Heinsberg: Bluttat in Heinsberg: Der Ablauf einer tödlichen Eskalation

Heinsberg: Bluttat in Heinsberg: Der Ablauf einer tödlichen Eskalation

Als bei der Heinsberger Polizei am 12. Juni ein Anruf verbunden mit der Bitte eingeht, eine Nachbarschaftsstreitigkeit in der Wurmstraße zu schlichten, ahnt niemand, dass am Ende des Tages ein Mensch tot sein und zwei weitere um ihr Leben kämpfen würden.

Die ersten Ermittlungen der Aachener Staatsanwaltschaft können nur einen Teil der offenen Fragen beantworten, dann ziehen die Staatsanwälte die Rechtsmediziner der Universität Köln hinzu. Anhand von am Tatort gesicherten Spuren sollen die Ärzte feststellen, was wann in der Wurmstraße passiert ist.

Nach zahlreichen Verhören steht mittlerweile weitgehend fest, wie ein Mann, dem ein Polizist lediglich in den Oberschenkel geschossen hatte, sterben konnte. Der Zeitablauf ergibt sich aus Auskünften der Staatsanwaltschaft Aachen und aus Recherchen unserer Zeitung.

Donnerstag, 12. Juni, 8.34 Uhr: Die Heinsberger Polizei wird darüber informiert, dass ein 35 Jahre alter Bewohner eines Mehrfamilienhauses in der Wurmstraße mit einer Eisenstange vor der Wohnungstür einer anderen Bewohnerin des Hauses steht und sie möglicherweise bedroht. Der 35-Jährige wohnt mit seinen Eltern in einer kaum 30 Quadratmeter großen Wohnung. Offenbar beschwert er sich über Geräuschbelästigungen, derentwegen er die Polizei zuletzt schon einige Male gerufen hatte. Größere Probleme entstanden bei den vorangegangenen Einsätzen nicht.

8.52 Uhr: Vier Polizisten treffen in der Wurmstraße ein, drei Männer und eine Frau. Sie betreten das Mehrfamilienhaus und nehmen im Flur das Gespräch mit dem 35-Jährigen und der Nachbarin auf. Zunächst deutet nichts auf eine Eskalation der Lage hin.

9.01 Uhr: Der 75 Jahre alte Vater des 35-Jährigen mit der Eisenstange kommt aus der Wohnung und hat ein Messer in der Hand. Ohne Vorwarnung attackiert er die vier Polizisten. Auch der 35-jährige Sohn zieht jetzt ein Messer und beteiligt sich am Angriff. Die beiden den Angreifern am nächsten stehenden Polizisten werden durch Stiche in den Oberkörper schwer verletzt, die Polizistin wird durch den Messerangriff ebenfalls verletzt, aber nicht schwer.

9.02 Uhr: Der vierte Polizist, der ebenfalls nur leicht verletzt wird, zieht seine Dienstwaffe und schießt dem 75-Jährigen in den Oberschenkel. Der 35-Jährige beendet seinen Angriff umgehend, sein Vater lässt das Messer fallen und stürzt getroffen zu Boden.

9.03 Uhr: Die leicht verletzte Polizistin und der Polizist, der den Schuss abgab, erkennen, dass ihre beiden am Boden liegenden Kollegen dringend Hilfe brauchen. Sie rufen den Notarzt und schaffen die beiden Kollegen aus dem Mehrfamilienhaus ins Freie.

Zur selben Zeit schleift der 35-Jährige seinen stark blutenden Vater in die gemeinsame Wohnung. Er beginnt, die Haustür zu verbarrikadieren.

9.08 Uhr: Mehrere Rettungswagen treffen ein, die beiden Polizisten, die Stichwunden am Oberkörper haben, werden sofort ins Krankenhaus gebracht. Der eine mit dem Krankenwagen, der andere mit dem Rettungshubschrauber. Bei ihm besteht Verdacht auf einen Stich in die Lunge, es besteht Lebensgefahr. Im Krankenhaus wird eine Notoperation vorbereitet.

Nach Eintreffen der Verstärkung aus der Heinsberger Kreispolizeibehörde beginnt sofort die Planung für eine Stürmung der Wohnung, in der sich der 35-Jährige, sein angeschossener Vater und seine Mutter befinden.

9.39 Uhr: Die Polizei stürmt die Wohnung, der 35-Jährige wird festgenommen. Momente später betritt ein Notarzt die Wohnung und kümmert sich um den angeschossenen Vater. Kurz darauf stellt er den Tod des Mannes fest, er ist verblutet.

Freitag, 13. Juni, mittags: Die Aachener Staatsanwaltschaft erklärt, dass sich beide Polizisten außer Lebensgefahr befinden. Der 35-Jährige sei in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen worden. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung auf.

Mittwoch, 2. Juli: Die Heinsberger Polizei teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass die vier Polizisten, die zuerst in der Wurmstraße eintrafen, noch nicht wieder dienstfähig und weiterhin krankgeschrieben sind. Die Aachener Staatsanwaltschaft bereitet die Anklage gegen den 35-Jährigen vor. Zwischenzeitlich prüften die Ermittler, ob der Mann sich durch das Verbarrikadieren, währenddessen sein angeschossener Vater starb, sich zusätzlich auch einer unterlassenen Hilfeleistung an seinem Vater schuldig gemacht haben könnte. Die diesbezüglichen Ermittlungen werden nach kurzer Prüfung aber wieder eingestellt. Den Schuss des Polizisten auf den 75-Jährigen bewerten die Staatsanwälte als Notwehr.

Der Prozess gegen den 35-Jährigen könnte Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres beginnen.