Aachen: Avantis am Abgrund: 24 Millionen Euro Schulden

Aachen: Avantis am Abgrund: 24 Millionen Euro Schulden

Das große Vorzeigeprojekt ist gescheitert - zumindest in seiner bisherigen Form: „Avantis”, das grenzüberschreitende Gewerbegebiet, steht am Abgrund. Bis Mitte November muss eine Lösung her, sonst wird die Vermarktungsgesellschaft „Avantis GOB” in ein niederländisches Konkursverfahren schlittern.

Die Aktiengesellschaft, an der die Stadt Aachen, die Gemeinde Heerlen, das Land NRW und die limburgische Entwicklungsgesellschaft Liof beteiligt sind, drückt eine Schuldenlast von mittlerweile nahezu 24 Millionen Euro.

Zudem haben Papiere aus riskanten Zinsderivatgeschäften knapp 700.000 Euro ihres Werts verloren. Aufgetürmt hat sich der Schuldenberg vornehmlich dadurch, dass sich die Gesellschaft nicht wie vorgesehen aus den Grundstücksverkäufen auf dem insgesamt 100 Hektar großen Gelände (60 auf deutscher Seite) finanzieren konnte.

Gerade einmal 3,2 Prozent der Grundstücke wurden seit dem Start im Jahr 2000 verkauft. Ihren Zahlungsverpflichtungen kann die Gesellschaft nach Informationen unserer Zeitung ab 2012 nun nicht mehr nachkommen.

Die Lösung soll nun folgendermaßen aussehen: Die vier Teilhaber geben ihrer Gesellschaft das Geld, damit diese sich bei ihrer niederländischen Gläubigerbank freikaufen kann. Der Vermarktungsgesellschaft sollen Kredite eingeräumt werden, um die Bankschulden abzulösen, die Zinsgeschäfte zu beenden und den Geschäftsbetrieb 2012 sicherzustellen. Der Anteil der Stadt Aachen soll bis zu 6,75 Millionen Euro betragen.

Die Stadt rechnet in einer Vorlage für den Stadtrat am nächsten Mittwoch vor, dass im Konkursfall der städtische Verlust bei bis zu 20 Millionen Euro liegen könnte.

Die Kreditkosten beim „Freikauf” des Geländes sollen - wie gehabt - aus den Flächenverkäufen finanziert werden. Aber: Die restriktiven Ansiedlungsvorgaben für „Avantis” sollen fallen. Die Vermarktung soll sich nicht mehr nach dem Planungsrecht richten, sondern umgekehrt. Gesenkt werden sollen die Grundstückspreise, die deutlich über anderen Gewerbegebieten in der Region liegen. Nicht zuletzt soll auch die gemeinsame „Avantis GOB” wegen ausbleibender Erfolge selbst auf den Prüfstand.


Der Feldhamster

Der „Avantis Science and Business Park” ist berühmt. Europaweit. Weniger deswegen, weil „Avantis” das erste grenzüberschreitende Gewerbegebiet des Kontinents war. Es war vielmehr der Cricetus Cricetus, der Kohorten von Reportern Richtung deutsch-niederländisches Grenzgebiet lockte.

Dieser streng geschützte Feldhamster oder auch Korenwolf, wie er auf Deutsch beziehungsweise Niederländisch heißt, sorgte dafür, dass das Leuchtturmprojekt eine Premiere der anderen Art erlebte. Erstmals eröffnete die EU-Kommission 1997 ein Verfahren gegen einen Mitgliedsstaat - die BRD - wegen Verletzungen der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Umweltrichtlinie. Dass das Verfahren 2002 eingestellt wurde, nahmen schon weniger Menschen zur Kenntnis.

Und doch war es dieser Rummel um den angeblich in dem eine Million Quadratmeter (100 Hektar) großen Gebiet zwischen Aachen und Heerlen vorkommenden Nager, der immer wieder dafür angeführt wurde, dass das Vorzeigeprojekt unterirdisch schlecht funktionierte.

In Wirklichkeit lag es aber an anderen Dingen - hohen Preisen, harten Restriktionen bei der Firmenauswahl und mehr. Jetzt, ziemlich genau elf Jahre nach der Eröffnung im Dezember 2000, ist „Avantis” am Ende. Zumindest in der Form, wie es einst gedacht war und auf den Weg gebracht wurde.

Auch noch Zinswetten verloren

Denn gehamstert hat „Avantis” nicht Firmen, die dort den Wünschen nach 10.000 Arbeitsplätze schaffen sollten, sondern lediglich Schulden. Aufgelaufen sind sie bei der „Avantis GOB”. Das ist die zentrale Vermarktungseinheit des Gewerbegebietes, eine Aktiengesellschaft nach niederländischem Recht.

Beteiligt sind an ihr die Stadt Aachen, die Gemeinde Heerlen, das Land NRW in Form von „NRW.Urban” (früher LEG) und die limburgische Entwicklungs- und Investmentgesellschaft Liof. Aktuell ist der Schuldenstand in derartige Höhen geklettert, dass die Gesellschaft ab dem kommenden Jahr ihre Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen kann.

Mit anderen Worten: Sie ist pleite. Weswegen der Gang in ein (niederländisches) Konkursverfahren unabwendbar wäre. Es sei denn, es kommt bis Mitte November eine Lösung auf den Tisch, wie man mit dem Schuldenberg doch noch umgehen kann. Er setzt sich vornehmlich zusammen aus Krediten bei einer niederländischen Bank, die sich derzeit auf knapp 24 Millionen Euro türmen.

Nebenbei: Ein paar „faule” Papiere im Bestand

Das kommt vor allem daher, dass das Finanzierungsmodell der Gesellschaft fehlgeschlagen ist. Sie sollte ihre Kosten - für 2012 stehen rund 2,2 Millionen Euro im „Businessplan” - über die Grundstücksverkäufe tragen. Stattdessen herrscht weitgehend gähnende Leere bei den Ansiedlungen und damit auch in der Kasse. Nur 3,2 Prozent der Flächen konnten vermarktet werden.

„Nebenbei” hat die „Avantis GOB” „faule” Papiere im Bestand. Vertragsbestandteil beim Abschluss mit der Bank war nämlich nach Informationen unserer Zeitung der Abschluss von Geschäften mit „Zinsderivaten”. Das sind jene arg in Verruf geratenen „Deals”, bei denen man auf die Höhe der Zinsen über einen längeren Zeitraum wettet. Wie manche Stadt hat auch „Avantis” diese Wette verloren. Die Papiere haben derzeit einen Verlust von 700.000 Euro eingefahren.

Die vier Gesellschafter haben sich also zusammengesetzt und überlegt, was man tun kann. Da wäre zunächst, das Konkursverfahren einfach laufen zu lassen.

Der endgültige Haushalts-Sargnagel

Die Aachener Verwaltung rechnet für diesen Fall dem Stadtrat, der kommenden Mittwoch über die missliche Lage zu beraten und zu entscheiden hat, vor, dass Aachen mit satten 20 Millionen Euro „Miesen” rechnen müsste. Dies deswegen, weil man wohl 9,3 Millionen Euro Landeszuschüsse zurückzahlen müsste - plus Zinsen über die Jahre kämen gar über 14 Millionen Euro heraus. Und die Gläubigerbank würde wohl eine Bürgschaft ziehen, um an ihr Geld zu kommen - das würde Aachen aktuell mit knapp sechs Millionen treffen. Zusammen wäre das der endgültige Sargnagel für den ohnedies maroden Haushalt (60 Millionen Defizit aktuell). Zweite Möglichkeit: Die Gesellschafter kaufen Grundstücke von der Gesellschaft zurück.

6,75 Millionen von der Stadt

Dies hat man schon mit großen Flächen praktiziert, um der GOB Geld zukommen zu lassen. Offenkundig ist das aber keine Dauerlösung. Möglichkeit drei wäre: Der Gesellschaft Kredit zu geben, damit sie 2012 übersteht und man in dieser Zeit an der Strategie feilen kann. Ende kommenden Jahres stünde man dann aber vielleicht wieder vor derselben Situation.

Deswegen soll folgende Variante ziehen: Die Gesellschafter geben ihrer Firma dermaßen viel (Kredit-)Geld, dass sie alle Forderungen der Bank begleichen, sich so von allen Schulden freikaufen und auch noch die Geschäftskosten 2012 tragen kann. Die Stadt Aachen will, so die Politik mitmacht, dafür bis zu 6,75 Millionen Euro locker machen. Und betont, dass das ja den Etat nicht belasten, sondern als Forderung an die Gesellschaft verbucht würde - Zinsen will man natürlich auch.

Das System bleibt dabei wie gehabt: Grundstücke verkaufen, Geld einnehmen, dadurch die Kosten hereinholen. Und wie soll das klappen? Mit einem kompletten Neustart.

Neue Strategie soll „Avantis” doch noch retten

23.000 Quadratmeter zum Preis von je 100 Euro - soviel Fläche müsste in „Avantis” verkauft werden, um die Kosten im kommenden Jahr zu decken. Rechnet die Stadt Aachen vor. Aber: Das ist nur ein bisschen weniger, als bisher in zehn (!) Jahren in „Avantis” an den Mann gebracht wurde.

Das also soll sich zwingend ändern. Eine völlig neue Strategie soll bis März her. Und diese wird wohl alles kippen, was bisher war.

Punkt eins: „Avantis” startete einst im Zuge des Hightech-Booms, der kurz darauf wie eine Seifenblase platzte. Festgeschrieben hatte man jedoch, dass bitteschön vor allem Hightech-Firmen sich dort ansiedeln sollten und nicht etwa flächenfressende und jobarme Speditionen oder Ähnliches. Nun will man sie alle einladen.

Auf verschiedenste Branchen will man setzen - und auch aktiv auf sie zugehen statt bisher vornehmlich Interessentenanfragen zu beantworten. Dann müsse man aber auch, wie man in einer Verwaltungsvorlage liest, damit leben, dass Unternehmen kommen, die einem vorher eben nicht so genehm waren.

Punkt zwei: Geld. Die Preise für die Grundstücke sollen runter. Sie seien im regionalen Vergleich deutlich zu hoch. Eine flexible Taktik will man dabei wählen und den Preis an der Potenz des Investors ausrichten.

Punkt drei: Die „Insellage” von „Avantis” inklusive miserabler Verkehrsanbindung soll kurzfristig beseitigt werden - also neue Zubringer. Plus einer besseren ÖPNV-Anbindung. Solche Dinge seien mit entscheidend für Firmen.

Punkt vier: deutlich aktiveres Marketing. Und: Es soll gar eine Vereinbarung mit der RWTH-Campus-Gmbh (die Stadt hält dort fünf Prozent) geben, dass Firmen, die nicht auf den Campus passen, automatisch „Avantis” als Alternative schmackhaft gemacht werden soll.

Punkt fünf: Rechtliche Hemmnisse durch unterschiedliches Baurecht sollen abgebaut, Planungsprozesse beschleunigt werden.

Punkt sechs: Die „Avantis GOB” selbst soll mangels Erfolgen auf den Prüfstand. Das alles soll binnen fünf Monaten in ein neues Konzept gegossen werden.