Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus

„Es fühlt sich gut an“ : Schlangestehen für den Kirchenaustritt

In der Amtsstube für Kirchenaustritte wird jeden Tag über Gott und die Welt diskutiert. Viele haben „keinen Bock mehr“ auf Kirchensteuer. Andere hadern mit den Klerikern. Und einige wenige bekommen kalte Füße.

82 Jahre alt ist die Dame mit den schlohweißen Haaren, und jetzt will sie aus der Kirche austreten. Nicht dass sie auf ihre alten Tage vom Glauben abgefallen wäre, doch die 45 Euro Kirchensteuer im Monat sind nach dem Tod ihres Mannes einfach zuviel. Sie hofft, dass sie auch nach dem Austritt weiter in den Gottesdienst gehen kann: „Niemand darf davon erfahren.“

In der Amtsstube für Kirchenaustritte wird man in schneller Taktung mit Lebensschicksalen konfrontiert. Im ehemals „Heiligen Köln“ befindet sich die Dienststelle in einem gewaltigen Gerichtsgebäude aus der Kaiserzeit. Dort sitzt in Zimmer 47 die Justizbedienstete Manuela Proestel (54), die ausschließlich Kirchenaustritte bearbeitet. Sie hat damit gut zu tun, denn jeden Tag kommen 30 bis 50 Bürgerinnen und Bürger zu ihr.

Bundesweit sieht es nicht anders aus: Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. 216 000 Menschen verließen im vergangenen Jahr die katholische Kirche, das sind 48 500 mehr als 2017. Bei den Protestanten traten 220 000 Menschen aus der Kirche aus, 23 000 mehr als im Vorjahr.

Man könnte meinen, dass Frau Proestels Arbeit monoton wäre, denn sie stellt jedes Mal die gleichen vier Fragen: „Aus welcher Kirche treten Sie aus? Was ist Ihr Familienstand? Haben Sie noch Ihren ursprünglichen Familiennamen? Wollen Sie Ihren Taufort angeben?“ Die letzte Angabe ist freiwillig, hilft der Kirche aber dabei, den Namen in den Akten schneller zu finden. Dann unterschreibt man noch ein Formular, und das war's. Alles zusammen dauert nicht länger als drei Minuten. Gebühr: 30 Euro.

Manchmal sitzen die Leute aber doch länger bei Frau Proestel. Dann diskutieren sie mit ihr über Gott und die Welt. Es kommen zum Beispiel über 80-Jährige, die ihr ganzes Leben katholisch gewesen sind und jetzt unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals doch noch einen Schlussstrich ziehen wollen.

Auch die 30 Jahre alte Vanessa ist mit der Religion aufgewachsen. Sie besuchte ein katholisches Gymnasium, war Messdienerin. „Deshalb ist das hier heute schon ein aufregender Schritt für mich, den ich auch ein paar Mal hinterfragt habe“, erzählt sie. „Aber es fühlt sich gut an.“ Den Ausschlag gab auch bei ihr der Umgang der Kirche mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Kleriker und die Haltung zu Homosexualität und zur Ehe für Alle. Beim Amtsantritt von Papst Franziskus habe sie noch einmal kurz gehofft, es könne sich etwas ändern. „Aber da kam ja dann auch nichts“.

Bei Laura Freidank (33) verlief die Entfremdung von der evangelischen Kirche schleichend. Jetzt stellt sie fest: „Ich habe viele andere Ankerpunkte in meinem Leben, so dass mir das nicht mehr so wichtig ist.“ Und an ein „höheres Wesen“ könne man auch so glauben.

Eine 30 Jahre alte Lehrerin macht sich darüber Gedanken, wie sie es ihren Eltern beibringt: „Das blüht mir morgen Nachmittag.“ Jan (27) will sich lieber nicht fotografieren lassen, weil sein Vater bei der Kirche arbeitet.

Die meisten nennen finanzielle Gründe für ihren Austritt - was auch durch Umfragen bestätigt wird. Eine Studie des Bistums Essen ergab im vergangenen Jahr als wichtigste Austrittsgründe die Kirchensteuer, eine Entfremdung oder fehlende Bindung zur Kirche, die rückständige Haltung und das Erscheinungsbild der Kirche sowie Glaubenszweifel.

„Ich hab' keinen Bock mehr, die Kirchensteuer zu zahlen“, sagt der 37 Jahre alte Michael. Achim ist stattdessen jetzt in eine Gewerkschaft eingetreten. Eine 31 Jahre alte Frau will das Geld lieber in Aktien investieren.

Manuela Proestel ist unter dem Eindruck der vielen Gespräche inzwischen selbst aus der Kirche ausgetreten. „Den Glauben kann mir keiner nehmen, aber ich muss dafür nicht bezahlen“, sagt sie. Was sie früher an Kirchensteuer abgegeben habe, spende sie jetzt für den Tierschutz. Hinter ihr an der Wand hängen Bilder ihrer Hunde.

Einmal hat sie es erlebt, dass einer jungen Frau plötzlich Zweifel kamen. „Da habe ich gesagt: "Überdenken Sie das nochmal." Ich habe sie nicht mehr wiedergesehen.“ Vor zwei Wochen trat ein junger Mann aus, rief sie aber kurz danach an und fragte, ob er die Entscheidung rückgängig machen könne. Da es noch am selben Tag war, war das möglich. Alle, die später kommen, müssen sich an die Kirche wenden. Manuela Proestel kann dann nichts mehr für sie tun.

(dpa)
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