Bombenanschlag auf S-Bahnhof Wehrhahn: Prozess beginnt in Düsseldorf

Düsseldorf/Aachen : Anschlags auf Düsseldorfer S-Bahnstation Wehrhahn: Täter jetzt vor Gericht

Auf dem Körper von Ralf S. prangt eine Tätowierung, die es in sich hat, sagt der Gutachter: Sie soll die Wewelsburg bei Paderborn und ein Hakenkreuz zeigen. Das Gemäuer war während der NS-Zeit eine „SS-Ordensburg“ Heinrich Himmlers. Der 51-jährige Träger der Tätowierung steht ab Donnerstag in Düsseldorf wegen zwölffachen Mordversuchs vor Gericht.

Aus Fremdenhass soll der hoch verschuldete Militariahändler und Ex-Bundeswehrsoldat am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn vor 18 Jahren einen Bombenanschlag begangen haben.

Die damaligen Ermittler bei der Arbeit. Foto: dpa

Am 27. Juli 2000 um 15.03 Uhr war dort eine ferngezündete Rohrbombe explodiert, gefüllt mit dem Sprengstoff TNT. Metallsplitter flogen bis zu hundert Meter weit. Zehn Personen wurden zum Teil schwer verletzt, einer Schwangeren schlug ein Metallsplitter in den Bauch, sie verlor ihr ungeborenes Kind. Die Opfer stammten aus Osteuropa, sechs von ihnen waren Juden, vier russlanddeutsche Spätaussiedler. Alle besuchten eine in der Nähe liegende Sprachschule. Ein gezielt ausgeführter rechtsextremer Terroranschlag?

Jahrelang schien der Fall trotz des gewaltigen Aufwands der Ermittler nicht aufzuklären zu sein. 1500 Menschen wurden befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt, 450 Beweisstücke gesammelt. Vergeblich. Doch 2014 bahnte sich der Durchbruch an: Ralf S. soll, als er in anderer Sache im Gefängnis saß, einem Mitgefangenen erzählt haben, er habe „an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt“. Schon kurz nach der Tat galt er als einer der Verdächtigen, doch beweisen konnte man ihm lange nichts. 2014 folgten erneut akribische Ermittlungen und Zeugenvernehmungen. Spezialisten des LKA arbeiteten an einer operativen Fallanalyse. Anfang 2017 lagen genug Erkenntnisse für einen Haftbefehl vor.

Nun muss Ralf S., der damals in der Nähe des Tatorts einen Militaria-Laden betrieb und als rechtsextremer Waffennarr galt, doch noch auf die Anklagebank. Strafrichter Rainer Drees hat bis Juli 40 Verhandlungstage für den Indizien-Prozess angesetzt.

Der Angeklagte bestreitet seine Täterschaft

Der Angeklagte bestreitet seine Täterschaft hartnäckig. Monatelang hat der Ex-Soldat die Behörden mit Briefen aus der U-Haft bombardiert. Sein Verteidiger Olaf Heuvens zieht die belastenden Aussagen, die die Anklage zusammengetragen hat, in Zweifel: „Wieso sollte mein Mandant einem Gefangenen, den er kaum kannte, so etwas erzählen?“ Der Anwalt sieht in den ausgelobten 63.000 Euro Belohnung eine mögliche Motivation. „Viele belasten ihn komischerweise jetzt“, sagt Heuvens.

Doch Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück ist überzeugt: Wenn man alle belastenden Indizien gegen den Angeklagten zusammen sehe, „ist die Beweislast erdrückend“. Strafrechtlich ist das getötete, ungeborene Baby im Mutterleib nicht als Tötungsverbrechen zu greifen. Bei einem mitgeschnittenen Telefonat hat sich Ralf S. aus Sicht der Ermittler an diesem Punkt allerdings auf zynische Weise verplappert: Das sei doch „nur Abtreibung“, was er gemacht habe, sagte er — und verbesserte sich dann: „gemacht haben soll“.

Eine Ex-Freundin ist inzwischen von S. abgerückt, hat sogar ausgesagt, die selbstgebaute Rohrbombe in dessen Küche gesehen zu haben. Bei der Armee soll er gelernt haben, Sprengsätze zu bauen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Sprengstoff aus Handgranaten der Bundeswehr stammt. Der in Zahlungsschwierigkeiten steckende Mann hatte damals eine zweite Wohnung angemietet — nur, um in Ruhe seine Bombe bauen zu können, glauben die Ermittler heute. Kurz nach dem Anschlag soll er zudem einen stadtbekannten Neonazi angerufen und ihn — vergeblich — um ein Alibi gebeten haben.

Besagter Neonazi, Sven Skoda, ist heute eine der einflussreichsten Personen in der rechtsextremen Szene im Rheinland. Skoda bestreitet, dass es jenen Wunsch von Ralf S. gab, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet. Gleichwohl hatte der junge Skoda für den 12. August 2000 eine Demonstration in Düsseldorf unter dem Motto „Wir lassen uns nicht kriminalisieren. Gegen Medienhetze und roten Terror“ angemeldet. Sie wurde jedoch verboten.

Am 3. Juni 2006 fand ein von Skoda mit organisierter Aufmarsch unter dem Motto „Bombenstimmung in Düsseldorf — Das System ist der Fehler“ statt. Angeblich bezog sich das Motto auf die seinerzeit stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft. Gegendemonstranten betrachteten das Motto indes als zynische Anspielung auf den Sprengstoff-Anschlag im Jahr 2000. Führende Mitglieder der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) marschierten 2006 mit Skoda durch Düsseldorf.

Frau aus dem Kreis Heinsberg

Kürzlich sagte ein Neonazi-Musiker aus dem Rheinland in einem Interview, es gebe „keinen, der Führungsqualitäten so vereint und personifiziert wie er.“ Skoda sei „eine Art natürlicher Vorgesetzter“, dem man „zur Treue verpflichtet“ sei. Seit Jahren hat Skoda enge Bezüge in die Region, war Redner auf vielen Aufmärschen in Stolberg, Aachen, Heinsberg und Eschweiler sowie auf konspirativ organisierten Veranstaltungen der Szene. 2016 heiratete Skoda eine Frau aus dem Kreis Heinsberg, als Festgäste waren zahlreiche Rechtsextreme anwesend.

Skodas politischer Ziehvater ist ein bekannter Neonazi aus NRW und Vater zweier Rechtsextremer, deren Prozess in Aachen wegen des Vorwurfes des Drogenhandels ab Februar beginnt. Als Neonazis im März 2014 durch Aachen marschierten, hielt Skoda eine Rede und drohte Gegendemonstranten: „Wenn ihr glaubt, wir sind Nazis, und wenn ihr glaubt, dass die Nazis all die Dinge begangen haben, die ihr in euren Geschichtsbüchern stehen habt, dann könnt ihr euch auf einiges gefasst machen!“

Hat sich Ralf S. im Jahre 2000 wirklich erhofft, dass Skoda ihm helfen würde? S. war bei den Hardlinern seinerzeit umstritten. Für einen Security- und Wachschutzdienst, den er neben seinem Laden betrieb, heuerte er dennoch „Kameraden“ an, einer davon wurde 2012 als V-Mann enttarnt.

Ralf S. beteuert heute, zu Hause gewesen zu sein, als die Bombe unweit seiner Wohnung am S-Bahnhof Wehrhahn ferngezündet wurde. Wie denn sein Hund auf den Knall der Explosion reagiert habe, wollte ein Ermittler von S. wissen. Wie er das denn wissen solle, der „war doch zu Hause“, entgegnete der Verdächtige — aus Sicht der Ermittler hat er sich damit ein weiteres Mal verraten.

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