Philipp Schmitz wird alleine geweiht: Von einem, der auszog, Priester zu werden

Philipp Schmitz wird alleine geweiht : Von einem, der auszog, Priester zu werden

Am Samstag wird Philipp Schmitz im Aachener Dom zum Priester geweiht. Er ist im Bistum Aachen der einzige in diesem Jahr. Seine Entscheidung fällte Philipp Schmitz unweit der Grabeskirche.

Es gibt vermutlich auf der ganzen Welt keinen passenderen Ort für so eine Entscheidung. Dort in Jerusalem, in der Heiligen Stadt also, stellte der Student der Katholischen Theologie die Weichen für sich neu. Er wollte nicht länger nur „Magister Theologiae“, sondern vielmehr Priester werden. Als er zurückkam nach Deutschland, meldete er sich im Bistum Aachen zum Priesterseminar an. Das war 2015, inzwischen hat er ein einjähriges Praktikum absolviert und ist längst Diakon. Seit mehr als einem Jahr hilft er in der Aachener Gemeinde St. Donatus in Brand mit. Er predigt, tauft oder assistiert bei Trauungen.

Am heutigen Samstag, morgens um 9.30 Uhr, wird der 30-Jährige im Aachener Dom, wo das Sakrament immer gespendet wird, zum Priester geweiht.

Mit Glaubwürdigkeit gegensteuern

Die Institution Kirche ist in einer Krise, sie leidet unter einem eklatanten Mangel an Nachwuchs und Fachkräften – nicht nur im Bistum Aachen. In den letzten drei Jahren gab es hier nur drei Priesterweihen. Schmitz ist der einzige Kandidat in diesem Jahr, auch im nächsten Jahr wird niemand geweiht. Derzeit befinden sich nur ein Dutzend Kandidaten für das gesamte Aachener Bistum, das etwa eine Million Katholiken umfasst, auf dem Weg zur Priesterweihe. Das sind die ernüchternden Zahlen.

Schmitz nimmt sein Amt auf in der Phase, in der der katholischen Kirche Belegschaft und Anhänger abhanden kommen. „Die Marke Christentum rangiert irgendwo zwischen Deutscher Bank und Monsanto“, hat der Berufszyniker Micky Beisenherz vor ein paar Tagen in seiner „Stern“-Kolumne festgehalten. So kann man die Ausgangslage betrachten, in der der Diakon seine Weihe empfängt.

Wie man dagegensteuern kann? Philipp Schmitz benutzt häufig das Wort „Glaubwürdigkeit“. Er spricht von einem „lebendigen Gemeindeleben“ und „von Priestern oder pastoralen Mitarbeitern, mit denen man sich identifizieren kann“, das listet er auf. Wenn man sich an St. Donatus umhört, sagen die Gemeindemitglieder, dass er sehr gradlinig und lösungsorientiert sei.

Und zudem sehr positiv und sehr nahbar. „Es gibt eine andere Zeitsignatur, der Glaube ist nur noch selten ein lebensbestimmendes Thema“, sagt der angehende Priester. Aber das sei auch eine Chance, meint er, weil zu viel Hochachtung auch immer große Distanz bedeute.

Schmitz will mit seiner munteren Art wieder die Neugier wecken. Er gehört einer neuen unbelasteten Priestergeneration an, die sich anhören und ausbaden muss, welche Verfehlungen es über Jahrzehnte gegeben hat und wie diese vertuscht wurden. Im Priesterseminar wird der Missbrauchsskandal längst ausführlich thematisiert.

Die Debatte über den strukturellen Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch durch Kirchenleute wird inzwischen geführt. „Es ist ein wichtiges Thema, aber es dominiert nicht meinen Alltag in der Gemeinde“, sagt er. „Ich spüre keine Vorbehalte oder Verkrampfungen.“ Er mag es nicht, wenn die Kirche auf dieses eine furchtbare Thema reduziert wird im öffentlichen Diskurs.

Menschen wie Schmitz gehören zu den Hoffnungsträgern ihrer Kirche. Weil sie glaubwürdig und durchaus von dieser Welt sind. Während seiner Ausbildung und zu Beginn des Studiums hatte er eine Freundin. Sie kam aus der gemeinsamen Heimatstadt. Sie sind immer noch „freundschaftlich verbunden“. Schmitz hat sie eingeladen zu seiner Weihe.

Der Priester selbst muss unverheiratet bleiben. Der Zölibat, so sieht er es, sei eine Lebensform, wie viele andere auch, die man bewusst eingehe. „Sie bietet viele Herausforderungen und Chancen, sie kann gelingen, auch scheitern“, sagt er. „Das ist eine Analogie zur Ehe.“

Vor einem Jahr ist Schmitz in seiner Heimatgemeinde zum Diakon geweiht worden. Er war auch damals der einzige Kandidat in seinem Jahrgang. Und so fand die Zeremonie in Korschenbroich statt. In der Gemeinde ist er aufgewachsen, hat Grundschule und Gymnasium besucht, war lange Messdiener, und als er sich in der Pfarrjugend engagierte, wurde er auch in den Pfarrgemeinderat gewählt, weil dort der Nachwuchs eingebunden werden sollte.

Nach seinem Abitur, in dem Religion als viertes mündliches Fach am Rande auftauchte, hat er den Zivildienst beim Caritasverband in Mönchengladbach verbracht. Er sollte das Hausnotruf-System den Senioren vorstellen und installieren. „Wenn man so will, waren das meine ersten Hausbesuche und meine ersten seelsorgerischen Kontakte“, sagt er. Viele ältere Zuhörer freuten sich einfach über einen jungen Mann, der neben dem Alarmknopf auch immer ein bisschen Zeit mitbrachte.

Schon als diese neun Monate vorbei waren, war ein Theologiestudium eine Option. Ein bisschen fehlte damals aber der Mut, denn als Theologe gibt es nicht so viele weitere Möglichkeiten. „Ich habe mich dann erst einmal für etwas Vernünftiges entschieden“, grinst Schmitz. So wurde aus ihm ein Industriekaufmann. Das Interesse aber an biblischen Themen wurde während der zweijährigen Ausbildung eher größer.

„Wie kann man sich die Auferstehung vorstellen, was bedeutet Ostern?“, sind Fragen, die ihn schon damals bewegen. „Ich habe mich gerne mit solchen Themen beschäftigt, je älter und reflektierter ich wurde, wurden sie für mich immer sinnstiftender“, sagt er. Die Leidenschaft wird größer und damit auch der Mut.

Schmitz meldete sich zum Theologiestudium in Münster an, Europas größter theologischer Fakultät. Dann kam auch noch ein bisschen Betriebswirtschaftslehre dazu. Ein paar Semester später gab es die Möglichkeit für ein „theologisches Studienjahr“ im Ausland. Schmitz machte sich auf ins gelobte Land. Dieses spannende Jahr in der Heiligen Stadt verändert vieles. Das hat mit dem Land und auch dem Spirit dieser Stadt zu tun. Schmitz betreibt biblische, ökumenische und archäologische Studien in Jerusalem.

Aber es gibt dann noch die persönlichen Studien. Schmitz sitzt da in seinem kleinen Zimmer, weit weg von zu Hause und ist in einer anderen Gedankenwelt. Es gibt seit langem eine Frage, bislang wird sie unterdrückt, aber nun ist sie da, groß und unausweichlich: Traue ich mir den Priesterberuf zu? Schmitz nimmt sich vor, eine Antwort während seiner Zeit in Jerusalem zu finden. „Ich wollte mich prüfen“, sagt er. Als er Ende 2015 zurückkommt, gibt es keine Zweifel mehr, er bewirbt sich beim Regens des Bistums. Er will Priester werden.

Florian Schmitz ist überrascht, als ihm sein Bruder diese Entscheidung mitteilt. Auch er ist gläubig, aber er kann der Liturgie und den Machtstrukturen der Kirche nicht so viel abgewinnen. „Sich für die Kirche zu entscheiden, ist schwierig“, sagt der Architekt. Aber er sieht die Leidenschaft des älteren Bruders. „Ich verstehe seinen Weg. Menschen in guten, aber auch in schlechten Zeiten zu begleiten, ist eine Fähigkeit. Dafür beneide ich ihn. Mein Bruder hat viel Empathie erlernt, er hat sich sehr entwickelt“, beobachtet der 28-Jährige.

Philipp Schmitz sagt, dass er schon die Zeit als Diakon als „sehr bereichernd“ empfunden habe: „Jetzt freue ich mich unglaublich auf die Zeit als Priester, weil der Beruf so viele Facetten hat.“ Es gibt Tage, an denen auf eine Taufe eine Beerdigung folgt, Anfang und Ende innerhalb weniger Stunden. Der Beruf kennt keine Arbeitszeiten, Seelsorger arbeiten rund um die Uhr. Das hat seinen Reiz, weil es die Tage ausfüllt. Aber es erhöht auch die Anforderungen an die wenigen, die die kirchlichen Aufgaben noch wahrnehmen.

Schon lange müssen sich mehrere Pfarreien einen Pfarrer teilen. „Das bedeutet, dass wir uns überlegen müssen, auf welche Weise wir die Priester entlasten können, damit sie mehr Zeit für ihre eigentlichen seelsorgerischen Aufgaben haben können. Und wir müssen gemeinsam überlegen, wie unsere Kirche von Morgen aussehen soll“, sagt etwa Margherita Onorato-Simonis, die Hauptabteilungsleiterin Pastoralpersonal im Bischöflichen Generalvikariat.

Monsignore Dr. Stefan Dückers, der Schmitz als Leiter des Priesterseminars in den letzten Jahren begleitet hat, beschreibt, dass der angehende Priester viele Begabungen für den künftigen priesterlichen Dienst mitbringe: Intellektuelle Fähigkeiten, hohe fachliche Kompetenz, „vor allem aber einen sehr emphatischen und verbindlichen Umgang mit den Menschen“.

Und dann fügt er noch an, dass Schmitz immer wieder den Sprung ins kalte Wasser gewagt habe bei seiner Gemeindearbeit. Schmitz findet, dass so ein pastoraler Alltag viel kaltes Wasser mit sich bringe. „Es gibt jeden Tag neue Herausforderungen.“

Das Abschlussgespräch mit Bischof Helmut Dieser, der immer grünes Licht für die Kandidaten geben muss, hat er schon hinter sich. Wenn man Schmitz fragt, was er denn im Gegenzug von der Kirche erwartet, sagt er: „Ich erwarte und erhoffe mir von der Kirche, dass sie eine freudige Gemeinschaft von Christinnen und Christen ist, die nicht um sich selbst kreist, sondern um Christus; dass sich ganz unterschiedliche Menschen einbringen mit ihren Fähigkeiten und Begabungen.“ Eine Gemeinschaft.

Schon bald wird er seine Koffer packen. An St. Donatus wird Pfarrer Schmitz zu Pfingsten noch seine Primiz feiern, dann muss er die Gemeinde verlassen. So ist es üblich. Der Kaplan wird im Sommer in der Erkelenzer Pfarre Christkönig beginnen. Wieder steht ein Sprung ins kalte Wasser an.