Projekt „Labiomista“ in Genk: Kunst mit Huhn

Projekt „Labiomista“ in Genk : Kunst mit Huhn

Riesige Fotos von Hühnern, vor denen Alpakas liegen. Dromedare, die neben einem Diskussionsforum grasen. „Labiomista“, was soviel wie gemischtes Leben bedeutet, heißt der ungewöhnliche Ort in Genk in Belgisch-Limburg.

Auf 24 Hektar hat der Künstler Koen Vanmechelen seit kurzem ein Projekt umgesetzt, das all sein Schaffen und seine philosophischen Visionen vereint, die sich zwischen Kunst und Wissenschaft bewegen. Zu ihnen gehört sein Konzept des kosmopolitischen Huhns, mit dem der Belgier Diversität und Identität thematisiert.

„Der Park macht meine Ideen sichtbar. Und diese kreisen um drei Säulen. Meine Kunst, meine Stiftungen und meine Farmen“, beschreibt der 54-Jährige sein Projekt. Wobei sich alle drei gegenseitig beeinflussen und kaum noch voneinander zu trennen sind, wie auf „Labiomista“ zu sehen sei.

Auf dem Gelände, das etwa der Größe von 24 Fußballfeldern entspricht, gibt es insgesamt sechs Themenbereiche, mehr als die Hälfte des Geländes besteht aber aus wilder Natur: Der Besucher betritt den Park über „The Ark“, einem von dem Schweizer Architekten Mario Botta entworfenen Eingangsgebäude mit markantem Spitzbogen. Ein rund 1,7 Kilometer langer Spazierweg führt über das ehemalige Bergwerksgelände und verbindet die verschiedenen Stationen. Die ehemalige Direktorenvilla „Villa OpUnDi“ ist Sitz der „Open University of Diversity“, ein interdisziplinäres Projekt, das Vanmechelen 2011 zur Biennale in Venedig im Palazzo Loredan vorstellte, und der Bibliothek „Library of Collected Knowledge – L.O.C.K“

Überall Gefieder: Die Haare der Damenbüste aus Gips entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Hühnerköpfe. Foto: ZVA/Magazin

Im Erdgeschoss des Ateliers leben im „The Looking Glass“ Vögel von verschiedenen Kontinenten wie Tukan, Fächertauben und Turakos. Auf dem Dach stellt ein Riesenseeadler-Paar den Gegenpol dar: Raubtier und Beute, dicht vereint und doch jeder im eigenen, abgeschirmten Kosmos. In der Galerie im Erdgeschoss stehen sich zoologische Präparate diverser Hühnersorten und lebende Tiere gegenüber, umrahmt von den barock-verspielten Skulpturen Vanmechelens.

Das „kosmopolitische Huhn“

Das „Labiomista“-Atelier. Koen Vanmechelen arbeitet hier an seinem Projekt, das seine philosophischen Visionen vereint, die sich zwischen Kunst und Wissenschaft bewegen. Foto: dpa

Überhaupt: die Hühner! Sie spielen seit seiner Jugend eine besondere Rolle im Leben und Schaffen Vanmechelens. „If you see the chicken, you see the human“ – „Siehst Du das Huhn, siehst Du den Menschen“, sagt Koen Vanmechelen und erklärt, wie er mit seiner Kunst, seinen Stiftungen und seinen Farmen die Welt zu verbessern versucht. Bei seinem 1999 begonnenen „Cosmopolitan Chicken Project“ (CCP) wird der Künstler zum Biologen und Genetiker, indem er Hühner verschiedener Kontinente kreuzt, um eine Rasse mit Genen aller Hühnerrassen der Welt zu entwickeln. Mittlerweile sind so 24 Hühnergenerationen entstanden. Mit 30.000 Zellen sei ihr DNA-Gehalt heute dreimal so hoch wie bei herkömmlichen Hühnern, fügt er hinzu. Deshalb seien sie fruchtbarer und resistenter und lebten auch länger.

Das Huhn steht bei dem flämischen Künstler, der 1965 in Sint-Truiden geboren wurde, als Metapher für das Leben selbst, aber auch für Kritik an der Gesellschaft.

Selbstporträt eines Hühner-Königs: Statt Nerze um den Hals sind es hier Hühner mit ihren verschiedenfarbigen Federn, die dem Künstler Koen Vanmechelen ein royales Antlitz verleihen. Foto: ZVA/Magazin

Denn für Vanmechelen sind Rassehühner das Phänomen einer Monokultur, mit all ihren Folgen wie Missbildungen und Krankheiten. Dass er sich mit seinem Züchtungsprojekt auf eine Gratwanderung begeben hat, ist ihm bewusst. Auf Kritik von Tierschützern war er gefasst. Seine Antwort darauf: Ihm gehe es nicht um das Hochzüchten von Rassen, sondern im Gegenteil um biologische Vielfalt, symbolisch auch um das Miteinanderleben von Menschen und um Identität.

In Entwicklungsländern

Gibt es das perfekte Huhn? Der Künstler Koen Vanmechelen kreuzt seit vielen Jahren Hühnerrassen aller Kontinente. Foto: ZVA/Magazin

Er habe noch nie ein Huhn getötet, betont er. Sie würden alle eines natürlichen Todes auf seinen Farmen sterben. Inzwischen wird das „kosmopolitische Huhn“ sehr erfolgreich in Entwicklungsländern eingesetzt, so werden beispielsweise in Äthiopien heimische Hühner und Hähne mit seinen hybriden Arten gekreuzt, um eine fruchtbare und resistente lokale Rasse zu züchten.

„Das war einer meiner schönsten Momente“, erinnerte sich der Künstler. Denn damit habe sich seine Überzeugung bewahrheitet, dass Kunst zu einer besseren Welt beitragen kann. Äthiopien gehört zu den bevölkerungsreichsten Binnenstaaten der Welt und den ärmsten Ländern Afrikas.

Selbstporträt eines Hühner-Königs: Statt Nerze um den Hals sind es aber hier Hühner mit ihren verschiedenfarbigen Federn, die dem Künstler Koen Vanmechelen ein royales Antlitz verleihen. Foto: dpa

In Vanmechelens Welt sollen Biodiversität und Nachhaltigkeit nicht nur Schlagworte bleiben, ihm geht es – übrigens ganz ähnlich wie dem niederländischen Objektkünstler Joep van Lieshout mit seinem Rotterdamer Atelier van Lieshout – um die Entwicklung neuer Ideen durch künstlerische Intervention und Bearbeitung. Koen Vanmechelen setzt auf den „Mix des Lebens“, wenn er bereits vorhandene Tier- und Pflanzenarten in Genk um exotische Arten wie Lamas, Alpakas, Dromedare, Emus und Strauße ergänzt, damit sie mit den allgegenwärtigen Hühnern ein neues Ökosystem bilden. Da sich Flora und Fauna perfekt an verändernde Gegebenheiten anpassen könnten, will Koen Vanmechelen in Genk eine Art „Evolution im Zeitraffer“ betreiben.

Im weitläufigen „Cosmopolitan Culture Park“ geht es weiter auf mäandernden Wegen vorbei an Teichen und Tiergehegen zum „LabOvo“, einem amorphen Gebäude aus hellgrauem Beton der Antwerpener Architekten Van Belle und Medina, es ist zugleich ein Pavillon mit offenem Amphitheater für wissenschaftliche und künstlerische Diskussionen und Zentrum der Tierversorgung samt Quarantänestation. Von der Dachterrasse aus hat man einen Blick auf den gesamten „Cosmopolitan Culture Park“ mit den von Vanmechelen entworfenen Skulpturen und den Gehegen mit Hühnern, Emus, Straußen, Lamas, Dromedaren und Alpakas, die alle aus seinen Farmen stammen.

Schnittstellen: Auch die Verbindungen von Menschlichem und Tierischem interessieren Vanmechelen. . Foto: WZVA/Magazin

Für die Stadt Genk ist Vanmechelens gigantisches Kunstprojekt ein Hauptgewinn. Um 1900 hatte Genk noch nicht einmal 5000 Einwohner, mit dem Fund von Steinkohle 1902 begann das Wachstum – die Gemeinde wurde erst 2000 zur Stadt erhoben und zählt heute rund 66.100 Einwohner – nach mehreren Zuwanderungswellen.

Am 3. Juni 1914 wurde in der Mine Winterslag die erste Kohle gefördert, später dann in Waterschei und Zwartberg weitere Bergwerke errichtet. 1930 zählte Genk schon fast 25.000 Einwohner, größtenteils zugewanderte Bergarbeiter aus Polen, der Ukraine, Italien, Griechenland, Spanien und Portugal sowie seit den 1960er Jahren auch aus der Türkei und Marokko. Der Mitte der 1960er Jahre einsetzende Strukturwandel führte 1966 zur Schließung der Mine Zwartberg zusammen mit wallonischen Bergwerken sowie Ende der 80er Jahre auch zur Schließung der Minen Waterschei und Winterslag.

Koen Vanmechelen in seinem Atelier. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er an seinem Hühner-Projekt. Foto: dpa

Marcel Wouters, Direktor einer Kreditinstitution, kaufte Ende der 60er Jahre sechs Hektar Grund der Mine Zwartberg inklusive der ehemaligen Direktorenvilla und richtete dort den Limburgse Zoo, auch Zoo van Zwartberg oder Dierentuin van Zwartberg genannt, ein. Was 1970 mit 200 Tieren begann, wuchs auf mehr als 3000 Tiere und endete nach verschiedenen Skandalen und Protesten von Tierschützern 1997 mit der Schließung, die Tiere wurde an andere Institutionen abgegeben und das Grundstück von der Stadt  erworben.

„Labiomista“ ist in Zusammenarbeit mit der Stadt Genk entstanden. Bürgermeister Wim Dries suchte eine neue Verwendung für das Gelände. An die Geschichte des Bergwerks erinnert auf „Labiomista“ noch die einstige Direktoren-Residenz. Heute sind in dem Gebäude Kunstwerke von Vanmechelen ausgestellt.

Nun setzt Genk den Strukturwandel von einem der bedeutendsten Steinkohlereviere und industriellen Zentren Belgiens zu einer attraktiven Kulturregion fort: „Labiomista“ könnte nach der C-Mine und dem Wandergebiet Thor Park zu einer weiteren wichtigen Lebensader werden.

Von den Kosten in Höhe von rund 20,6 Millionen Euro hat der Künstler acht Millionen finanziert, 4,6 Millionen steuerten diverse staatliche Einrichtungen bei und acht Millionen die Stadt. Das Projekt passe perfekt ins multikulturelle Genk, sagt Bürgermeister Dries.

Die Hoffnung ist natürlich dabei, dass der Kunstpark auch zu einem ökonomischen Motor der Stadt Genk wird: Bei der Versorgung der Tiere auf dem Gelände arbeitet Vanmechelen mit der örtlichen Inklusionseinrichtung „De regenbOog“ zusammen. Auch die Entscheidung, auf dem Gelände selbst keine eigene Gastronomie anzubieten, erfolgte bewusst: Genk bietet schließlich eine große Vielfalt: von ausgezeichneten Michelin-Restaurants über angesagte, großstädtisch wirkende Lokale bis zu internationalen Imbissbuden.

10.000 Besucher waren schon da

Seit der Eröffnung Anfang Juli haben bereits mehr als 10.000 Besucher aus aller Welt „Labiomista“ entdeckt, ein Zuspruch für eine Kultureinrichtung, von der andere Städte nur träumen können und deren Reiz in der Kombination aus Wissenschaft, Kultur und Natur liegt. Der Besuch des Parks lohnt sich sowohl für Familien mit Kindern als auch für abenteuerlustige Erwachsene, die die Vielschichtigkeit des Schaffens von Koen Vanmechelen hinter der zunächst unübersichtlich erscheinenden Fantasiewelt entdecken möchten.

Mit „Labiomista“ hat Vanmechelen bereits seine sechste Stiftung eröffnet. Im Jahr 2010 entstand „The Walking Egg Foundation“, deren Ziel die Erforschung der Fertilität in Entwicklungsländern ist, 2011 die Open University of Diversity, eine Art Thinktank zum Thema Biodiversität.

Seit mehr als 20 Jahren hat Vanmechelen seine hybriden Zweibeiner zur Kunst erhoben in allen nur möglichen Formen: ihre Asche, ihre Eier, ihr Sperma. Er hat sie mumifiziert, ausgestopft, fotografiert und in bunten Farben auf Leinwand verewigt und weltweit in Museen und auf Biennalen ausgestellt. Zwei Fotografien seiner gekreuzten gefiederten Kreaturen zieren etwa das Gehege der Alpakas.

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