Belastete Mediziner machten nach 1945 große Karrieren - auch in Aachen

NS-Ärzte in Aachen : Dunkle Flecken, die keiner sehen wollte

Der Umgang mit jüdischen Medizinern von 1933 bis 1945 und die Karrieren von Ärzten, die dem Nationalsozialismus nahe standen und Mitglieder der NSDAP waren, sind das dunkelste Kapitel der deutschen Medizingeschichte.

Das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH forscht seit Jahren zu diesem Thema und hat jetzt der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) die Ergebnisse eines bundesweiten Projekts zur Rolle der Pathologen im Dritten Reich präsentiert. Sie sind – nicht zuletzt für Aachen – überraschend und erschreckend.

„Von den sieben DGP-Vorsitzenden während des Dritten Reichs war niemand NSDAP-Mitglied“, sagt der geschäftsführende Direktor des Instituts, Dominik Groß, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Sie galten als linientreu, traten aber nicht in die Partei ein. Demgegenüber waren gut zwei Drittel – nämlich 19 von 28 – der in der Bundesrepublik Deutschland bis 1986 berufenen Vorsitzenden ehemalige NSDAP-Mitglieder.“ Das vorherige Bekenntnis zum Nationalsozialismus spielte keine Rolle. „Man hätte doch für beide Zeiträume genau das Gegenteil erwartet“, sagt Groß. „Schließlich wird immer kolportiert, man habe in die Partei gehen müssen, um Karriere machen oder seinen Beruf ausüben zu können.“ Das stimme nachweislich nicht. Auch habe die Mitgliedschaft nach 1945 nicht geschadet.

Von Entnazifizierung keine Spur

Auf der Opferseite haben die Medizinhistoriker Entrechtung, Vertreibung und Verfolgung für die Jahre von 1933 bis 1945 systematisch recherchiert. „Zwei Drittel der untersuchten Pathologen entschlossen sich nachweislich zur Emigration; 24 Personen verblieben im Heimatland; fünf von ihnen verstarben in Konzentrationslagern; zwei weitere entschlossen sich zum Suizid.“ Nach dem Krieg sei kaum einer der Emigranten zurückgekommen. Ein auffälliges Ergebnis des aktuellen Projekts sei auch, „dass DGP-Verantwortliche noch im Nachkriegsdeutschland die Wiedergutmachungsansprüche emigrierter jüdischer Kollegen konterkarierten“. Die Aachener Studie registriert „negative und zum Teil stigmatisierende Erfahrungen einzelner Pathologen in den Berufungs- und ‚Wiedergutmachungsverfahren‘ in der Bundesrepublik Deutschland“.

NS-Ärzten auf der Spur: Medizinhistoriker Dominik Groß. Foto: Christina Handschuhmacher

Die Entnazifizierung, die Täter eigentlich enttarnen sollte, habe im Gegenteil dazu geführt, dass sie sich mit Hilfe von entlastenden Leumundszeugnissen (sogenannten Persilscheinen) reinwuschen. Groß: „98 Prozent aller in Entnazifizierungsverfahren Untersuchten sind entlastet worden. Wer im Dritten Reich erfolgreich Karriere gemacht hatte, setzte das im Nachkriegsdeutschland fort.“

Die Entnazifizierungsausschüsse waren eine Art Laiengerichte aus deutschen Bürgern und Vertretern von Parteien, die unter mehr oder weniger strenger Oberaufsicht der jeweiligen Besatzungsmacht standen und deren Verfahren im Laufe der Zeit laut Groß mehr und mehr zu „Entlastungsverfahren mutierten“. Groß‘ Fachkollege Richard Kühl stellt in seinem Buch „Leitende Aachener Klinikärzte und ihre Rolle im ‚Dritten Reich‘“ fest, dass die „Entnazifizierungsausschüsse mitunter bereit waren, Nationalsozialisten buchstäblich bis zur Unkenntlichkeit zu ‚ent-nazifizieren‘“. Ex-Nazis bauten „in den Jahrzehnten des Schweigens“ effektive Netzwerke auf, um sich gegenseitig zu schützen und zu stützen.

Fragwürdige Strategie

In Aachen spielte die Nazi-Vergangenheit mehrerer Ärzte nach 1945 durchaus eine Rolle, führte allerdings nicht zu den Konsequenzen, die bei einer konsequenten Entnazifizierung angebracht gewesen wären – im Gegenteil. Laut Groß war dem damaligen Aachener Oberstadtdirektor Albert Servais (1887-1974) daran gelegen, medizinische Kapazitäten an die Städtischen Krankenanstalten zu holen. So sah Servais gerade in den belasteten Ärzten, die woanders an bedeutenden Kliniken wegen ihrer NS-Vergangenheit keine Karriere mehr machen konnten, die Chance, die hiesigen Klinischen Anstalten fachlich aufzuwerten. Er habe die Betreffenden gezielt nach Aachen geholt und damit die Grundlage geschaffen, dass die Städtischen Krankenanstalten 1966 in den Rang einer Universitätsklinik aufstiegen. „Servais führte die entscheidenden Verhandlungen.“

Kühl kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass „die Städtischen Krankenanstalten Aachen nach 1945 zum ‚Auffangbecken‘ NS-belasteter Fach-‚Größen‘“ wurden. Ein besonders krasser Fall ist der des Pathologen Martin Staemmler (1890-1974), führender „Rassenhygieniker“ im Dritten Reich und Autor schlimmster Publikationen zur „Rassenpflege im völkischen Staat“. Ihn lotste Servais nach Aachen, wo Staemmler ab Januar 1950 für zehn Jahre Direktor des Pathologisch-bakteriologischen Instituts der Städtischen Krankenanstalten war.

Schwer belastet, aber nach 1945 unbehelligt: der Aachener Arzt Martin Staemmler. Foto: Archiv

Staemmler plädierte schon 1932 dafür, „dass nach einer NS-Machtübernahme ‚eine weitere Vermischung zwischen Juden und Deutschen sofort unterbunden wird‘“. Er forderte staatlich angeordnete Zwangssterilisationen zur „Verhinderung der Fortpflanzung der Minderwertigen“ und log sich nach dem Krieg durch sein Entnazifizierungsverfahren. Dort wurden seine und die ihn entlastenden Aussagen von Kollegen, wie Kühl schreibt, keiner auch nur oberflächlichen Überprüfung unterzogen. Schließlich wurde Staemmler 1949 als gewöhnlicher „Mitläufer“ entnazifiziert und konnte in Aachen unbehelligt seine Karriere fortsetzen.

„Der schillerndste Fall von allen“ ist nach Einschätzung von Groß der des Chirurgen Wilhelm Klostermeyer (1908-1998), der 1933 Assistenzarzt in der Pathologie der Universitätsklinik Münster war. Als überzeugter Nationalsozialist (1937 als SS-Untersturmführer „in seiner Einstellung zur NS-‚Weltanschauung‘ als ‚unbedingt gefestigt‘ beurteilt“) versuchte er gemeinsam mit dem zweiten Assistenten Erich-Emil Bennecke, seinen damaligen Chef Walter Gross in den Ruhestand zu zwingen. Die beiden jungen Ärzte unterstellten Gross ein Verhältnis mit seiner Sekretärin, warfen ihm mangelnde Führungsqualitäten und politische Unzuverlässigkeit vor und gaben ihm das Gefühl, sie hätten die Macht, ihn abzusetzen oder sogar ins Konzentrationslager zu bringen.

Der vielleicht schillerndste Fall von allen: Wilhelm Klostermeyer. Foto: Bundesarchiv

Gross fühlte sich so stark unter Druck gesetzt, dass er sich am 14. September 1933 das Leben nahm. Die Universität setzte einen Untersuchungsausschuss ein; laut dessen Bericht sagte die Witwe dort: „Mein Mann sagte mir immer wieder: ‚Dass ich jetzt abgesetzt werde und womöglich in ein Konzentrationslager komme, ist gewiss, wenn alle diese Vorwürfe gegen mich in die Öffentlichkeit kommen. Dann wird es mir nicht mehr möglich sein, für Dich und die Kinder zu sorgen.‘“

Die Witwe fuhr fort: „Er sagte mir ausdrücklich, dass er durch einen Freitod für mich durch das Witwengeld und für die nächste Zukunft der Kinder durch die Versicherung sorgen könne, während ihm das bei einer Absetzung nicht möglich sein würde. (. . .) Es ist für mich kein Zweifel, dass die von meinem Mann befürchtete Absetzung, insbesondere die politische Verdächtigung, ihn zu dem Verzweiflungsschritt getrieben hat.“ Die Witwe zitierte aus dem Abschiedsbrief ihres Mannes: „Ich sehe keinen Ausweg gegenüber dem unerbittlichen Fanatismus dieser jungen Leute; und ich kann nicht leben von der Gnade solcher Menschen.“

„Verlust jeder Existenzmöglichkeit“

Unter anderen Zeugen wurden auch Klostermeyer und Bennecke vom Ausschuss vernommen. In dem Bericht heißt es dazu: „Bei Gelegenheit der Vernehmungen versuchte der Assistent Klostermeyer wiederholt, Beschuldigungen gegen Professoren und andere Personen der Hochschulverwaltung wegen angeblich politisch nicht zulässiger Äusserungen oder wegen angeblicher Misstände in der pekuniären Verwaltung der Kliniken anzubringen.“ In seiner Zusammenfassung kommt der Ausschuss zu dem Fazit: „Prof. Gross hat sich getötet, weil er Absetzung und eventuell Konzentrationslager, jedenfalls Verlust jeder Existenzmöglichkeit für ihn und seine Familie vor sich sah. (. . .) Die Assistenten haben danach also objektiv den Selbstmord des Prof. Gross verursacht.“

Im Universitätsarchiv Münster entdeckt: der Untersuchungsbericht über den Tod von Walter Gross. Foto: ZVA/Grafik

Der Untersuchungsausschuss suspendierte Klostermeyer und Benneke, was NSDAP-Stellen rückgängig machten. Klostermeyer, der Ende der 30er Jahre ins chirurgische Fach wechselte, und Benneke wurden letztlich nicht zur Rechenschaft gezogen und konnten ihre Karrieren auch über die Nazizeit hinaus fortsetzen. Nach 1945 behauptete Klostermeyer laut Recherchen der Aachener Medizinhistoriker sogar, er habe dem Widerstand gegen Hitler nahegestanden. Der Tod von Walter Gross sei in Klostermeyers Entnazifizierungsverfahren überhaupt nicht thematisiert worden, und noch vor dessen Ende sei er nach Aachen berufen worden – einer von Servais‘ besonderen Fällen.

Medizinhistoriker Groß: „Im Entnazifizierungsverfahren von Klostermeyer hat man überhaupt nicht nach der Aktenlage gefragt, sondern nur nach den Selbstauskünften der Person und den Leumundszeugnissen, die sie beibringen konnte, geurteilt. Klostermeyer wurde, wie es fast ausnahmslos in ähnlichen Fällen geschah, entlastet. So konnte Servais ihn als Chefarzt einstellen.“ Als Operateur und Klinikchef genoss Klostermeyer in Aachen über die Nachkriegsjahrzehnte hinweg einen guten Ruf.

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