Aachen: Aus Mazedonien nach Aachen geflohen: Noch nicht richtig angekommen

Aachen : Aus Mazedonien nach Aachen geflohen: Noch nicht richtig angekommen

Integration ist ein großes Wort. Doch was bedeutet es konkret, im Alltag? Familie Metovski will Teil der deutschen Gesellschaft werden. Vor fast drei Jahren — im Juni 2015 — kamen Edward und Emina gemeinsam mit ihrem damals vierjährigen Sohn Mikail nach Aachen.

Sie waren aus Mazedonien geflohen, weil sie sich dort als Roma diskriminiert sahen. Damals haben die „Nachrichten“ die Familie porträtiert. Seither hat sich im Leben der Metovskis vieles getan und manches doch nicht bewegt. Eine Momentaufnahme.

Zwei Zimmer, Küche und Bad, zusammen rund 60 Quadratmeter groß. Die Wohnung liegt an einer breiten Ausfallstraße. In das Mehrparteienhaus der städtischen Gewoge ist Familie Metovski im vergangenen November eingezogen. Die Zimmer sind hell und sauber. Der Unterschied zur düsteren und feuchten Parterrewohnung, in der die Metovskis vorher mehr als zwei Jahre gelebt haben, ist augenfällig. „Natürlich sind wir sehr dankbar, dass uns die Stadt den Wechsel ermöglicht hat“, sagt der 38-jährige Edward.

Auf dem Boden des Wohnzimmers liegt Spielzeug. Dazwischen macht die kleine Elizabeth ihre ersten Gehversuche. Das Mädchen ist vor 14 Monaten in Aachen zur Welt gekommen. In Staaten wie den USA hätte sie automatisch den Pass ihres Geburtslandes erhalten. So versuchen die Amerikaner, Neuankömmlinge möglichst schnell auch emotional an ihr Land zu binden.

In Deutschland ist das anders. „Hier bekommen Kinder von Ausländern nur dann automatisch die Staatsangehörigkeit, wenn die Eltern zum Zeitpunkt der Geburt über eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis verfügen“, sagt Sebastijan Kurtisi, Vorsitzender des Vereins Roma Union Grenzland Aachen und Freund der Familie.

Die Metovskis sind aber nach wie vor in Deutschland nur geduldet. Alle drei Monate müssen sie die Genehmigung verlängern lassen. Geblieben ist damit auch die Gefahr, plötzlich eine behördliche Aufforderung zur Ausreise zu bekommen.

Viele wurden zurückgeschickt

Trotzdem ist die Duldung zumindest ein kleiner Erfolg für die Familie. Die meisten anderen Mazedonier, die zur gleichen Zeit wie sie nach Deutschland kamen, sind inzwischen entweder abgeschoben worden oder „freiwillig“ ausgereist. Als Migranten vom Balkan mussten sie syrischen Kriegsflüchtlingen Platz machen. „Im Sommer 2015 lebten in Aachen rund 80 Roma-Familien, die aus Mazedonien, dem Kosovo oder Serbien geflohen waren“, schätzt Kurtisi. „Heute ist es nur noch eine Handvoll.“

Zu den Menschen, die Deutschland verlassen mussten, gehörten auch die Mutter und Großmutter von Emina Metovski. Seither hat die junge Frau nur noch telefonischen Kontakt zu ihnen. Ihre Verwandten in der alten Heimat zu besuchen, ist nicht drin. Emina und ihr Mann Edward dürfen Nordrhein-Westfalen nicht verlassen. Machen sie es trotzdem, verlieren sie die Duldung. Frau Metovski belastet das.

Bleiben durften die Metovskis, weil ihr Sohn Mikail Autist ist. Neben der allgemeinen Diskriminierung von Angehörigen der Roma-Minderheit in ihrer alten Heimat war das der eigentliche Grund für ihre Flucht aus Mazedonien. „Viele Menschen dort glauben immer noch, Autismus sei eine ansteckende Krankheit“, sagt Edward. „Mikail hätte in Mazedonien keine Hilfe erwarten können — erst recht nicht als Roma.“ Das Gesundheitsamt der Stadt Aachen hat inzwischen festgestellt, dass der Junge dringend langfristig behandelt werden muss.

Seither kümmern sich Spezialisten um das Kind. Dreimal pro Woche wird Mikail therapiert. Erste Erfolge sind offenkundig. „Als ich den Kleinen zum ersten Mal sah, lebte er eingekapselt und völlig zurückgezogen in seinem Schneckenhaus“, erinnert sich Kurtisi. „Heute ist er zugänglich.“ Mikails Sprachvermögen ist zwar immer noch sehr eingeschränkt. Deshalb geht der inzwischen Siebenjährige weiter in den Kindergarten und braucht ständige Begleitung. Andererseits gilt er als hochbegabt, weil er offenbar über eine hoch spezialisierte Wahrnehmungsfähigkeit verfügt. „Er kann bereits lesen und schreiben, sowohl Texte in Englisch als auch in Deutsch“, sagt sein Vater. „Derzeit wird geprüft, ob er im kommenden Jahr auf eine Förderschule oder in die Regelschule geht.“

Schwierige Suche nach einem Job

Über ihren Sohn hat das Ehepaar ab und an flüchtige Begegnungen mit deutschen Eltern. Doch außer Kurtisi konnten sie in Aachen bisher keine neuen Freunde finden. Wie denn auch? Der Arbeitsplatz als eine Art Kontaktbörse existiert für sie nicht. Beide suchen nach wie vor einen Job. Dabei sind Edward Metovski und seine Ehefrau gut ausgebildet.

Emina hat in Mazedonien nach dem Abitur als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet. Edward war nach Ende seiner Gymnasialzeit 15 Jahre lang Berufssoldat bei einer technischen Einheit der mazedonischen Armee. Er spricht inzwischen hervorragend Deutsch — auch, weil er Grundkenntnisse der Sprache bereits in der Schule erworben hat. Doch genutzt hat ihm das bisher wenig. „Ohne Arbeit fällt mir häufig die Decke auf den Kopf“, sagt Edward.

Warum er auf all seine Bewerbungen bisher nur Absagen bekam, weiß er nur in einem Fall. „Bei der Polizei ist es daran gescheitert, dass ich beim Vorstellungsgespräch eineinhalb Monate zu alt für eine Umschulung war“, erzählt Edward. Aber aus welchen Gründen er keinen Erfolg bei Security-Unternehmen oder einer großen Aachener Fabrik hatte? Kurtisi glaubt einen möglichen Grund zu kennen. „Geduldete Flüchtlinge erhalten immer nur eine dreimonatige Arbeitserlaubnis. Den bürokratischen Aufwand, sie ständig verlängern zu müssen, scheuen viele Unternehmen.“

Vielleicht liegen die Schwierigkeiten der beiden auf dem Arbeitsmarkt aber auch daran, dass sie als Roma in Deutschland immer wieder mit alten Klischees und Vorurteilen über „Zigeuner“ zu kämpfen haben. Kurtisi, der Flüchtlinge häufig bei Behördengängen begleitet, wird deutlich. „Wer als Roma nur eine Duldung vorweisen kann, wird auf den Ämtern schnell in eine Schublade gesteckt und oft überheblich behandelt“, sagt der 49-jährige Vermögensberater, der sich bei den Grünen engagiert.

Das Problem Sprache

Auch Emina hatte schon die ein oder andere unerfreuliche Begegnung. Doch das ist für die energiegeladene Frau, die sich in ihrer alten Heimat als Aktivistin jahrelang für die Rechte ihrer Volksgruppe eingesetzt hat, nicht das Hauptproblem. „Ich will endlich die Sprache richtig lernen“, sagt die 38-Jährige in gebrochenem Deutsch. Ihr ist bewusst: Sie mag neben ihrer Muttersprache noch so gut Englisch sprechen, ohne ausreichende Deutschkenntnisse bleiben ihre Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt gering.

Antrag noch nicht bearbeitet

Anders als Kriegsflüchtlinge aus Syrien haben die Metovskis jedoch kein Anrecht auf einen kostenlosen Sprachkurs. Sie müssen entsprechende Angebote aus eigener Tasche finanzieren — rund 180 Euro. Doch dazu reicht die Sozialhilfe nicht. Die oft gerade gegenüber Balkan-Flüchtlinge erhobenen Vorwürfe, sie würden nur wegen der staatlichen Leistungen nach Deutschland einwandern, lässt Edward jedoch nicht gelten. „In Mazedonien haben wir zusammen mehr verdient, als wir jetzt erhalten“, sagt der 38-Jährige. „Wir wollen auch in Deutschland finanziell möglichst schnell auf eigenen Füßen stehen.“

Das Ehepaar hofft deshalb, bald zumindest eine auf sechs Monate bis zwei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Dann, da sind sich beide sicher, wird es für sie leichter, einen Job zu finden, von dem die Familie leben kann. Einen entsprechenden Antrag hat die Familie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bereits vor rund zwei Jahren gestellt. Bis heute ist darüber allerdings noch nicht entschieden worden. Die Seelenlage der Familie Metovski schwankt deshalb zwischen Dankbarkeit, Enttäuschung und Zukunftsangst. Ihre Integration hatte sie sich wohl doch etwas einfacher vorgestellt.

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