Ausstellung Widerstand im Rheinland 1933-1945 auf Ordensburg Vogelsang

Ausstellung in Vogelsang : Das Bistum Aachen im Nationalsozialismus

Ein Bonner Historiker forscht intensiv zur Geschichte der Katholiken in der NS-Zeit. Dabei untersucht er auch, wie sich Katholiken im Bistum Aachen im Nationalsozialismus verhielten. Dass diese Frage nicht einfach und kurz im Sinne von „gut“ oder „schlecht“ beantwortet werden kann, dürfte kaum überraschen.

Franz Coenen war einer von wenigen. Der Pfarrer predigte in den 1930ern öffentlich gegen den Nationalsozialismus, kritisierte die NS-Rassenlehre und die Erziehungsdiktatur und machte klar, dass dieses System nicht mit dem Christentum vereinbar sei. Daraufhin war er ständiger Überwachung, mehrfachen Verhören, Verwarnungen, Versetzungen und Haftstrafen ausgesetzt, ließ sich aber nicht unterkriegen. 1939 verstarb er, womöglich unter diesem Druck, nach einer Messe.

Solche Geschichten von Priestern, die sich öffentlich gegen das NS-Regime stellten, seien Einzelfälle gewesen, erklärt Helmut Rönz vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte. Er untersucht, wie sich Katholiken im Bistum Aachen im Nationalsozialismus verhielten. Dass diese Frage nicht einfach und kurz im Sinne von „gut“ oder „schlecht“ beantwortet werden kann, dürfte kaum überraschen. Das komplexe Thema lässt sich nicht vereinfachen.

Weder haben das Bistum und die Katholiken gänzlich die Nationalsozialisten unterstützt, noch hat es durchweg kirchlichen Widerstand gegeben. „Es sind Schattierungen, Einzelkonflikte“, sagt Rönz. Er stieß bei seinen Recherchen auf viele unterschiedliche Lebensgeschichten. „Es gibt unter Klerikern einen geringen Prozentsatz, der für die Nationalsozialisten spitzelte, dann haben wir die große Masse von denen, die versuchten, irgendwie durchzukommen. Und dann haben wir einen kleinen Prozentsatz von Priestern und Laien, die sich auch mal gegen das System stellten“, erzählt Rönz.

Es habe Priester gegeben, die Juden versteckten, und solche, die sich für Jugendliche einsetzten und das NS-Regime kritisierten wie Pfarrer Coenen. Ebenso traf Rönz bei seinen Recherchen auch auf Priester, die Informationen und Gerüchte aus der Kirche an die Gestapo verkauften und sich von den Nationalsozialisten einspannen ließen. „Wir rechnen mit etwa 40 Priestern, die für die Gestapo spitzelten. Das ist jedoch nur eine Schätzung. Wir wissen keine genauen Zahlen“, erzählt der Historiker. Das müsse noch genauer untersucht werden.

Ausstellung in Vogelsang

Anstoß zu der Forschung gab das Bistum Aachen, indem es Rönz zu einem Gespräch mit Experten einlud, wie das Kameradschaftshaus in der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang genutzt werden könnte. Man war von Seiten des Bistums auf das LVR-Projekt „Widerstand im Rheinland 1933-1945“ aufmerksam geworden, das den Widerstand gegen die NS-Diktatur erforscht. Rönz schlug vor, der Geschichte des Bistums Aachen im Nationalsozialismus nachzugehen.

Vogelsang sei für dieses Thema der passende Ort. Gemeinsam mit der Nationalparkseelsorge und dem Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Bonn planten das Bistum und das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte eine Ausstellung für die Räume in Vogelsang.

30 Geschichten werden in dieser Ausstellung erzählt, von Kaplänen, Pfarrern, Gläubigen und ehemaligen Kirchenmitgliedern, die Nationalsozialisten wurden, darunter 20 biographische sowie zehn Ereignisgeschichten zu Themen, die im Umfeld von Kirche von Bedeutung sind.

Zwar handle es sich dabei um Einzelschicksale, aber sie stünden „paradigmatisch für gewisse Entwicklungslinien“, betont Rönz: „Wenn wir von Menschen erzählen, die sich dem Nationalsozialismus verschrieben haben, dann nähern wir uns auch der Frage, wie Menschen mit christlicher Sozialisation Nationalsozialisten wurden.“ Dahinter verbergen sich Fragen, die über die reine Geschichtsvermittlung hinausgehen: Was hält uns davon ab, ein solches System zu unterstützen und was eben nicht?

Rönz hatte im Rahmen seines Projekts zum Widerstand im Rheinland schon zahlreiche Informationen zu dem Thema gesammelt. Trotzdem wühlte sich sein Team weiter durch staatliche und kirchliche Archive in Duisburg, Koblenz, Köln, Aachen und Berlin. Man müsse wissen, was man bei der Recherche sucht, sagt der Historiker, und diese Informationen aus den Akten herauslesen und mit anderen Informationen zusammenbringen. Für manch einen mag diese Arbeit nicht spannend klingen, doch Rönz findet: „Archivarbeit ist immer so ein bisschen Indiana Jones. Das sind Akten, die wurden manchmal noch gar nicht gelesen. Oder die wurden unter anderen Fragestellungen gelesen. So kommt man auf neue Ergebnisse, die so noch nicht gedacht und erkannt worden sind.“

So fand er beispielsweise heraus, warum der Bischofsstuhl in Aachen zwischen Oktober 1937 und Mai 1943 nicht besetzt war. Dies lag nicht an den Nationalsozialisten, sondern am Vatikan. Der befand sich mit Berlin wegen der Bischofsbesetzung im Streit, da ein Kandidat von Berlin abgelehnt worden war. Nun wehrte sich der Vatikan gegen diese Einmischung. „Das ist eine Sache, die war so klar noch nicht belegt“, erzählt Rönz.

Noch viel zu erforschen

Vieles in der Geschichte des Bistums Aachen zur Zeit des Nationalsozialismus ist noch nicht erforscht. Das bestätigt auch Rönz. Lohnenswert fände er Forschungen zu den Gestapo-Spitzeln oder eine Geschichte der Aachener katholischen Jugendverbände im Nationalsozialismus. Wichtig wäre auch eine allgemeine Geschichte des Bistums zur NS-Zeit, die es bis heute noch nicht in umfassender Form gibt. Doch dazu wären laut Rönz noch eine Reihe von Mikro-Studien nötig.

Dem ist das Bistum Aachen nicht abgeneigt: „Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie erweitert werden kann. Bei den breit angelegten Archivrecherchen zur Ausstellung wurde auch viel Neues ans Tageslicht gefördert, das für weitere Forschungen sicher interessant ist“, antwortete das Bistum auf Anfrage unserer Zeitung. Vor allem sei es dem Bistum wichtig, „das komplexe Verhältnis von katholischer Kirche zum Nationalsozialismus selbstkritisch zu thematisieren und sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen“. Das Bistum hat für das Projekt in Vogelsang nicht nur den Anstoß gegeben, sondern es auch vollständig finanziert.

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