Kerpen: Auf den Bäumen, für die Bäume: Die Aktivisten im Hambacher Forst

Kerpen : Auf den Bäumen, für die Bäume: Die Aktivisten im Hambacher Forst

Im Heimatdorf des Mannes, der sich selbst „Clumsy” nennt, ist seit einigen Tagen vieles nicht mehr so, wie es war. „Die haben von da hinten angefangen, alles, was irgendwie am Boden war, mitzunehmen”, berichtet er. Clumsy zählt auf: Stühle, Feuerholz, eine Küche, auch „Dekorationsobjekte”, wie er es nennt - Gartenzwerge.

Auf seinem Handy zeigt er Fotos eines kleinen Fitnessstudios, das er sich einst selbst gebaut habe. Man sieht Gewichte und einen Barren, dahinter Wald. Das Heimatdorf von Clumsy steht mitten im Wald, im Hambacher Forst. Und am Mittwoch kam der Waldbesitzer RWE, geschützt von Polizisten, um aufzuräumen.

Clumsy ist einer von jenen Aktivisten, die den Wald besetzt halten. Sie leben in Baumhäusern, seines wurde in der „Oaktown” genannten Siedlung in 16 Metern Höhe errichtet. Die Besetzer wollen verhindern, dass der Wald gerodet wird, weil unter ihm Kohle zu finden ist. Der Forst liegt im Braunkohlerevier nahe Aachen. Für den Kohleabbau will der Energiekonzern RWE mehr als 100 der verbliebenen 200 Hektar Wald abholzen, darf damit aber frühestens im Oktober beginnen. Aus Sicht des Konzerns ist das unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern.

Am Mittwoch und Donnerstag schafften RWE-Mitarbeiter unter anderem Barrikaden weg. Der Konzern betont, dass es keine Räumung oder Rodung gewesen sei. Man habe den Wald nur gesäubert. Die Baumhäuser blieben. Bei den Aktivisten kam das allerdings erwartbar schlecht an. Die „Aktion Unterholz” etwa rief den „Tag X” aus und kündigte ein „Wochenende des Widerstands” an, mit Blockaden, weiteren Menschen im Wald und „zivilem Ungehorsam”. Der Streit um den Hambacher Forst spitzt sich zu.

Während Clumsy spricht, hört man im Hintergrund Hammerschläge. Es wird weiter gebaut. „Unsere Rolle ist, der nervige Stachel im Fleisch von RWE zu sein”, sagt Clumsy. Er meint damit: Wer an den Wald will, muss an ihnen vorbei. Er sagt, er lebe seit sechseinhalb Jahren im Forst. Über mehrere Camps verteilt gebe es mittlerweile mehr als 60 Baumhäuser. Wer hoch will, muss mit Ausrüstung klettern, dafür werden extra Kurse angeboten. Die Hütten sind mit Knoten befestigt, nicht mit Nägeln - um die Bäume nicht zu beschädigen.

„Ich könnte da oben ein oder zwei Monate leben, ohne runterzukommen. Ich habe Massen an Wasser und Essen gebunkert, ich habe da oben einen Ofen, ein Solar-Panel auf dem Dach und Internet”, sagt Clumsy. Seinen richtigen Namen nennt man Besuchern in dem Wald nicht. Andere Besetzer heißen „Alaska” und „Indigo”. Versorgt werden sie von Menschen, die außerhalb des Waldes leben. Manche klappern einmal in der Woche Supermärkte ab, um Essen einzusammeln, das ansonsten weggeworfen würde. Das bringen sie dann in den Wald.

Räumaktionen zuletzt ohne Zwischenfälle

Nach den Worten von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat man es bei den Waldbesetzern teilweise mit „extrem gewaltbereiten Linksextremisten” zu tun. Die Polizei berichtet immer wieder von Angriffen auf Kollegen, auch mit Verletzten - etwas durch Beschuss mit Zwillen. Die Räumaktion zuletzt lief aber ohne große Eskalation. Und auch sonst wirken die Bewohner eher friedlich. Es ist dennoch nicht ganz einfach, mit den Besetzern über das Thema Gewalt zu reden. Clumsy sagt: „Wir können es gar nicht stoppen, weil wir nicht wissen, wer wann was wo macht. Es rennt ja niemand durch den Wald und sagt, ich gehe jetzt mit der Zwille irgendwie Bullen jagen.”

Die Gruppe der Rodungsgegner ist zwar vereint im Ziel, aber in sich heterogen. Es gibt Menschen aus der Nachbarschaft, es gibt Naturschützer, Klimaschützer, es gibt Linke, es gibt Idealisten.

„Der Hambacher Forst ist inzwischen einfach ein Kristallisationspunkt”, sagt Jan Pütz von der „Aktion Unterholz”, er steht an einem Bahnhof in unmittelbarer Nähe zum Wald. Es gibt Diskussionen mit der Polizei, weil diese die Personalien checken will, bevor es in Richtung Wald geht. Zwischendurch brüllt Pütz: „Ich sag Hambi, ihr sagt...” - worauf die mit ihm Angereisten - viele Städter - brüllen: „...bleibt!”

Der Forst sei ein Symbol und zugleich ein Ort, an dem man praktisch etwas tun könne, sagt Pütz. Viele der beteiligten Protestler seien vorher nie auf einer Demo gewesen. „Das ist ein Politisierungsmoment für viele Menschen”, sagt Pütz. „So wie es früher die Castor-Transporte im Wendland waren.”

(dpa)
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