Bis zu 50.000 Demonstranten am Hambacher Forst

Bis zu 50.000 Demonstranten : „Größte Kundgebung aller Zeiten im Tagebau“

Als Uwe Hiksch vor ein paar Wochen die Demonstration am Hambacher Forst angemeldet hat, hatte er den Behörden eine maximale Besucherzahl von 5000 angegeben. „Die haben wir uns erhofft.“

Nun ist der Tag der Kundgebung „Wald retten, Kohle stoppen“ angebrochen und Hiksch, Mitglied im Bundesvorstand der Naturfreunde Deutschlands, kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Er steht auf einem Grundstück, das RWE kurzfristig den Organisatoren zur Verfügung gestellt hat. Und macht Fotos.

Fotos von Menschen, die sich wirklich aus allen Himmelsrichtungen dem Festivalgelände nähern, das direkt an der „Mahnwache“ liegt, die hier seit Wochen installiert ist. Der Strom will gar nicht mehr abreißen, aus der Landstraße ist ein Wanderweg geworden. Hiksch schätzt, dass 50.000 Besucher gekommen sind. „Die größte Kundgebung, die es jemals im rheinischen Tagebau gegeben hat.“

Eine Polizeisprecherin hielt die Zahl eher für zu hoch gegriffen, am späten Abend sprach die Behörde von „etwa 25.000 bis 30.000 Teilnehmern“ bei der Veranstaltung, die nicht einmal 24 Stunden vorher von einem Gericht zugelassen wurde. Auch aus Polizeisicht war das ein entspannter, friedlicher Tag, auch wenn etwa 100 Aktivisten zwischenzeitlich in den Tagebau eingedrungen waren.

Feiertag und Festival-Stimmung

Auf dem Festivalgelände ist die Stimmung komplett ausgelassen. Tausende tanzen und genießen einen sonnigen Tag. Als Hiksch die Kundgebung Mitte September anmeldete, zeichnete sich noch eine eher kämpferische Veranstaltung ab. Daraus ist nun ein Feiertag geworden.

Das Oberverwaltungsgericht in Münster hat Tagebau-Betreiber RWE vorerst untersagt, den Hambacher Forst zu roden. „Das eklatante Fehlverhalten der Landesregierung, die sich zum Büttel des Konzern gemacht hat, hat diesen Zulauf erst ermöglicht“, sagt Hiksch. „Die Landesregierung hat alles daran gesetzt, den friedlichen Widerstand zu kriminalisieren“, findet auch Dirk Jansen, der Geschäftsführer des BUND. „Das hat dazu geführt, dass die bürgerliche Mitte mobilisiert wird.“ Jansen ist der Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, er hat die Klage geführt, die mindestens zum Aufschub der Rodung geführt hat.

50.000 Menschen bei Großdemo am Hambacher Forst

Selbst RWE geht davon aus, dass sich das anstehende juristische Verfahren jahrelang hinziehen könnte. Der Börsenwert des Energiekonzerns ist am Tag der gerichtlichen Entscheidung um nahezu eine Milliarde Euro gesunken. Es gehe nun auch darum, betont Jansen, die Zwangsumsiedlung von kompletten Dörfern zu stoppen.

Gerd Schinkel tritt auf. Seit ein paar Monaten schon ist er Stammgast bei den Waldspaziergängen. Schinkel, Jahrgang 1950, ist ein Mann, der in einem Westernfilm gut einen Indianer spielen könnte. Jahrelang war er politischer Redakteur beim WDR, parallel hat er immer Lieder geschrieben. „Ich mache aus Schlagzeilen Texte“, sagt er.

Erst vor drei Wochen hat er das Protestlied „Hambi bleibt“ komponiert. „Hambi“ nennen die Aktivisten das kleine Waldstück schon seit Jahren liebevoll wie einen guten Freund. Schinkels Stück ist schnell zu einer Art Hymne geworden, als er jetzt die ersten Versen anstimmt „Ihr könnt sägen, ihr könnt räumen, wir werden trotzdem weiter träumen“ fällt schnell der Chor von tausenden Zuhörern ein.

Später greifen auch die „Revolverhelden“ den Refrain noch mal auf. Die ziemlich bekannte Pop-Rockband tritt auf dringenden eigenen Wunsch beim Wald- und Wiesenkonzert auf. „Von diesem Festival geht eine klare Botschaft aus: Wir brauchen eine andere Klimapolitik“, sagt Sänger Johannes Strate und stimmt an: „Das geht raus an alle Spinner, wir sind die Gewinner.“

„Buirer für Buir“ als Massenbewegung

Strate ist die große Bühne gewohnt. Antje Grothus dagegen hat vor so vielen Leuten noch nie gesprochen, sagt sie später. „Ich bin da einfach reingerutscht mit dieser Arbeit.“ Seit zwölf Jahren engagiert sie sich in der Initiative „Buirer für Buir“.

Aus einer kleinen Bewegung, die sich gegen die Pläne des Energiegiganten RWE gestemmt hat, ist eine Massenbewegung geworden. „Es spüren immer mehr Menschen, dass es um den Wald, die Klimapolitik und auch um unsere Demokratie geht“, sagt Grothus. „Es kann tatsächlich so einfach sein, einen Riesen zu bezwingen, wenn man es mit so vielen Leuten angeht.“

Die Frau aus Buir attackiert den „verantwortungslosen“ Konzern, der Arten- und Naturschutz und letztlich auch Menschenrecht verletzt habe - dienstfertig begleitet von zwei Regierungen. „Sie sind verantwortlich dafür, dass Deutschland weltweit als energiepolitischer Totalversager dasteht.“

Mehrfach habe sie Armin Laschet eingeladen zu einem Gespräch vor Ort, zu einem Meinungsaustausch, sagt sie später. Die Resonanz sei ausgeblieben. Nun trifft Grothus, die auch in der Kohlekommission sitzt, den Ministerpräsidenten des Landes am Sonntagabend bei „Anne Will“. „Auf Augenhöhe“, sagt Grothus, „denn dieser Tag hier gibt uns Kraft und Rückenwind.“

Tausende Besucher des Happenings pilgern in den Hambacher Forst, der zumindest vorübergehend der berühmteste Wald der Republik geworden ist. Manche Ortsfremde müssen bei ihrem ersten Besuch erstmal orientiert werden. Sie können entdecken, dass die Waldwege in den Wochen der Baumhaus-Räumung extrem verbreitet wurden, damit die Hebebühnen sich durchzwängen konnten, dass viele Bäume gefällt wurden. „Der Wald hat extrem gelitten“, sagt Michael Zobel, der die Waldspaziergänge seit vielen Jahren hier organisiert.

Polizisten stehen an den Kreuzungen, sie beobachten nur. Einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte des Landes NRW wird bald komplett beendet sein. Nach Informationen dieser Zeitung wollen sich die Einheiten am Sonntagabend zurückziehen und nur noch punktuell mit Streifen präsent sein und situativ, falls wieder Baumhäuser oder Barrikaden entstehen sollten. Es gibt klare Hinweise darauf, dass auch Waldbesitzer RWE vorerst darauf verzichten wird, das Areal als Betriebsgelände zu sichern und den Zutritt zu verweigern. Aus dem gestressten Wald wird in ein paar Stunden wieder ein komplett öffentlicher Wald.

Uwe Hiksch, der Anmelder, sagt am Ende des Festivals, dass jede Bewegung symbolische Orte brauche. Der Naturfreund war schon damals in Gorleben, als die Anti-Atomkraft-Initiative protestierte. „Hambach ist in den letzten Wochen zu dem Symbol der Anti-Kohlebewegung geworden.“

Der Feiertag geht mit einer Ankündigung zu Ende. „Wir haben nur einen Etappensieg erreicht, aber wir werden solange auf die Straße gehen, bis das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet ist.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zwischen Regierungskritik und Revolverheld

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