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Bistum Aachen: Verantwortliche für Missbrauch sollen „Bußgeld“ zahlen

Bistum Aachen : Verantwortliche für Missbrauch sollen „Bußgeld“ zahlen

Das Bistum Aachen fordert von noch lebenden Mitverantwortlichen für sexuellen Missbrauch ein Zeichen der Reue und will sie finanziell an den Hilfen für die Opfer beteiligen. Derzeit werde geprüft, was aus Sicht des Bistums ein angemessenes „Bußgeld“ sei.

Hilfen und Entschädigungszahlungen an Missbrauchsopfer sollen nicht aus Kirchensteuermitteln geleistet werden, betonte Aachens Bischof Helmut Dieser am Montag in einer Online-Pressekonferenz. Das Geld solle aus einem eigens eingerichteten Fonds kommen, der sich durch Verzicht an anderer Stelle fülle und auch durch „freiwillige, persönliche Verzichte durch heute Lebende, die sich schuldig gemacht haben“, sagte Dieser. Generalvikar Andreas Frick sprach von einem „angemessenen Bußgeld“. Ab 1. Januar sollen die Zahlungen an die Opfer nach seinen Worten „unbürokratisch, sicher und schnell auf den Weg kommen“.

Das Gutachten, das am Freitag vorgelegt worden war, hatte als noch lebende Mitverantwortliche explizit Altbischof Heinrich Mussinghoff und den früheren Generalvikar Manfred von Holtum benannt. Ihnen und bereits verstorbenen früheren Verantwortungsträgern wurde attestiert, am Schutz der Täter und nicht an der Fürsorge für die Opfer orientiert gewesen zu sein.

Sie hätten eine „unverdiente Milde“ gegenüber verdächtigten und verurteilten Geistlichen walten lassen und sie teils wieder in der Seelsorge eingesetzt. Mussinghoff und von Holtum hatten zuvor einer Veröffentlichung des Gutachtens aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes widersprochen.

Bischof Dieser rief Mussinghoff und von Holtum am Montag zu einem „Zeichen der Reue“ auf. Das Gutachten werte nicht ihre Lebensleistung ab, betonte Dieser. Er bat sie aber um einen Prozess der Selbstreflexion, um „die eigene Verantwortung im systemischen Ganzen“ zu erkennen. Das sei schmerzhaft, könne aber Opfern helfen.

Bei einem persönlichen Gespräch am Samstag habe er Mussinghoff geraten, diesen Prozess der Selbstreflexion zu gehen und auf weitere juristische Schritte zu verzichten. Ob Mussing­hoff diesem Rat folgt, hat er nach eigenen Angaben von Montag noch nicht entschieden. Zugleich betonte er gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur: „Ich will nicht den Krieg im Bistum.“

Der amtierende Bischof Dieser fordert von Mussinhoff das, was er von allen Handelnden im Bistum erwartet: einen Kulturwandel. Die Perspektive der Opfer müsse künftig im Mittelpunkt stehen, vielfältige Formen von Klerikalismus müssten erkannt und überwunden werden. „Wir dürfen uns in der Kirche den Priestern nicht enger verbunden fühlen als den Opfern“, sagte Dieser. „Wir dürfen die Priester nicht als einen höheren, privilegierteren Stand in der Kirche ansehen“, sagte Dieser. Die Weihe schütze nicht vor Ahndung.

Aktenführung wird modernisiert

Personalchefin Margherita Onorato-Simonis berichtete von einer Mitarbeiterin, die vor zehn Jahren mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt von Verantwortlichen weggeschickt und zum Schweigen verpflichtet worden sei. Heute werde jedem Verdachtsfall nachgegangen, versicherte sie. Zudem soll die Aktenführung modernen Standards angepasst werden. Die Gutachter hatten lückenhafte und gesäuberte Personalakten festgestellt.

Dieser bezeichnete das Gutachten nur als „ersten Schritt der Aufarbeitung“. Er kündigte die Einrichtung einer unabhängigen Kommission mit Experten unter anderem aus Wissenschaft und Justiz an, die die Aufarbeitung des Missbrauchs nach einheitlichen Kriterien vorantreiben soll. Zudem wolle er Betroffene ermutigen, einen Beirat zu bilden, der mit dem Bistum bei der Aufarbeitung zusammenarbeitet. Über weitere Schritte soll spätestens Ende Januar informiert werden.