Jülich: Blindflug durch ein hochgefährliches Experiment

Jülich: Blindflug durch ein hochgefährliches Experiment

Positiv ausgedrückt sind Verantwortliche und Mannschaft der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) Jülich GmbH mit sehr viel Pioniergeist an ihre Aufgabe herangegangen. In den 50er Jahren bestand große Euphorie, durch Kerntechnik kostengünstige Energie zu erzeugen.

In Deutschland gab es auch den ausgeprägten Willen, den technologischen Vorsprung der damaligen Atommächte aufzuholen. In dieser Stimmung wurde auch der Kugelhaufenreaktor konzipiert, der zu den Hochtemperaturreaktoren zählt. Ab 1967 wurde auf dieser Basis in Jülich Strom erzeugt — für 21 Jahre. Zweieinhalb Jahrzehnte danach kommt die Aufarbeitung dieser Pionierarbeit zu einem ernüchternden Ergebnis: Der Kugelhaufenreaktor, der als „made in Germany“ ein Verkaufsschlager hätte werden sollen, ist auf ganzer Breite gescheitert. Es hat Manipulationen, Vertuschungen, Täuschungen, Beschwichtigungen und einen sehr ernsten Störfall gegeben, der hochgefährliche Folgen hätten haben können.

Christian Küppers, Vorsitzender der Expertengruppe, die im Auftrag des heutigen Forschungszen-trums (der ehemaligen Kernforschungsanlage) Jülich den AVR-Betrieb und die Störfälle untersucht hat, zieht im Gespräch mit unserer Zeitung dieses Fazit: „Vorher habe ich mir nicht vorgestellt, dass man an so eine gefährliche Technik in Deutschland so herangeht.“ Der Bericht listet zahlreiche Situationen auf, die mitunter sehr gefährlich waren. Das wohl brisanteste Beispiel ist der Dampferzeuger-Störfall. Diesem „großen“ Störfall im Mai 1978 waren im Februar drei kleinere vorausgegangen. Jedes Mal trat Wasser in den Primärkreislauf ein, traf auf hohe Temperaturen und verdampfte. Im Mai waren das sage und schreibe 27 Kubikmeter, also 27.000 Liter, die durch ein Leck am Dampferzeuger in den Primärkreislauf und damit in den Reaktorkern flossen. Hierbei entstanden gefährliche und hochexplosive Gase, weil das Wasser mit der Graphitummantelung der Brennelementkugeln reagieren konnte.

Der AVR-Kritiker und frühere Mitarbeiter des Forschungszentrums Rainer Moormann aus Aachen hat auf diese potenzielle Gefahr schon früh hingewiesen.

In letzter Konsequenz kann auch die Expertengruppe nicht sagen, in welcher Gefahr sich Jülich und die Region im Mai 1978 befunden haben. Die Fachleute kommen aber zu dem Ergebnis, dass dieser Störfall mindestens in die zweithöchste oder sogar die höchste Störfall-Kategorie hätte eingeordnet werden müssen. Tatsächlich wurde er mit Tolerierung der Aufsichtsbehörde in die niedrigste Stufe („geringe sicherheitstechnische Bedeutung“) eingestuft. Die Expertengruppe kann die Kritik, die am AVR geübt worden ist, vielfach bestätigen, sagt Vorsitzender Christian Küppers. Mit Blick auf den Störfall 1978 bleibt aber bei Küppers Ungewissheit: „Nach meinem Gefühl hat der Reaktor nicht knapp vor der Katastrophe gestanden.“ Kritiker Moormann hat mehrfach eine andere Meinung geäußert.

Gewiss ist hingegen, dass es vor dem und bei dem großen Störfall Manipulationen gegeben hat. Das Personal am AVR hatte schon bei den drei kleineren Wassereinbrüchen die Feuchtemessung so umgestellt, dass „die Reaktorschutzanregungen unwirksam wurden und der Reaktor wieder angefahren werden konnte“, so der Bericht. Auch Mitte Mai 1978 sei so verfahren worden, „um eine Schnellabschaltung zu vermeiden“. Dieses Handeln geschah ohne Genehmigung und wurde anschließend von der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde gerügt.

Zur Rolle der Aufsichtsgremien hat Christian Küppers eine klare Auffassung: „Die Aufsichtsbehörde war sich im Klaren darüber, was am AVR so vor sich geht. Aber sie hat es toleriert.“ Der Leiter der Expertengruppe kann das „nicht nachvollziehen“ und findet keine Gründe: „Ich weiß auch nicht, ob das auf den rheinischen Klüngel zurückzuführen ist...“

Spätestens nach dem Zwischenfall 1978 hätten die Kontrollgremien auf die gefährlichen Experimente in Jülich reagieren müssen. Das geschah aber nicht, obwohl die von den Manipulationen an den Sicherheitssystemen des AVR-Reaktors wussten. Es liegt die Vermutung nahe, dass die zuständigen Behörden nicht tätig wurden, weil zu befürchten war, das gesamte Jülicher AVR-Projekt zu gefährden.

Aus einem Schriftwechsel zwischen dem zuständigen Düsseldorfer Ministerium, dem Bundesinnenministerium und den Jülicher Forschern geht hervor, dass die behördliche Aufsicht umfassend informiert war. Am 21. Juli 1978 wird in einem internen Bericht des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales von Minister Friedhelm Farthmann (SPD) bemerkt, „dass der Grenzwert der Feuchte im Primärkühlmittel, bei dessen Überschreitung der Reaktor über eine Sicherheitsschaltung automatisch abgeschaltet wird, im laufenden Jahr zu höheren Werten verstellt worden ist“. Eine Genehmigung dieser Veränderung sei nicht eingeholt worden. Auch Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) wurde über die Vorgänge in Jülich informiert.

Öffentlichkeit unerwünscht

Noch im Juli trifft das zuständige NRW-Ministerium eine bemerkenswerte Entscheidung, mit der es die Jülicher Forscher in Schutz nimmt. Das Ministerium verheimlicht die Manipulationen am Jülicher Reaktor: „Eine Unterrichtung der Öffentlichkeit wird nicht für erforderlich gehalten“, heißt es in einem internen Bericht, der unserer Zeitung vorliegt. Eine Veröffentlichung der Vorkommnisse könne „zu spekulativen Fehlinterpretationen führen“, weil Vergleiche zu einem Zwischenfall im AKW Brunsbüttel nahelägen.

Im Juni 1978 waren zwei Tonnen radioaktiver Dampf aus dem Atommeiler an der Elbe entwichen. Es stellte sich heraus, dass Mitarbeiter eine Sicherheitsschaltung manipuliert hatten. Die öffentliche Empörung darüber war riesig. Die Anti-AKW-Bewegung wuchs. Wäre nun ans Licht gekommen, dass in Jülich ebenfalls Sicherheitsschaltungen manipuliert worden waren, hätte dies zum Aus des AVR-Reaktors in Jülich führen können. So jedenfalls die Befürchtungen des Ministeriums.

Eine juristische Bewertung der Manipulationen in Jülich hat nie stattgefunden. Zwar geht aus einem internen Schreiben des NRW-Arbeitsministeriums im Dezember 1978 hervor, dass zu prüfen sei, ob es sich bei den Handlungen des Jülicher Reaktor-Personals um eine Straftat handele.

Die Ermittlungen wurden jedoch nicht weiter verfolgt, letztlich gab es nur eine Rüge. Durch den Bericht über den AVR-Betrieb zieht sich wie ein roter Faden die mangelnde Kontrolle in vielen Bereichen und eben eine Art Blindflug durch eine gefährliche Technologie:
▶ Von 1967 bis 1988 war es niemals möglich, die Temperaturen im Reaktorkern verlässlich zu messen. Es hat überhaupt nur drei Messkampagnen gegeben: 1970, 1972 und dann erst 14 Jahre später 1986. Das Sicherheitskonzept am AVR beruhte unter anderem auf der Annahme, dass bis zu 1600 Grad Celsius die Spaltprodukte vollständig in den Brennelementkugeln zurückgehalten werden. Bei der letzten Kampagne mit Monitorkugeln, die Schmelzkörper enthielten, schmolzen auch solche mit 1280 Grad, was aber nur belegt, dass diese Temperatur mindestens erreicht worden ist.
▶ Außerdem zeigt der Bericht, dass es insbesondere zwischen 1974 und 1976 zu erhöhter Freisetzung von Radioaktivität im Reaktorkern gekommen ist. Zitat: „Für die Expertengruppe ist nicht nachvollziehbar, dass nach Auswertung der dritten Monitorkugelserie 1986 bis 1988 keine weiteren sicherheitstechnischen Analysen vorgenommen wurden.“
▶ „Es hat kein Umgebungsüberwachungsprogramm gegeben“, sagt Christian Küppers und erklärt damit, warum die Kontamination des Wassers in den Fundament-Betonkammern erst 20 Jahre nach dem Störfall von 1978 „zufällig“ entdeckt worden ist — in einem Regenwasserkanal, der über einen Mühlenteich in die Rur fließt. Als Ursache der Strahlenbelastung wurden Lecks beim Umpumpen von hochkontaminiertem Wasser nach dem Störfall 1978 angenommen. Küppers: „Alle potenziellen Wege nach außen müssen in die Überwachung eingebunden sein.“ Das war beim AVR nicht der Fall. Gleichwohl hat die Expertengruppe die Ergebnisse von Grund-, Trink- und Oberflächenwasser von 1978 bis 1999 ausgewertet. Sie hat auf der Basis des maximal in einem Jahr gemessenen Wertes die Strahlen-Dosis abgeschätzt, „die nicht überschritten worden sein kann“ — bei einem Dauerkonsum von Trinkwasser. Auch „eine extrem konservative Abschätzung“ führe zu so niedrigen Werten und Risiken, „dass ein Zusammenhang mit in der Umgebung zwischen 1990 und 1992 aufgetretenen Leukämiefällen nicht bestehen kann“. Entsprechende Befürchtungen hatte es im Raum Niederzier gegeben.

Doch „auch wenn von keiner gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung durch Kontamination von Boden und Grundwasser auszugehen ist“, habe dieser Umstand Stilllegung und Abbau des AVR erschwert, urteilen die Experten.

Nicht nur das: Er wird extrem teuer. Geschätzte Kosten: über eine halbe Milliarde Euro. Mindestens.

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