Kall: Autobahnschütze: Nachbarn ahnten nichts vom Doppelleben

Kall: Autobahnschütze: Nachbarn ahnten nichts vom Doppelleben

Es ist wie in jedem kleinen Ort in der Eifel. Das einzig Auffällige ist das Unauffällige. Einfamilienhäuser schmiegen sich in dem Ort im Raum Kall in die grüne Landschaft, gepflegte Vorgärten prägen das Bild. Dass ein solches Haus Schauplatz eines Großeinsatzes des Bundeskriminalamts (BKA) ist, dass schwarz gekleidete und teils vermummte Einsatzkräfte eine Razzia durchführen, kann sich niemand vorstellen.

Und dass der Mann in ihren Reihen lebt, der seit Jahren für Angst und Schrecken auf den Autobahnen gesorgt haben soll. Der Mann, nachdem bundesweit gefahndet wurde — auch mit einer fast beispiellos hohen Belohnung von 100.000 Euro. Der Mann, an den BKA-Chef Jörg Ziercke im November so eindringlich appellierte, doch von seinem Tun abzulassen.

Wegen des dringenden Tatverdachts, in mehr als 700 Fällen Autotransporter, andere Fahrzeuge und Gebäude von der Autobahn aus beschossen zu haben, wurde der 57 Jahre alte Mann am Sonntag festgenommen, gestern beim Amtsgericht Würzburg vorgeführt und in Haft genommen.

Das Bild, das man im Ort von dem Mann hatte, der seit rund 15 Jahren mit seiner Ehefrau dort lebt, ist ein völlig anderes: Als nett, freundlich, umgänglich und unauffällig wird er beschrieben. Ein bisschen wie ein großes Kind sei er: Mit großer Begeisterung habe er etwa seine ferngesteuerten Modellautos über die Straße sausen lassen. Undenkbar schien, dass er Waffen besitzt. Auch in den umliegenden Schützenvereinen ist er offenbar nicht Mitglied gewesen. Doch die Ergebnisse des BKA-Einsatzes sprechen eine andere Sprache: Es wurden Schusswaffen sichergestellt.

Heinz-Hubert Meyer, Vorsitzender des Schützenvereins Marmagen, ist erbost, als er auf eine eventuelle Mitgliedschaft des Mannes angesprochen wird. Immer, wenn etwas passiere, gerieten auch die Schützenvereine ins Visier. Dabei seien die Auflagen, die Schützenvereinen gemacht würden, enorm hoch. In seinem Verein werde das Brauchtum gepflegt und sportliches Schießen ausgeübt — die Waffen seien jedoch verschlossen und nicht zugänglich.

Im Ort, in dem der Mann lebte, war Anwohnern bereits am Freitag; ein weißer Kastenwagen mit getönten Scheiben aufgefallen. Der stand just an dem Platz, auf dem der nun festgenommene Mann seinen Lkw häufiger parkte. Seine Frau machte sich am Samstag auf und fragte im Ort, ob jemand wisse, wem dieser Wagen gehöre — damit er vielleicht weggefahren werden könnte.

Ein anderer Anwohner hatte mit der Taschenlampe in diesen Wagen geleuchtet und Kameras entdeckt. Doch ihm wäre im Traum nicht eingefallen, dass dies ein Einsatzfahrzeug ist. Die Befürchtung, dass jemand Böses im Schilde führt und womöglich die Häuser oder die Kinder ausspioniert, war da noch naheliegender.

Dass der am Sonntag festgenommene Mann als Lastwagenfahrer arbeitete, war im Ort bekannt. Der große Lkw, der regelmäßig an der schmalen Straße geparkt war, zeugte davon. Dieser gehörte zum gewohnten Bild — so auch am Samstag, als der Mann das große Gefährt in der Spedition abgeholt hatte, um von Zuhause aus zu seiner nächsten Tour aufbrechen zu können.

Im Ort, in dem der Mann lebte, hat man einiges zu verdauen. Nichts, aber auch gar nichts, habe auf das hingedeutet, was am Sonntagmorgen passierte. Auch der Mann, gegen den sich der BKA-Einsatz richtete, sowie seine Ehefrau schienen von der Aktion vollkommen überrascht worden zu sein. Die Ehefrau war am späten Sonntagabend von den Ereignissen des Tages deutlich gezeichnet. Nein, reden wolle sie nicht. Man möge bitte Verständnis dafür haben. Sie werde ihren Mann bestimmt nicht vorverurteilen. Es sei ja auch noch alles ein schwebendes Verfahren. Sie wolle jedenfalls erstmal weg, zu ihrer Familie. Wie auch ihr Mann stammt sie gebürtig nicht aus der Eifel. Am Montagmorgen waren die Rollläden an ihrem Haus heruntergelassen. Dort und im gesamten Ort war es still — und unauffällig.