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Gottesdienste: Corona-Weihnacht zwingt Kirchen zur Kreativität

Gottesdienste : Corona-Weihnacht zwingt Kirchen zur Kreativität

Noch einen Monat, dann ist die Corona-Weihnacht da. Wenig wird so sein wie sonst – ganz besonders bei den Gottesdiensten. Viele Gemeinden haben sich aber etwas einfallen lassen.

Normalerweise sind die Kirchen an Heiligabend überfüllt. Die Leute drängen sich in den Gängen, viele singen aus Leibeskräften Weihnachtslieder mit. All das ist im Coronavirus-Jahr unmöglich. Gleichzeitig wissen die Kirchen, dass sie gerade in Krisenzeiten gefragt sind. Sie müssen also kreativ werden.

In den meisten Kirchen dürfte es an Heiligabend deutlich mehr Gottesdienste geben als sonst, sie werden aber kürzer ausfallen. Der Besuch wird häufig über ein Online-Ticketsystem geregelt. Zu dicht hintereinander dürfen die Gottesdienste aber auch nicht gestaffelt sein: Zwischendurch muss immer wieder desinfiziert und gelüftet werden.

Daneben werden vielerorts Gottesdienste unter freiem Himmel abgehalten, in einigen Städten wie etwa in Bielefeld sogar in Fußballstadien. Der evangelische Präses Manfred Rekowski will an Heiligabend einen Gottesdienst auf einem Wuppertaler Friedhof zelebrieren. Der katholische Pastoralverbund Balve-Hönnetal im Sauerland bereitet auf dem Kirchplatz einen Stationen-Gottesdienst vor: Dabei geht man von Hütte zu Hütte, an der einen wird gesungen, an der nächsten etwas vorgelesen. Eine Gemeinde im Münsterland wiederum veranstaltet „Hirtengänge“ zu Bauernhöfen, wo dann die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird.

Die evangelische Gemeinde St. Markus in Hamburg plant ein Krippenspiel quer durch den Stadtteil Hoheluft: Auf zehn Balkonen stehen Konfirmanden, die dem Publikum auf dem Bürgersteig kurze Teile des Krippenspiels präsentieren. In der Hamburger Gemeinde Meiendorf-Oldenfelde will sich Pastor Ulf Werner im Talar auf sein Lastenfahrrad schwingen und mit der Aktion „Klingel Bells“ Weihnachten zu den Menschen bringen. Begleitet wird er von Mitgliedern des Gemeindechors, verkleidet als Rentiere. „Da die Zeiten düster sind, möchte ich mit ein bisschen Augenzwinkern und Lichterketten etwas Hoffnungsleuchten verbreiten“, sagt Werner.

Auch in Hessen werden fleißig Ideen gesammelt: Dazu gehören wandernde Krippen, die auf Traktor-Anhängern durch die Straßen gefahren werden sollen und für kurze Stopps anhalten. Oder Weihnachtskonzerte im Innenhof von Pflegeheimen.

Die Anbindung an die Heimatgemeinde oder einfach an die nächstgelegene Kirche dürfte in diesem Jahr weniger selbstverständlich sein als sonst. Vermutlich würden sich diesmal viele Menschen aus den unterschiedlichen Konzepten das für sie passende heraussuchen, sagt die Religionssoziologin Anna Neumaier vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Universität Bochum. „Will ich lieber in die Halle? Will ich lieber Open-Air? Oder will ich lieber zu Hause bleiben und mir einen Gottesdienst im Internet anschauen?“

Eine große Frage ist, wie sich die vielen Menschen verhalten werden, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen und dementsprechend keine Anbindung an eine Gemeinde haben. Wenn sie sich entscheiden sollten, dieses Jahr einfach mal auszusetzen, könnte das auf ihre endgültige Abnabelung hinauslaufen. „Vielleicht schalten sie dann dieses Jahr einfach den "Kleinen Lord" im Fernsehen an und denken sich: "Ach, das ist auch ganz nett."“, sagt Neumaier. „Wenn Familien dann erstmal ein neues Ritual entwickeln, ist die alte Tradition in Gefahr. Insofern ist es interessant zu sehen, ob sich in den nächsten Jahren Spätfolgen zeigen.“

Wieder einmal beschleunigt Corona damit einen sowieso schon existierenden Trend: Der Standard-Sonntagsgottesdienst hat seit langem immer weniger Zulauf. Wenn überhaupt, sind kreative und auf einzelne Zielgruppen zugeschnittene spirituelle Angebote gefragt. Dieses Jahr müssen die Kirchen an Weihnachten beweisen, dass sie sich noch auf neue Situationen einstellen können.

(dpa)