainer am Denkmalplatz nahe der Stadthalle anzündete, wurde er von zwei Zeugen gesehen und bis zu seinem Wohnhaus verfolgt, in das er mit Martina R. vor den Verfolgern geflüchtet war. Es dauerte noch fünf Tage, bis die Polizei das Paar festnehmen konnte. Seit dem 21. Februar sitzen Andreas P. und Martina R. in Untersuchungshaft.

Wie so oft, wenn schwere Straftaten vor Gericht verhandelt werden, geht es nicht nur um die Frage, was genau die Angeklagten verbrochen haben, sondern auch darum, aus welchen Gründen sie es getan haben. Die Antworten sind selten einfach, und auch bei Andreas P. erschließt sich nicht auf Anhieb, warum ein unauffälliger Lagerist Mitte 40 von einem Tag auf den anderen damit beginnt, kleine und große Brände zu legen.

Mitankgeklagt ist die 38 Jahre alte Martina R. Vor Gericht bestritt sie, etwas mit den Brandstiftungen zu tun zu haben. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Andreas P. verbrachte den größten Teil seiner Jugend in West-Berlin, ging auf eine Sonderschule und brachte es im Anschluss in knapp drei Jahren bei der Bundeswehr zum Hauptgefreiten. Bevor er Martina P. kennenlernte, war er bereits vierfacher Vater, sein bis dahin letztes Kind wurde 2009 geboren. 2011 schloss er eine Ausbildung zum Fachlageristen ab. Wie und wann er nach Alsdorf kam, blieb im Prozess offen. P. verwies jedoch nicht ohne Stolz darauf, in seinem Leben noch nie Sozialhilfe bezogen zu haben, anders als Martina R.

Sir Pipsys großer Auftritt

Schon ihre Mutter und ihre Großmutter waren Alkoholikerinnen gewesen, ihr Vater starb, als sie noch ein Kleinkind war. Martina R. wuchs in Heimen und Pflegefamilien in der DDR auf. Nachdem es in den 90er Jahren mit einer Gärtnerlehre auch wegen der vielen lateinischen Pflanzenbezeichnungen nicht geklappt hatte, schloss sie 2008 eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin ab. Bevor sie 2017 während einer Entziehungskur Andreas P. im Internet kennenlernte, hatte sie von zwei Männern drei Kinder, die in Pflegefamilien leben.

Vor Gericht inszenierte sich Andreas P. als großer Retter von Martina R., ohne seine Hilfe, ließ er verschiedentlich durchblicken, wäre sie nie vom Alkohol losgekommen. Nachdem seine damalige Freundin Andreas P. zusammen mit seiner 2009 geborenen Tochter verlassen hatte, zog Martina R. im Sommer 2018 zu Andreas P. in die 48 Quadratmeter großen Wohnung am Englerthring. Kurz zuvor hatte sie ihm ihr viertes Kind geboren, das vom Jugendamt gleich nach der Geburt in einer Pflegefamilie untergebracht wurde.

In der Wohnung am Englerthring zeigte Andreas P. seiner neuen Lebensgefährtin Martina R. dann, „was Leben heißt“, so sagte er es vor Gericht. Dieses Leben bestand vor allem darin, dass sie samstagabends jeweils mehrere Liter Bier tranken und sich eine Flasche Pfefferminzlikör zu 3,69 Euro teilten. Währenddessen gingen sie ihrem gemeinsamen Hobby nach: Von 18 bis 20 Uhr moderierte Martina R. ihre eigene Sendung bei einem Radiosender im Internet, um 20 Uhr dann wurde aus Andreas P. der Internetradio-D.J. Sir Pipsy. Martina R. nahm dann im Chat des Senders Musikwünsche entgegen und leitete sie Sir Pipsy zu. So ging es jeden Samstag.

Wenn Sir Pipsys Sendung zwischen 0 und 1 Uhr zu Ende war, unternahmen Andreas P. und Martina R. gewöhnlich Spaziergänge zu Tankstellen oder Kiosken in der Umgebung, um ihre Alkohol- und Zigarettenvorräte zu ergänzen. Dass Andreas P. am 20. Januar und am 3. Februar ein Feuer legte, erklärte er mit „einem alkoholischen Rausch“, einer „Kurzschlussreaktion“ und dem Ärger über ein Telefonat mit seiner Ex-Freundin, die 2018 bei ihm ausgezogen war. Sie würde verhindern, dass er seine 2009 geborene Tochter sehen darf, das mache ihm schwer zu schaffen. Dass er das mit Martina R. gezeugte Kind noch nie gesehen hat, belastete ihn offenbar weit weniger.

Der Englerthring in Alsdorf am 3. Februar: Wieder hat es gebrannt, alle Bewohner des Mehrfamilienhauses mussten wie schon am 20. Januar evakuiert werden. Foto: Feuerwehr Alsdorf

Überhaupt war der Streit mit seiner Ex-Freundin ein Dauerthema in der Beziehung von Andreas P. und Martina R. Sie musste die Telefonate der Ex-Partner mit anhören und sich von der Ex-Freundin bis hin zur Erniedrigung beleidigen lassen. Da Martina R. ihr Leben weitgehend an Andreas P. ausrichtete, ließ sie sich bereitwillig in diesen Streit involvieren. Im Laufe der Wochen wurde die kleine Wohnung auf der dritten Etage so zu einer Art Wagenburg: Andreas P. und Martina R. gegen den Rest der Welt, jedenfalls gegen die Ex-Freundin und gegen das Jugendamt, das Andreas P. nicht half, seine Tochter zu sehen.

Eine Psychiaterin sagte vor Gericht, dass Andreas P. dazu neige, sich ungerecht behandelt zu fühlen, dass er generell Probleme habe, sich durchzusetzen. Schon die Versetzung von der Grund- auf die Sonderschule habe er als ungerecht empfunden. Was ihn letztlich dazu trieb, die Brände zu legen, konnte die Psychiaterin nicht mit letzter Sicherheit sagen. Als Beobachter könnte man spekulieren, dass Andreas P. unbewusst Rache für die Summe der von ihm als solche empfundenen Ungerechtigkeiten nahm, die ihm im Laufe der Jahre zugemutet worden waren.

Martina R., eine vom Leben und vom Alkohol gezeichnete Frau, wurde von einer anderen Psychiaterin als generell antriebsarm beschrieben. Sie beschränke ihr Leben darauf, „Andreas P. hinterherzudackeln“, so hatte Martina R. es selbst formuliert. Nachdem sie der Polizei bei der Festnahme im Februar gestanden hatte, die Brände mit Andreas P. gemeinsam gelegt zu haben, widerrief sie vor Gericht ihr Geständnis. Sie habe mit den ganzen Bränden nichts zu tun.

Das relative Selbstbewusstsein, das Andreas P. beim Prozessbeginn zur Schau stellt, fußt möglicherweise auf der naiven Annahme, dass sich die unerfreuliche Angelegenheit im Gespräch unter Männern schon regeln lässt, jedenfalls vermittelt Andreas P. diesen Eindruck. Er plaudert einfach mal ein bisschen drauf los und führt wortreich aus, wie das so gewesen ist bei den Taten. Martina R. habe bloß aus Liebe zu ihm zugegeben, an den Brandstiftungen beteiligt gewesen zu sein, verantwortlich hingegen sei nur er allein, erklärt er generös.

Die 33 Hausbewohner

Bald erzählt er dies, und wenn das Gericht ihn auf einen Widerspruch hinweist, erzählt er eben jenes. Am Ende präsentiert er bezüglich der Brandstiftung im Mehrfamilienhaus am 3. Februar drei unterschiedliche Versionen und duzt dann noch den Richter. Doch der Richter, mit dem Andreas P. es zu tun hat, ist Roland Klösgen (60), Vorsitzender des Schwurgerichts und eher nicht dafür bekannt, seine Prozesse im Plauderton zu führen. „Wenn Sie mich das nächste Mal duzen, kostet das 500 Euro. Klar?“ Andreas P. verzieht das Gesicht.

Dass zumindest Andreas P. verurteilt wird, kann als sicher gelten. Nicht gar so sicher ist, ob er sich tatsächlich des 33-fachen versuchten Mordes bei der Brandstiftung am 3. Februar schuldig gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, ihm müsse spätestens nach der Brandstiftung am 20. Januar bewusst gewesen sein, dass Menschenleben in Gefahr geraten, wenn man einen Brand in einem Mehrfamilienhaus legt. Zum Tatzeitpunkt am 3. Februar hatten sich außer Andreas P. und Martina R. noch 33 weitere Bewohner im Haus am Englerthring befunden.

Das Urteil könnte bereits am kommenden Montag gesprochen werden.

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