Region: Auf der Suche nach einem guten Buch in Redu

Region : Auf der Suche nach einem guten Buch in Redu

Auf der Suche nach einem guten Buch kann man viele Orte anpeilen: Buchhandlungen und Buchabteilungen — in Supermärkten und Kaufhäusern oder Stadt — und Fachbibliotheken. Man kann auch online fündig werden. Oder man fährt nach Redu. Weil man dort eintauchen kann — in die Vielfalt Tausender Bücher, die sich hier in Regalen, Kisten und Kartons eng aneinander drücken und draußen Treppen und Mäuerchen schmücken.

Um Bücher dreht sich alles in dem kleinen Ardennen-Dorf. Das ganze Jahr über und erst recht am 4. August, wenn die lange Nacht der Bücher ansteht. Dann stehen auch die Gehwege voll mit Bücherkisten, und nicht nur Bücherfreunde, sondern auch Musiker und Künstler bevölkern jeden Winkel.

redu. Foto: Edda Heitz, Belgien Tourismus

Redu ist das älteste und bekannteste Bücherdorf in Belgien — mit 450 Einwohnern sowie einer Durchgangsstraße nebst ein paar Gassen. Um die wuchtige Kirche sammeln sich schiefergedeckte Häuser, an deren Hausfronten Kübel mit roten Geranien leuchten. Wie ernst die Einwohner ihren Ruf als Bücherdorf nehmen, sieht man auch an den hübschen Messinglaternen, die mit einer Papierrolle versehen sind.

redu. Foto: Edda Heitz, Belgien Tourismus

Um Redu herum wechseln sich Wald und Weiden ab. Durch die Landschaft schlängeln sich kleine Bäche und Flüsse, zum Beispiel auch die Lesse, die der Gegend den Namen Haute-Lesse gab. Kurze und lange Wanderwege führen durch die stille Natur. Nur die Parabolantennen im Westen vor Redu, die zu einer der Bodenstationen der Raumfahrbehörde ESA gehören, passen nicht so richtig zu dem malerischen Panorama.

Redu geht es heute gut. In den 70er Jahren sah die Situation anders aus. Als kleines Bauerndorf erlitt Redu ein ähnliches Schicksal wie viele andere Dörfer auch: Es fehlte an Arbeit, und die Menschen zogen weg aus diesem malerischen Ort.

Dass Redu nicht endgültig ausstarb, ist — wenn man so will — das Werk von Noël Anselot. Der Journalist und Büchernarr hatte eines der leerstehenden Bauernhäuser gekauft und lebte hier bereits, als er eines Tages nach Hay-on-Wye in Wales fuhr — das bis dahin einzige Bücherdorf. Begeistert kehrte er mit der Idee zurück, etwas ähnliches für französischsprachige Bücher in der Heimat zu initiieren.

Ein großer Erfolg

Der Bürgermeister war sofort mit von der Partie. An Ostern im Jahr 1984 war es dann so weit. Der erste Büchermarkt fand statt und war gleich ein großer Erfolg. Auf Anhieb kamen um die 15 000 Besucher. So bestand kein Zweifel mehr, diesen Weg weiterzugehen. Um die 200 000 Besucher kommen jährlich. Inzwischen findet man in den Antiquariaten auch viele deutsch- und englischsprachige Bücher.

Wer die Dorfstraße entlangschlendert, trägt meist Wanderschuhe und hat statt einer Wanderkarte schon mal ein Buch in der Hand. Eben gekauft in einem der 15 Buchläden. „Hier eröffnet keiner einen Buchladen, um reich zu werden“, sagt Miep van Duin.

Miep kam vor 26 Jahren aus dem niederländischen Limburg und war Lehrerin, bevor sie hier ihre Buchhandlung „De Eglantier&Crazy Castle“ eröffnete. Damals gab es noch um die 30 Buchgeschäfte. Aber verändertes Leseverhalten, Amazon und E-Books machten auch vor diesem stillen Winkel Belgiens nicht halt.

Dennoch ist die Stimmung gut. Eine unbeschwerte Atmosphäre herrscht auch in Mieps Antiquariat vor. Helle breite Holztreppen führen über zwei Etagen. Im ersten Stock sind die Regale voll mit deutschsprachiger Literatur , und im zweiten Stock gibt es englische Krimis in Massen.

Daneben natürlich noch Bücher in französischer und niederländischer Sprache. Um die 12.000 Stück müssten es sein, schätzt Miep. Egal, ob Eifel-Blues-Krimi oder Bildband über europäische Malerei in polnischen Sammlungen, bei Miep findet man immer ein Buch, das man gerne kauft.

„Vor kurzem war eine junge Frau hier, die bei mir zufällig ein Buch ihres Vaters fand“, erzählt die passionierte Buchhändlerin. Über solche Begegnungen freut sie sich besonders.

Skulpturen und Masken aus Afrika

Von Mief und Muffigkeit spürt man auch in Johan Deflanders Antiquariat „La Reduiste“ nichts. Ganz im Gegenteil. Skulpturen und Masken aus Afrika sind im ganzen Haus zwischen Regalen und Werken moderner Malerei verteilt. Ein rundum interessanter Mix, der bei den Besuchern gut ankommt, so Johan. Als Kommunikationsmanager ist er viel in Afrika unterwegs und hat von dort auch Literatur mitgebracht. Als er vor drei Jahren in das weiße Haus mit der grünen Eingangstür zog, wollte er Ruhe und Entspannung finden.

Kunst gab es in dem Haus schon immer. Früher war hier eine Galerie, und in dem großen Raum, in dem sich jetzt die Bücher bis zur Decke stapeln, war das Tanzparkett des Dorfes. Johan weiß, was das Herz eines Lesers höherschlagen lässt.

So serviert er Kaffee und Häppchen, während der Besucher in den Büchern schmökert. Café, Buchhandlung und demnächst noch einen Yoga-Raum sehen er und seine Frau Anthe Vrijandt als eine schöne Kombination für ihr kleines Lese-Paradies.

Obwohl es einige Antiquariate weniger sind als noch vor ein paar Jahren, bleibt Redu ein lebendiges Bücherdorf. Ein eigens dafür geschaffenes Komitee sorgt dafür, dass man gerne hierher kommt — nicht nur der Bücher wegen, sondern mit der ganzen Familie zum Wandern, Kaffee trinken, und eben einfach, um die Seele baumeln zu lassen.

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