Bonn: Bonner „Haus der Geschichte“ eröffnet neue Abteilungen zu Flucht und Europa

Bonn : Bonner „Haus der Geschichte“ eröffnet neue Abteilungen zu Flucht und Europa

Eva ist müde. Sie antwortet nicht. Und dass auf ein begrüßendes „Hallo“ des Besuchers wie ein Echo auch von ihr „Hallo“ kommt, ist eher ein Zeichen für einen Systemfehler. Vielleicht haben zu viele Besucher in der höchsten Etage im Bonner „Haus der Geschichte“ versucht, ihre Dienste als elektronisches Besucherleitsystem in Anspruch zu nehmen.

Allerdings legt Eva gelegentlich eine Pause ein und findet nicht einmal selbstständig den Weg zur Ladestation. Auf dem Display dieses Roboters zeigen dann lediglich zwei helle Punkte an, dass die Augen geöffnet sind und er eigentlich aufnahmebereit ist. Eva will nämlich die Paketdrohne, das Flüchtlingsboot und den ausgeglühten Stahlträger des Word Trade Centers aus New York zeigen und jeweils einige erklärende Worte dazu sprechen. Hoch und schlank wie ein Lesepult ist Eva eine der neuen Attraktionen dieses einzigartigen Museums in Bonn. Und einzigartig nicht allein deshalb, weil der Eintritt frei ist.

Rondell erklaert die EU.

Beschäftigen sich Museen gemeinhin mit der Vergangenheit, gelegentlich mit der Gegenwart und noch seltener mit der Zukunft, versuchen die Bonner Museumsmacher seit Eröffnung der Dauerausstellung 1994 möglichst nah an der Gegenwart zu bleiben. So sind nicht nur das Sommermärchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit Exponaten vertreten, sondern aktueller noch die Flüchtlingsbewegungen seit September 2015 oder das Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz vor Weihnachten 2016.

Fluechtlingsboot und gebrauchte Schwimmwesten von Lesbos.

Und irgendwie haben alle Ereignisse und Entwicklungen ja miteinander zu tun: Das Sommermärchen präsentierte der Welt eine aufgeklärte Fröhlichkeit, einen unverklemmten Patriotismus, eine Gelassenheit in der Bewältigung von Problemen auch außerhalb der Fußballplätze. Das Land konnte das eher nüchterne Image Deutschlands positiv verändern. Mag sein, dass viele Menschen in Syrien, Irak und Afghanistan diese Bilder feiernder Menschen im Hinterkopf hatten, als sie sich aus den unterschiedlichsten Motiven auf den beschwerlichen Weg machten, um Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Und auch Menschen mit üblen Absichten in das Land spülten wie Anis Amri, der mit einem gestohlenen Lkw 2016 den Weihnachtsmarkt in Berlin durchpflügte und zwölf Menschen tötete.

Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

Sommermärchen und Terror

Und auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan wird thematisiert, auf wenigen Quadratmetern ballt sich eine Gegenwart voller Freude beim Fußball und sinnloser Gewalt am Hindukusch durch die Taliban. Der Zettel von Torhüter Jens Lehmann mit den Elfmetervorlieben der argentinischen Spieler ebenso wie die Todesanzeige eines in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten oder der Ausweis des Mitarbeiters der Deutschen Bank, der am 11. September 2001 im World Trade Center einen beruflichen Termin wahrnahm: All dies ist nur wenige Schritte voneinander entfernt. Und dann das Flüchtlingsboot. Es hat ungezählte Menschen von der Türkei nach Griechenland gebracht. Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln hat es auf Lesbos aufgetrieben und zunächst in seiner Bischofskirche ausgestellt. Aber auch an Fronleichnam 2016 vor der Kathedrale beim Festgottesdienst zum Altar umbauen lassen.

Erinnerungssymbol, in der christlichen Nächstenliebe nicht aufzugeben. An Weihnachten 2016 bildete das Boot die Kulisse für die Weihnachtsgeschichte in der Kölner Altstadtkirche Maria zu Lyskirchen. Aktualisierung der christlichen Botschaft auch hier. Nun steht das Boot im „Haus der Geschichte“ in Bonn. Einer Geschichte, die immer weniger nur deutsche Geschichte ist, sondern immer mehr zu einer Geschichte mit europäischen und weltweiten Auswirkungen wird. Gleichsam abgepolstert wird das Boot von einem Haufen Schwimmwesten, derer sich die Fliehenden entledigt haben, nachdem sie das rettende Ufer erreicht hatten.

In den Vitrinen gegenüber gibt es Erinnerungen an das, was vor gar nicht so langer Zeit geschehen ist: Statistiken über die Zahl der eintreffenden Menschen am Münchner Hauptbahnhof, das Grundgesetz auf Arabisch, Symbole für warme Winterkleidung, ein Kontrollgerät zur Registrierung der Fingerabdrücke. Keine museale Distanz, sondern unmittelbare Konfrontation mit einer Wirklichkeit, die im Alltag oft fremd bleibt. Und das nicht gutmeinend belehrend, sondern — inklusive der Gegenströmungen mit einem Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel als „Die Königin der Schleuserbanden“ — nüchtern darstellend und der eigenen Einordnung überlassen.

Europa ist ein anderer Themenschwerpunkt in der zu Jahresbeginn neu eröffneten oberen Etage. Der Karlspreis an Donald Tusk im Jahr 2010 ist mit Medaille und Urkunde in einer Nische untergebracht, ein interaktives Rondell bringt die Geschichte oder die wichtigsten Institutionen der EU nahe, in einer Vitrine ist ein Exemplar der Maastrichter Verträge mit den Unterschriften von Hans-Dietrich Genscher und Theo Waigel aufgeschlagen. Zusammengeklappt dicker als jeder bekannte Bibeldruck.

Selbstverständlich ist im Bonner „Haus der Geschichte“ in erster Linie deutsche Geschichte seit dem Ende des 2. Weltkrieges aufgearbeitet und dargestellt. Viel Raum nimmt inzwischen auch die zur Bundesrepublik parallel verlaufende Geschichte der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ein. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen werden schwerpunktmäßig erfasst. Wichtiges Strukturelement sind die Bundestagswahlen, dokumentiert in Tonaufnahmen, später auch in Fernsehbildern, Plakaten und Stimmzetteln.

Dorado für Autofans

Oft ist es möglich, selbst aktiv in die Informationen einzugreifen, neue Tiefenschichten zu erschließen, im Mini-Plenarsaal unterschiedliche Redner verschiedener Legislaturperioden auf den Bildschirm zu zaubern oder in Schublade zusätzliche Details zu entdecken. Eine Woche könnte man im „Haus der Geschichte“ zubringen und stets Neues entdecken.

Allein die unterschiedlichsten Fahrzeuge, die auf das Haus verteilt sind, lassen das Herz eines jeden Autofreaks höher schlagen: Der VW-Bulli der Hippies und das Vorderteil eines Wasserwerfers, ein sowjetischer Panzer vom Einmarsch in Prag 1968 und ein Trabi zwischen zwei Mauerteilen, ein Messerschmitt-Kabinenroller und ein VW-Käfer. Ein Kaleidoskop aus Politik und Alltag, informativ und gelegentlich auch unterhaltsam.

Aber seltsam berührend auch die unscheinbare Vitrine, in der eine kleine Schachtel mit Contergantabletten liegt. Und daneben der aufgeschlagene Kalender einer Mutter. Sorgsam hat sie eingetragen, welche Medizin sie wann eingenommen hat. Am 23. August steht dort „Geburt“. Und dann mit einem anderen Stift „Warum/warum/oh Gott!“. Emotionen, die die elektronische Dienstleisterin Eva niemals zeigen könnte.

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