Ex-Beamter aus Hürtgenwald: Die gefälschten Rechnungen im Rathaus

Ex-Beamter aus Hürtgenwald : Die gefälschten Rechnungen im Rathaus

Ziemlich sicher ist es die umfangreichste Anklage seit vielen Jahren am Aachener Landgericht. Carsten E. ist angeklagt – in 621 Fällen. Der ehemalige Mitarbeiter der Kämmerei der Gemeinde Hürtgenwald soll jahrelang falsche Überweisungen mit durchaus bemerkenswerter krimineller Energie ausgestellt haben. So sieht es nicht nur die Staatsanwaltschaft.

Carsten E. selbst hat am Freitag vor der 9. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Er hat nicht nur die 621 Fälle eingeräumt, die sich zwischen dem August 2013 und dem 30. November 2017, dem Tag, an dem er aufflog, ereignet haben. Schadenshöhe: 612.622 Euro. Carsten E. hat auch weitere Fälle ab dem Jahr 2009 eingeräumt, die nicht mehr angeklagt werden können, weil sie verjährt sind. Der Gemeinde ist in dieser Phase ein weiterer Schaden von etwa 70.000 Euro entstanden.

Angefangen hat die kriminelle Geschichte, so erzählt es Carsten E., im Jahr 2009. Die erste Ehefrau hatte sich getrennt, die finanziellen Probleme nahmen zu. Für eine Gas-Rechnung war kein Geld mehr da. Carsten E., den die Kollegen im Amt schon mal den „EDV-Papst“ nennen, nahm die Fälscherkarriere auf. Die Gemeinde beglich ahnungslos die gefälschte Rechnung. Damals arbeitete er noch mit Tipp-Ex und Kopien, später wurden Rechnungs- und Lieferadressen am Computer gekonnt verändert. Rechnungen von privaten Bestellungen und Dienstleistungen wurden so gefälscht haben, dass es so aussah, als sei die Gemeinde Hürtgenwald der Auftraggeber. Der Sachbearbeiter selbst veranlasste die Zahlungen. Das Geld landete auf seinem Konto, oder dem seiner Ehefrau oder eines Freundes.

„Dann ging es ins Uferlose“

Anfangs, so berichtet er, waren das noch Ausnahmen. „Dann ging es ins Uferlose.“ Er hat selbst im Laufe der vielen Jahre den Überblick über all diese Veruntreuungen verloren. Er bestellte regelmäßig die neuesten Apple-Produkte, Fernseher, Kühlschränke, Staubsauger, Kaffeeautomaten. Für Freunde und selbst für Kollegen wurden auch mal Bestellungen angenommen. Die Gemeinde bezahlte auch eine schöne Ladung mit Sekt und den passenden Gläsern, mit dem der Angeklagte vermutlich seine zweite Hochzeit ausrichtete. Sein Motiv: „Ich wollte Anerkennung mit schönen Sachen haben.“ Sein Anwalt Christian Franz (Eschweiler) sagt, der Mandant habe unter einer Kaufsucht gelitten. Ob damit die Schuldfähigkeit vermindert oder eingeschränkt ist, muss ein Sachverständige am Ende des Verfahrens beurteilen. Die Ehefrau habe niemals Verdacht geschöpft, obwohl regelmäßig Konsumgüter angeliefert wurden, sagt er. „Ich habe ihr von Nebeneinkünften durch ein Buch erzählt.“

Für die Gemeinde bestellte er mit den gefälschten Rechnungen im Laufe der Jahres immer wieder Parkbänke, Sitzgruppen, Schläuche, Klettergerüste oder auch Fußballtore. Die tauchten meistens sogar in der Inventarliste auf und wurden abgeschrieben. Dass sie nur auf dem Papier existierten, fiel niemanden auf. Carsten E. konnte bis zu einem gewissen Betrag selbst Rechnungen ausstellen, ihm vertraute man, er fälschte aber auch die Unterschriften von Vorgesetzten, um ans Steuergeld zu kommen. Carsten E. hatte den Überblick, welchen „Haushaltstopf“ er gerade mit einer gefälschten Rechnung anzapfen konnte. Es gab ein bisschen Flurfunk über den Beamten im mittleren Dienst, der regelmäßig in Urlaub fuhr und schöne Autos fuhr. Mehr nicht, Nachfragen habe er plausibel beantworten können, sagt die Leiterin der Finanzbuchhaltung. Carsten E. wird als freundlich, kompetent und gewissenhaft beschrieben. Die nächste Höher-Gruppierung stand schon in Aussicht.

„Er hat es so intelligent gemacht, es konnte keinem auffallen“, sagt der Vertreter der Bürgermeisters im Zeugenstand. Inzwischen hat die Gemeinde reagiert, alle Rechnungen landen erst mal beim Bürgermeister, Lieferscheine müssen von zwei Mitarbeitern abgezeichnet werden. Carsten E. flog kurz vor der Weihnachtsfeier im Jahr 2017 auf. Es ging eher um Dienstzeitverletzungen, Carsten E. war ins Visier geraten, und bei einer Kontrolle seines Mailfaches wurden erste gefälschte Rechnungen entdeckt. So kam die Lawine ins Rollen. Er  musste das Rathaus nach 17 Jahren verlassen, ist inzwischen kein Beamter mehr.

Carsten E. hat seinem ehemaligen Arbeitgeber 19.000 Euro zurückgezahlt, seit einem Jahr überweist er monatlich 500 Euro. Die beschlagnahmten Wertgegengestände schlummern noch in einem Keller des Rathauses, sie sollen erst nach dem Verfahren verkauft werden. So will es der Gemeinderat. Vorsorglich wurde zudem eine hohe sechsstellige Hypothek auf dem Wohnhaus des Angeklagten eingetragen.

Im Gerichtssaal will sich der 40-Jährige bei der ehemaligen Kollegin entschuldigen, mit der lange in einem Büro gesessen hat. Sie nimmt die Entschuldigung nicht an. „Das Thema ist durch, Carsten.“ Der Angeklagte hatte ihr und dem Arbeitgeber monatelang von einer Nieren-Krebserkrankung erzählt. Die gefälschten Atteste und damit eine Urkundenfälschung ist auch Bestand­teil der Anklage. Der Prozess wird am 8. Juli fortgesetzt.

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