Ausstellung: Flandern feiert den Meister Jan van Eyck

Ausstellung zum Ausnahmekünstler : Flandern feiert den Meister Jan van Eyck

Nach Rubens 2018 und Breugel 2019 stellt Flandern 2020 den Erneuerer Jan van Eyck aus dem 15. Jahrhundert in den Mittelpunkt eines Festjahres. Am 1. Februar geht es in Gent los mit der bisher größten Ausstellung zum Werk des Ausnahmekünstlers.

Es ist so eine Sache mit Zeitreisen. Man kann den besten Touristenführer haben, das schönste Wetter und die tollsten Attraktionen, doch allzu oft will sich das Gefühl, der Vergangenheit näherzukommen, dennoch nicht einstellen. Der magische Moment, in dem man glaubt, einen Hauch vom Damals zu erhaschen, lässt sich nicht erzwingen. Dafür muss einiges zusammenkommen – wie in Brügge.

An diesem Winternachmittag ist die sonst überfüllte mittelalterliche Altstadt menschenleer. Der Weg in den Beginenhof führt über die katzbucklige Brücke, die das Minnewater überspannt. Über das Wasser gleiten zahllose Schwäne. Im Beginenhof, diesem Kleinod des Weltkulturerbes, lebten früher unverheiratete Frauen zusammen, die Wert auf ein selbstbestimmtes Leben in der Stadt legten. Heute wird das Refugium von Schwestern des Benediktinerinnenordens und alleinstehenden Frauen aus Brügge bewohnt.

Weiß getünchte Treppengiebel hinter Bäumen, die lange Schatten werfen. Der Himmel färbt sich rot. Eine Schwester bahnt sich ihren Weg durch raschelndes Laub. Sonst ist es still. In diesem Moment nun mag man wirklich alles für möglich halten. Sogar dass der Maler Jan van Eyck (1390-1441) mit seiner turbanähnlichen, burgunderroten Kopfbedeckung um die Ecke kommt und den Zeitreisenden aus dem 21. Jahrhundert einen kritischen Blick zuwirft.

Besuchermagnet: die Genter Kathedrale St. Bavo. Dort befindet sich der berühmte Genter Altar. Im Oktober soll das neue Besucherzentrum eröffnet werden. Foto: dpa-tmn/Visit Flanders

2020 ist Jan-van-Eyck-Jahr in Flandern. Brügges Nachbarstadt Gent verspricht „die größte Jan-van-Eyck-Ausstellung, die es je gegeben hat“. Nicht gerade bescheiden. Drumherum gibt es weitere Ausstellungen und dazu Konzerte, Theatervorstellungen, ungewöhnliche Spaziergänge, Feste und Stadtteilaktivitäten.

Das Motto „OMG! Van Eyck was here“ ist eine Anspielung auf die Signatur „Johannes de Eyck fuit hic“ (Jan van Eyck war hier) auf seinem Gemälde „Die Arnolfini-Hochzeit“ in der National Gallery in London. Er war damit einer der ersten Künstler, die an der Wende vom Mittelalter zur Renaissance die Anonymität verließen.

Gestorben ist van Eyck 1441 in Brügge. Die westflämische Stadt bewahrt in ihrem Groeningemuseum zwei Gemälde von ihm – und besitzt damit schon zehn Prozent seines Gesamtwerks, das aus nicht mehr als 20 Arbeiten besteht.

Realistisch bis ins kleinste Detail

Das eine Bild ist ein Porträt seiner Frau Margareta im Alter von 33 Jahren. Mit einem angedeuteten Lächeln und einem leicht spöttischen Blick schaut sie auf den Betrachter herab. Sie hat gezupfte Augenbrauen und eine sehr eigenwillige Frisur, bei der die Haare in zwei Drahthörner gestopft wurden. Nach seinem Tod habe Margareta das Atelier mit mehreren Schülern jahrelang weitergeführt, berichtet Stadtführer Pol Mulier. Sie scheint also sehr selbstbewusst gewesen zu sein, und genau das strahlt das Porträt aus.

Nationalheiligtum: der Genter Altar mit geschlossenen Flügeln. Das Hauptwerk van Eycks steht in der Genter Kathedrale St. Bavo. Seit 2012 sind die Bildtafeln aufwendig restauriert worden. Foto: dpa-tmn/www.lukasweb.de

Das andere Bild ist ein Hauptwerk des Malers, sein größtes Gemälde nach dem Genter Altar: die „Madonna des Kanonikers Joris van der Paele“. Es zeigt den Auftraggeber Joris van der Paele, einen ebenso steinalten wie steinreichen Chorherrn, im scheinbar vertrauten Plausch mit der Gottesmutter Maria samt Jesuskind, einem Schutzengel und einem Pfarrheiligen.

Das Faszinierende ist die überaus realistische Malweise. „Es gibt Ärzte, die untersucht haben, welche Krankheiten van der Paele hat“, erzählt Mulier. „Man hat fünf oder sechs Gebrechen aufgespürt.“ Am auffälligsten sind eine dicke Ader an der Schläfe und eine krampfartige Fingerhaltung, die auf Rheuma zurückgeführt wird. In einer Rüstung spiegelt sich ganz klein auch der davor stehende Jan van Eyck selbst.

Der Maler verbrachte sein Leben in einem Land, das es heute schon lange nicht mehr gibt: dem märchenhaften Herzogtum Burgund. Es war einer der mächtigsten Staaten Europas und reichte im 15. Jahrhundert von den Watteninseln bis zu den französischen Alpen. Herzstück dieses Reichs war das heutige Belgien mit den damals größten Städten Nordeuropas nach Paris. Gent zum Beispiel hatte 64.000 Einwohner, die größte deutsche Stadt Köln nur 40.000. Während Köln im Zweiten Weltkrieg in Trümmer fiel, überdauerten die Schönheiten von Brügge und Gent die Jahrhunderte.

Van Eycks Hauptwerk, der Genter Altar, steht sogar immer noch in der Kirche, in der er 1432 feierlich eingeweiht wurde, in der Genter Kathedrale St. Bavo. Die hier angewandte Technik war so revolutionär, dass der Altar heute mitunter als Gründungsakt der neuzeitlichen Malerei gefeiert wird. Van Eyck war auf vielen Feldern ein Pionier, so gilt er als einer der ersten – wenn nicht sogar der erste – Landschaftsmaler.

Detailreich bis zu den Bartstoppeln: Jan van Eyck Gemälde „Bildnis eines Mannes mit blauem Chaperon“. Foto: dpa/---

„Ein über köstlich, hoch verständig Gemähl“, urteilte Albrecht Dürer, der es 1521 als ganz normaler Tourist besuchte. Die Wirkung auf die damaligen Menschen muss man sich ungefähr so vorstellen, als hätte man ihnen plötzlich ein hochauflösendes Foto aus dem 21. Jahrhundert gezeigt. Je näher man an die insgesamt 20 Bildtafeln herantritt, aus denen sich der Altar zusammensetzt, in desto winzigere Miniaturen lösen sie sich auf.

Rund um den auf der Haupttafel abgebildeten Lebensbrunnen wachsen zum Beispiel auf einem Stück Wiese 42 verschiedene Pflanzenarten, darunter subtropische, wie Jan van Eyck sie als Gesandter des Burgunderfürsten Philipp des Guten auf seiner Reise nach Portugal gesehen haben dürfte.

Ein großes Rätsel der Kunstgeschichte

Zur stilistischen Meisterschaft kommt die inhaltliche Komplexität in Gestalt eines theologischen Bildprogramms, das bis heute nicht völlig entschlüsselt ist – eines der großen Rätsel der Kunstgeschichte.

„Als ich noch ein kleiner Junge war, habe ich hier im Chor gesungen. Und wenn die Sonne schön schien, sind wir eben hineingelaufen und haben das Werk im Abstand von einigen Zentimetern betrachtet“, erzählt Touristenführer Guido De Schrijver.

Touristenführer Pol Mulier vor einer gemalten Rekonstruktion Brügges zur Zeit von Jan van Eyck im 15. Jahrhundert. Foto: dpa-tmn/Christoph Driessen

Zurzeit wird im hinteren Bereich der Kathedrale noch an einem neuen Besucherzentrum für den Altar gebaut, am 8. Oktober 2020 soll es öffnen. Mit Simulationen und interaktiven Modulen sollen dann die Kathedrale und ihr Meisterwerk zum Leben erweckt werden. Die Besucher bekommen Augmented-Reality-Brillen und sehen alles so wie Jan van Eyck und seine Zeitgenossen, verspricht Astrid Van Ingelgom, Projektleiterin des Van-Eyck-Jahres in Gent.

Größtes Ereignis des Themenjahrs ist aber die Ausstellung „Van Eyck. Eine optische Revolution“ vom 1. Februar bis zum 30. April im Museum für Schöne Künste (MSK) in Gent. Sie wird zehn Gemälde des Meisters vereinen, also die Hälfte des Gesamtwerks. Dazu kommen rund 100 Werke aus seinem Atelier, Kopien verlorener Werke und Arbeiten seiner Zeitgenossen aus dem Spätmittelalter.

Im Mittelpunkt der Schau stehen die restaurierten Außentafeln des Genter Altars. Zu Beginn des im Jahr 2012 begonnenen Restaurierungsprojekts hatten die Experten festgestellt, dass 70 Prozent der Altarbilder bei früheren Restaurierungen übermalt worden sind.

Darunter habe sich aber zum Glück noch die Originalmalschicht befunden, berichtet die Leiterin des Projekts, Hélène Dubois. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands habe nicht nur die Farben viel kräftiger und strahlender hervortreten lassen, sondern auch mehr Details zutage gefördert und eine größere Tiefenwirkung ergeben. Dadurch sehe man das Werk nun erstmals seit Jahrhunderten wieder so wie van Eyck und seine Zeitgenossen.

Einen Hauch vom Damals erhaschen: im Beginenhof in Brügge. Dort wohnten früher unverheiratete Frauen, die selbstbestimmt leben wollten. Foto: dpa-tmn/Jan d'Hondt

Das „Lamm Gottes“ selbst, die Hauptfigur des Altars, hat nach Entfernung der Übermalungen plötzlich einen viel menschlicheren Kopf, es symbolisiert schließlich Jesus. Van Eycks Originalversion wurde im 16. Jahrhundert übermalt, wohl um Forderungen radikaler Calvinisten entgegenzukommen, die die Darstellung Gottes für Blasphemie hielten – ähnlich wie heutige islamische Fundamentalisten.

Die Calvinisten zerstörten damals in einem „Bildersturm“ den Großteil der Kirchenkunst, der Altar konnte jedoch rechtzeitig im Rathaus versteckt werden. Später wurde er unter anderem von Napoleon und Hitler verschleppt, fand aber wie durch ein Wunder immer wieder zurück an seinen Entstehungsort. Heute ist er ein Nationalheiligtum.

„Van Eyck hatte eine unglaubliche Beobachtungsgabe, er sah alles“, meint Frederica Van Dam, eine der Kuratorinnen der Ausstellung. So sei die Reflexion auf den Perlen des Gotteslamms genau auf die Lichtverhältnisse in der Seitenkapelle abgestimmt, die als Standort des Altars vorgesehen war. „Dafür muss van Eyck über Monate zur selben Tageszeit in die Kapelle zurückgekommen sein.“

Die Ausstellung werde verdeutlichen, dass van Eyck am burgundischen Hof mit anderen Künstlern, aber auch Wissenschaftlern, Intellektuellen und Technikern aus verschiedenen Disziplinen in Kontakt stand und ihr Know-how in seine Bilder einfließen ließ. „Es war ein kultureller Schmelztiegel“, sagt Van Dam. „Seine Umgebung ist außerordentlich wichtig gewesen.“

Das Faszinierende ist, dass diese Umgebung bis heute weitgehend erhalten ist. Kehrte van Eyck noch einmal zurück, er würde sich in Brügge und Gent mühelos zurechtfinden. So ist im Hintergrund der Haupttafel des Altars mit dem „Lamm Gottes“ die Genter Skyline zu erkennen – wovon sich der Besucher vor Ort sofort überzeugen kann. Eine solche Möglichkeit nach fast 600 Jahren dürfte nahezu einzigartig sein.