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Im Corona-Jahr gibt es keine Pilgergruppen nach Kevelaer

Maria und die Corona-Betrübten : Kevelaer-Wallfahrt in der Krise

Hunderttausende pilgern in der Wallfahrtszeit zur Maria nach Kevelaer und erhoffen sich Trost und Hilfe. Wegen Corona bleiben dieses Jahr die Pilger aber massenweise weg. Ein harter Schlag für die Stadt.

Die Heilige Maria kann da nur bedingt trösten: Jutta Pesch sitzt an diesem Freitag in Kevelaer vor ihrem „Goldenen Apfel“ - den Blick auf den mittelalterlichen Kapellenplatz. Mit der mächtigen Basilika und der Gnadenkapelle ist der Platz das Herzstück der großen Wallfahrt am Niederrhein. „Normalerweise wären jetzt alle Tische besetzt, hier und in den Cafés. Die Leute würden über den Platz strömen. Pilgergruppen wären da“, sagt sie. Normalerweise. Jetzt ist Corona-Krise. Die großen einziehenden Pilgergruppen mit zum Teil Hunderten von Menschen, singend, das Kreuz vor sich hertragend – eine Sehnsucht.

Die 54-jährige Frau ist Inhaberin eines alteingesessenen Pilgerhotels, in der dritten Generation. Ihr Blick gleitet über den spärlich belebten Platz – trotz allem wie sonst prächtig mit Blumen geschmückt. Die Frau zählt schon nicht mehr die Absagen, die seit Wochen täglich bei ihr eingehen. Zuerst der Schock bei der Nachricht, dass Pilger bis Ende August wegen Corona nicht kommen dürfen, jetzt die schlaflosen Nächte. Die Pilgergruppen seien die Existenz des Hauses. „Das ist eine Katastrophe. Auch für die ganze Stadt.“

Die kleine Stadt am Niederrhein gilt nach Altötting als zweitgrößter Wallfahrtsort in Deutschland. Rund 800.000 Pilger strömen normalerweise von Mai bis November nach Kevelaer, um Trost und Hoffnung zu suchen bei Maria, „Trösterin der Betrübten“, und um sie zu verehren. Sie halten inne vor dem kleinen Andachtsbild in der Kapelle – dem so genannten Gnadenbild - mit dem vor über 370 Jahren alles begann. Erst mit Eröffnung der Wallfahrt am 1. Mai, wird ein Fenster der Gnadenkapelle geöffnet, damit der kleine Kupferstich von außen zu sehen ist.

Als sich das Virus im Februar in NRW ausbreitete und die Stimmung trübte, öffnete Wallfahrts-Rektor Gregor Kauling das Fenster schon viel früher. „Wenn alles zu geht, geht ein Fenster auf“, so wollte er ein Zeichen setzten. Durch die ganze Corona-Situation habe sich die „Tonlage“ der Wallfahrt verändert: Auch an diesem Sonntag werden in der mächtigen Basilika, die über 1000 Menschen fasst, wieder nur 150 Gläubige zugelassen. Statt des imposanten Chorgesangs und der Orchestermusik, werde es Vokalgesang von fünf Menschen geben. Es sei eine Wallfahrt der Stille und Empathie – und natürlich Spiritualität.

Küsterin Monika Hetjens kümmert sich um die prächtigen Hortensien, die die Gottesmutter am Altar schmücken – egal, wie viele Pilger kommen. „Ich mach das doch nicht für die Pilger, sondern für Maria und den Herrn!“

Petra Gavaz macht Eis nach italienischem Rezept. Es ist ihre 40. Saison in dem Eiscafé. Sie kennt auch die anderen Eisdielen und die Konditoreien. „Wenn Wallfahrt ist, dann ist Arbeit genug da für alle“, sagt sie. Aber jetzt sei der Umsatz um 70 Prozent eingebrochen.

Ganz gleich in welches Geschäft in der Innenstadt man an dem Morgen reinschaut – ob Buchladen, Boutique oder Verkauf von Kreuzen und Kerzen – kein Kunde. „Der Ausflug nach Kevelaer ist ein Gesamtpaket: Man geht in die Kirche, kauft eine Kerze, geht was essen und wenn man auf dem Rückweg noch eine schöne Bluse sieht, dann nimmt man die auch noch mit“, sagt Marion Piegenschke in ihrem Kerzengeschäft.

Wenn wie jetzt auch bei ihr keine Kunden kommen, arbeitet sie an neuen Kerzenmotiven. So ist auch ihre „Hoffnungskerze“ entstanden. Viele Pilger seien ältere Menschen. Die würden aus Angst vor Ansteckung eher zu Hause bleiben.

Eine betagte Frau ist an dem Morgen eine der wenigen, die an der sogenannten „Kerzenkapelle“ eine Kerze anzünden und aufstellen. Normalerweise leuchten hier an einem Wallfahrts-Freitag Hunderte Kerzen. Hedwig (87) erzählt dass sie vorher gesundheitlich angeschlagen war. Jetzt geht es ihr besser und sie ist dankbar.

(dpa)