Hundebisse bringen ein Dorf durcheinander: Benny, Krümel und die Folgen einer Beißerei

Hundebisse bringen ein Dorf durcheinander : Benny, Krümel und die Folgen einer Beißerei

Zwei Hundehalterinnen und ihre Tiere treffen sich, das Treffen endet für einen Hund blutig. Es kommt zum Prozess – und im Dorf zerstreiten sich ganze Familien. Wie kann es so weit kommen? Eine kleine Kulturgeschichte der Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Auf der Morgenrunde war Benny nicht angeleint, und seine Eigentümerin Frau O. nahm Benny auch dann nicht an die Leine, als Frau S. mit ihren drei Hunden auftauchte, Indio, Choc und Krümel. Wenige Minuten später war im Leben der Familie O., im Leben der Familie S. und im Leben des Wassenberger Stadtteils Orsbeck nichts mehr so wie vorher.

Der kleine Yorkshire Terrier Benny lief selbstbewusst auf die drei angeleinten Hunde von Frau S. zu, offenbar knurrte er dabei, was Krümel, ein Doggen-Wolfshund-Mischling, sich nicht bieten ließ. Er packte Benny im Nacken, schleuderte ihn umher und biss zu. Frau O. und Frau S. versuchten vergebens, ihre Hunde voneinander zu trennen, wobei beide Frauen stürzten. Benny kam erst wieder frei, als Krümel von ihm abließ. Benny hat eine Widerristhöhe von 17 Zentimetern, Krümel hat eine Widerristhöhe von 85 Zentimetern, er wiegt mehr als 50 Kilogramm. Benny hatte keine Chance.

Frau O. brachte Benny zum Tierarzt, er trug Bisswunden davon, außerdem musste ihm ein Zahn gezogen werden, so notierte es der Tierarzt später. Es war der 21. Februar 2018, ein Mittwoch, 6 Uhr morgens, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt.

Was kostet ein Hundeleben?

Vor ein paar Jahrzehnten wäre ein Fall wie dieser niemals öffentlich geworden, da war ein Hund, was er im Bürgerlichen Gesetzbuch bis heute ist: eine Sache. Doch im Alltag vieler Menschen ist ein Hund mittlerweile erheblich mehr als eine Sache, nur in den seltensten Fällen ist er noch ein Nutztier. Und deswegen endete der Vorfall zwischen Benny und Krümel auch nicht an diesem 21. Februar 2018.

Einer wie Krümel: Ein Doggen-Wolfshund-Mischling ähnlich diesem packte sich am 21. Februar 2018 in Wassenberg-Orsbeck den Yorkshire Terrier Benny. Foto: imago/Eibner/Hahn/ Eibner-Pressefoto

Noch am selben Tag meldete Bennys Eigentümerin Frau O. den Vorfall beim zuständigen Ordnungsamt der Stadt Wassenberg. Das Ordnungsamt forderte Krümels Eigentümerin Frau S. umgehend zur Stellungnahme auf, die am 22. Februar 2018 beim Ordnungsamt einging. Auch Krümel sei bei der Beißerei verletzt worden, schrieb Frau S. unter anderem, und zwar am rechten Ohr. Hätte Frau O. Benny angeleint, wäre es gar nicht erst zur Beißerei gekommen.

Weil Krümel noch in mindestens einen weiteren Beißvorfall vor ein paar Jahren verwickelt war, legte das Ordnungsamt am selben Tag fest, dass Krümel dem Kreisveterinäramt in Heinsberg vorzuführen sei, damit dort festgestellt werden könne, ob es sich bei Krümel um einen gefährlichen Hund im Sinne des Landeshundegesetzes handelt. Bis die Begutachtung erfolgt sei, dürfe Krümel nur noch an der Leine geführt werden, außerdem habe er einen Maulkorb zu tragen.

Krümels Eigentümerin Frau S. wollte sich das nicht bieten lassen und reichte Klage beim zuständigen Verwaltungsgericht in Aachen ein. Gut 15 Monate später, am 24. Mai 2019, sitzt Krümels Besitzern Frau S. um 10 Uhr am Aachener Verwaltungsgericht, Saal A1.025, die Beißerei hat ein gerichtliches Nachspiel.

Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands hat erhoben, dass es 2018 etwa 34,4 Millionen Haustiere gab, von denen 9,4 Millionen Hunde waren. 45 Prozent aller deutschen Haushalte haben demnach ein Haustier, 2007 waren es noch etwa 33 Prozent. 2017 gaben die Deutschen 1,5 Milliarden Euro für Tierfutter aus, und vor einigen Tagen meldete die Tiernahrungs- und Tierbedarfskette „Fressnapf“ einen Rekordumsatz von 2,1 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2018. Statistisch gesehen gibt ein Eigentümer für einen Hund während dessen Lebzeit durchschnittlich 35.000 Euro aus, für größere Hunde mehr, für kleinere weniger, und das sind nur die Grundkosten. Nach oben gibt es keine Grenze.

Einer wie Benny: ein Yorkshire-Terrier. Zwischen Krümel und ihm war es ein ungleicher Kampf. Foto: dpa/Stefan Hesse

Wer seinen Hund regelmäßig einem Hundepsychologen, einem Hundefrisör, einem Hundeyoga- oder einem anderen Trainer anvertraut, wer seinem Hunde ergonomisch geformten Körbchen, verschiedene Leinen für unterschiedliche Witterungen, spezielle Hundehandtücher, spezielles Bio-Futter aus den USA oder ein Hundehalsband von Louis Vuitton für 500 Euro kauft, kann auch sehr viel mehr als 35.000 Euro ausgeben.

Die meisten der fast zehn Millionen Hunde in Deutschland sind keine Hof- oder Wachhunde mehr, sie haben den Status eines Gefährten, eines Familienmitgliedes, manchmal sogar eines Partners. Und der Zeitraum, innerhalb dem sich diese Wandlung vollzog, ist kurz. Noch in den 80er Jahren wäre ein Verwaltungsgerichtsverfahren wie das, was Frau S. aus Wassenberg-Orsbeck anstrengte, kaum denkbar gewesen. Heute hingegen gehören Klagen von Hundebesitzern gegen behördliche Entscheidungen, die ihre Hunde betreffen, zum beruflichen Alltag deutscher Verwaltungsrichter.

Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist die älteste zweier unterschiedlicher Spezies auf der Erde überhaupt, nach allem, was man weiß, begann sie vor etwa 15.000 Jahren. Allgemein geht man davon aus, dass der Mensch den vom Wolf abstammenden Hund im Laufe der Jahrtausende domestiziert hat, aber Mieke Roscher sagt, dass es auch andersherum gewesen sein könnte, weil der Beginn der Häuslichkeit von Menschen und Hund zeitlich eng zusammenliegt. Es könnte also sein, dass die Menschen nur deswegen begannen, sich Hütten und Verschläge zu bauen, weil sie begannen, mit Hunden zusammenzuleben, die diese Bauwerke Tag und Nacht bewachen konnten. Die Quellenlage sei zumindest nicht eindeutig, sagt Roscher, die Professorin für Sozial- und Kulturgeschichte an der Uni Kassel ist und zur Beziehung zwischen Mensch und Tier forscht.

Obwohl es durchaus Zeugnisse der emotionalen Beziehung zwischen Mensch und Hund gebe, die weit in die Antike zurückreichen, sei der Hund erstmals im Mittelalter als Haustier ohne besondere Funktion gehalten worden, allerdings nur von einer kleinen Schicht, dem Adel. Auf alte Gemälden sieht man alte Grafen in großen Sesseln, an deren Seite ein imposanter Hund anstelle von Zepter und Krone als Symbolisierung der gräflichen Macht herhält. Auf dem Schoß der alten Gräfin liegt ein exotischer kleiner Hund, ein Schoßhund, der zwar keine Macht symbolisiert, dafür aber Reichtum.

Foto: grafik

Die Verbürgerlichung des Hundes

Im 19. Jahrhundert habe im Zuge der Industrialisierung und des wachsenden Wohlstandes sozusagen die Verbürgerlichung des Hundes begonnen, sagt Roscher. Die Veränderung des familiären Zusammenlebens habe während dieser Zeit seine Anfänge genommen, es war kein Automatismus mehr, dass mehrere Generationen in einem Haus lebten, wenn es auch noch die Regel war. Die Dichter der Spätromantik hätten in ihren Gedichten hin und wieder schon die emotionale Beziehung zwischen Mensch und Hund thematisiert.

Während des Dritten Reiches sei der Hund, zumindest sein Idealbild, zum „Kameraden“ stilisiert worden und habe in der gesellschaftlichen Hierarchie gar über manchen Menschengruppen gestanden, sagt Roscher. Nach dem Ende Krieges habe es eine Weile gedauert, bis Hunde wieder mit emotionalen Attributen versehen worden seien. Doch mit wachsender gesellschaftlicher Toleranz gegenüber neuen Lebensformen etwa gleichgeschlechtlicher Partner sei auch die Toleranz gegenüber der enger werdenden Bindung zwischen Mensch und Hund gestiegen.

Der Hund habe Charaktereigenschaften, die viele Menschen anziehe, er sei bindungsfähig, treu und zutraulich, sagt Kathrin Feldbrügge vom „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft“ in Bremen. Ein Hund könne zwar nicht zuhören, er habe aber nichts dagegen, wenn man ihm etwas erzählt. Seine Bedürfnisse gäben dem Alltag vieler Menschen eine Struktur, die ihnen ohne den Hund möglicherweise fehlen würde. Und ein Hund sei vor allem: unkritisch. Es interessiert ihn nicht, ob sein Besitzer schön oder hässlich, dick oder dünn, gebildet oder einfältig ist, sagt Feldbrügge. Ein Hund beurteile einen Menschen allein nach seinem Verhalten ihm, dem Hund, gegenüber. Und es gebe inzwischen mehrere Studien, die belegten, dass nach drei Minuten Streicheln beim Hundebesitzer das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet und das Stresshormon Cortisol reduziert werde. „Das Streicheln und Kuscheln ist für Mensch und Hund auf hormoneller Ebene gewinnbringend“, sagt Feldbrügge. Allerdings sei es weder Mensch noch Hund zuträglich, „den Hund mit emotionalen Erwartungen zu überfordern“.

Noch am Tag der Beißerei zwischen Benny und Krümel hätten Bennys Besitzer, die Familie O., sie bedroht, sagt Frau S. Die Familie O. werde dafür sorgen, dass Krümel eingeschläfert oder zumindest der Familie S. entzogen wird, sagt Frau S. am 24. Mai 2019 vor dem Aachener Verwaltungsgericht. Später habe es sich Familie O. zur Aufgabe gemacht, peinlich genau darauf zu achten, dass sie der vom Ordnungsamt verfügten Maulkorbpflicht für Krümel auch nachkomme. Der Sohn der Familie O. beschimpfe und filme sie aus dem Auto heraus, sie erwägt, sich eine Bodycam anzuschaffen, um das angebliche Fehlverhalten dokumentieren zu können, damit die Polizei etwas gegen Familie O. unternehmen kann.

Die soziale Statik in Orsbeck

Frau S. sagt, dass sie während ihrer Hundespaziergänge auf Menschen trifft, die sich von ihr abwenden, die in eine andere Richtung gehen, wenn sie kommt. Menschen, die sie zum Teil seit Jahren kennt. Frau O. gehe es umgekehrt genau so, auch sie wird nun von Menschen gemieden, die sich auf die Seite der Familie S. geschlagen haben. Weil Orsbeck keine Großstadt, sondern ein kleiner Ort mit 2000 Einwohnern ist, nimmt der durch die Hundebeißerei ausgelöste Konflikt der Familien S. und O. nun Einfluss auf die Statik des sozialen Gefüges in Orsbeck. Kein Einzelfall, aber ein Fall, der in dieser Form nur deswegen möglich wurde, weil der Hund Familienmitglied ist und nicht einfach nur ein Nutztier, so sagt es auch Frau S.

Das Aachener Verwaltungsgericht ist nicht dazu da, um emotionale Konflikte wie den zwischen Frau S. und Frau O. zu lösen. Richterin Isabel Schlinkmann muss nur beurteilen, ob die behördliche Anordnung des Ordnungsamtes, Krümel beim Kreisveterinäramt vorzuführen, um ein Gefährlichkeitsgutachten erstellen zu lassen, rechtens war oder nicht. Kurz gesagt: Sie war rechtens, und Frau S. zieht ihre Klage zurück. Die Kosten für das Verfahren muss sie trotzdem tragen.

Der Anwalt von Frau S. erklärt, seine Mandantin habe sich und ihren Hund Krümel vom Ordnungsamt vorverurteilt gefühlt, wo doch alles gar nicht passiert wäre, hätte Frau O. Benny an diesem Tag im Februar 2018 einfach nur angeleint.

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