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„Akte der Gewalt“ in der Kolonialzeit: Belgiens König schreibt einen historischen Brief

„Akte der Gewalt“ in der Kolonialzeit : Belgiens König schreibt einen historischen Brief

Belgien stellt sich seiner kolonialen Vergangenheit: In einem historischen Brief hat König Philippe dem kongolesischen Präsidenten sein Bedauern über Verbrechen in der Kolonialzeit ausgedrückt.

Zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos von Belgien hatte König Philippe in einem historischen Schritt die belgische Schuld eingestanden. In dem am Dienstag veröffentlichen Schreiben an den kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi bedauerte der Monarch Gewalt, Grausamkeiten und Erniedrigungen während der belgischen Kolonialherrschaft. „In der Zeit des Freistaats Kongo wurden Akte der Gewalt und der Grausamkeit begangen, die heute immer noch auf unserer kollektiven Erinnerung lasten“, schrieb Philippe.

Belgiens Premierministerin Sophie Wilmès erklärte, dass für Belgien die Stunde gekommen sei, um sich auf „eine Reise der Forschung, Wahrheit und Erinnerung“ zu begeben. Das Leid anderer müsse anerkannt werden und diese Anerkennung habe Philippe in seinem Brief an Tshisekedi zum Ausdruck gebracht. Eine Kommission des belgischen Parlaments will sich in den kommenden Monaten mit der kolonialen Vergangenheit des Landes auseinandersetzen.

„Es ist Balsam für die Seele des kongolesischen Volkes“, sagte Kongos Außenministerin Marie Tumba Nzeza zum Brief aus Belgien. Es sei eine wichtige Grundlage, die „schrittweise unsere Einstellung zu uns selbst verändern wird“. Zudem sei dies ein Durchbruch bei den Beziehungen zwischen dem Kongo und Belgien.

Das wohl berühmteste Foto über die „Kongogräuel“: Ein Vater starrt auf die abgehackte Hand und den Fuß seiner fünfjährigen Tochter, die von Wachmannschaften zur Eintreibung von Kautschuk getötet wurde. Die Fotografin war Alice Seeley Harris. Foto: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27203207/Alice Harris/John Hobbis Harris - E. D. Morel, King Leopold’s Rule in Africa,

Belgien war unter Leopold II. Kolonialmacht im Kongo. Der König verwaltete das Land von 1885 bis 1908 als Privatbesitz und regierte mit brutalsten Methoden. Zwischen acht und zehn Millionen Kongolesen sollen nach Schätzungen von Historikern unter seiner Herrschaft ums Leben gekommen sein. Die Bevölkerung schrumpfte um etwa die Hälfte auf etwa 10 Millionen.

In großem Maßstab wurde die Bevölkerung durch Tötungen, Verstümmelungen und Geiselnahmen von Angehörigen zur Zwangsarbeit gezwungen, etwa in der Kautschuckproduktion. Noch bis zum 30. Juni 1960 gehörte das Land zum belgischen Kolonialreich.

Premierministerin Sophie Wilmès am Dienstag bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongos, bei denen in Brüssel eine Gedenktafel enthüllt wurde. Foto: dpa/Francisco Seco

Der Jahrestag fällt in eine Zeit, in der weltweit über Rassismus debattiert wird. Auch in Belgien hatte unter anderem der gewaltsame Tod des Schwarzen George Floyd durch die Polizei in den USA Proteste ausgelöst.

Der Kampf gegen Rassismus ist nach Einschätzung des aus dem Kongo stammenden belgischen Bürgermeisters Pierre Kompany eine Frage von Erziehung und Bildung. „Wir müssen einen Weg finden, um die Geisteshaltung der Menschen zu verändern“, sagte Kompany der Deutschen Presse-Agentur.

Pierre Kompany, Bürgermeister der belgischen Stadt Ganshoren, während einer Deklaration zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Kongos von Belgien am Dienstag. Foto: dpa/Hatim Kaghat

Dies geschehe durch Bildung und deshalb müsse sie sich ändern, erklärte der 72-jährige Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Ganshoren.

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(dpa)