Aachen: Bald wird der „Teledoktor” im Rettungswagen zugeschaltet

Aachen: Bald wird der „Teledoktor” im Rettungswagen zugeschaltet

Dr. Max Skorning arbeitet als Notarzt im 21. Jahrhundert, doch bisweilen hat er in seinem Job das Gefühl, dass die Zeit seit einigen Jahrzehnten stehengeblieben ist. Zum Beispiel in Sachen Kommunikation: Da funken die Rettungskräfte noch analog, eine Technik aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Datentransfer? Oder gar Bildübertragung vom Rettungswagen zur Leitstelle oder in die Klinik? Fehlanzeige. „Es ist ein tägliches Ärgernis, dass mir die Möglichkeiten der privaten Alltagskommunikation, die mir mein eigenes Smartphone bietet, im Rettungswagen nicht zur Verfügung stehen”, meint Skorning. Dabei sind sie mitunter vonnöten: „Auch wir können vor Ort manchmal Hilfe gebrauchen”, sagt der Aachener Notarzt.

Das soll nun bald möglich sein. Spätestens Ende November will das Rettungswesen in Aachen durchstarten ins moderne Kommunikationszeitalter. Ein Jahr lang und 40 Stunden pro Woche wird ein Rettungswagen in der Stadt unterwegs sein, der mit Kameras und hochwertiger Datenübertragungstechnik ausgestattet ist. Dem Notarzt vor Ort schaut dann der „Teledoktor” über die Schulter, der in der Tele-Notarztzentrale sitzt und das Geschehen an der Unfallstelle an seinen Bildschirmen „live” verfolgt.

Das gilt für die Bilder, die von dort übertragen werden, wie auch für die Vitaldaten der Patienten: Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung - all das flimmert in der Zentrale in Kurven über die Monitore. Und der „Teledoktor” kann dann schon einmal medizinische Checklisten abarbeiten „wie ein Pilot im Cockpit”, erläutert Skorning. „Damit wollen wir die Versorgungsqualität stark verbessern, schließlich ist Rettungsdienst in erster Linie Zeit- und Informationsmanagement.”

Das gilt auch für den Kontakt zur behandelnden Klinik. So können dort beispielsweise künftig auch Aufnahmen von beschädigten Fahrzeugen ankommen, die den Unfallchirurgen bereits erste Schlüsse über mögliche Verletzungen ermöglichen - noch bevor der Patient bei ihnen auf dem OP-Tisch liegt.

Das Ganze ist ein Pilotprojekt namens „Med-on-@ix” unter Beteiligung der Notärzte des Uniklinikums, des RWTH-Lehrstuhls Informationsmanagement im Maschinenbau und der „P3 communications GmbH”. Außerdem kooperiert man mit dem Elektronikriesen Philips. Die erste Idee entstand 2004, seit Ende 2007 fördert das Bundeswirtschaftsministerium das Vorhaben. Insgesamt 5,5 Millionen Euro fließen aus Bundesmitteln in das Aachener Projekt, das in seiner Art europaweit einzigartig sein soll.

Zehn Notärzte sind mit von der Partie, bis zu 1000 Patienten wird der „Teledoktor” testweise in Augenschein nehmen. Die Ergebnisse sollen dann bundesweit helfen - auch um Versorgungslücken zu schließen. Denn während in der alternden Gesellschaft die Zahl der Notfalleinsätze kontinuierlich steigt, wächst auf der Gegenseite nur der Mangel: Anders als in der Stadt Aachen mit ihrem Uniklinikum fehlt es insbesondere in ländlichen Gegenden -Êauch in der hiesigen Region - dramatisch an Notärzten.

Der „Teledoktor” also als Ersatz? „Das testen wir bei unserem Projekt nicht”, betont Skorning zwar, dass in Aachen im Gegenteil sogar „zwei zusätzliche Kollegen” eingesetzt werden. Und er sagt auch, dass die neue Idee „nie den guten Profi an der Einsatzstelle ersetzen kann”. Aber wo der fehlt, dürfte die Technik des 21. Jahrhunderts immer noch besser sein als nichts.

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