Arnd Zeigler mit Soloprogramm „Dahin, wo es wehtut“ in Alsdorf

Ein Stadionsprecher zieht Bilanz : Arnd Zeigler über Handspiele, die Alemannia und vieles mehr

Er ist: Journalist, Moderator, Stadionsprecher, Produzent, Sänger, Autor. Vor allem ist Arnd Zeigler aber: Fußballfan. Auf seiner Homepage schreibt der 53-jährige über seine Anfänge:

„Arnd wurde 1965 in einem Weidenkörbchen unter der Ostkurve des Bremer Weserstadions gefunden. Noch heute lebt er im Weserstadion.“ Dieser Scherz erklärt ganz gut seine große Liebe zum runden Leder. Beim Blick auf den Fußball hat der Moderator der WDR-Fernsehsendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ sonntagabends aber in jüngster Zeit durchaus ein paar Dellen entdeckt. Das leidige Thema Handspiel verleidet dem Stadionsprecher des Bundesligisten Werder Bremen ein bisschen das Fußballerleben. „Die mittlerweile extrem abstruse Auslegung der Handspielregel macht mich echt wütend. Sie ist im Begriff, den Fußball zu verändern.“

Im Oktober wird Arnd Zeigler mit seinem Soloprogramm „Dahin, wo es wehtut“, auch in Alsdorf gastieren. Kurz vor dem Ende der Fußballsaison stand Zeigler im Gespräch mit Heribert Förster Rede und Antwort.

Sie fangen Ihr Bühnenprogramm „Dahin, wo es wehtut“ stets mit einem kurzen Blick auf einen ortsansässigen Klub an. Das wird am 17. Oktober Alemannia Aachen sein. Was fällt Ihnen zur Alemannia ein?

Arnd Zeigler: Alemannia Aachen ist einer der diversen Traditionsvereine, denen ich es so wünschen würde, dass sie wieder den Anschluss an bessere Zeiten schaffen. Ich bin jedesmal ein bisschen frustriert, wenn ich auf die Tabelle der Regionalliga West gucke. Die Alemannia ist einer von sechs oder acht Vereinen, die ich mir sehr, sehr, sehr gut wieder im bezahlten Fußball vorstellen könnte.

In unserem Verbreitungsgebiet gibt es auch viele Fans von Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln. Was fällt Ihnen zu diesen beiden Klubs ein?

Zeigler: Ich weiß um die Sensibilität des Themas, aber da ich weit weg wohne, darf ich es sagen: Ich mag beide Vereine sehr gerne, habe für beide sehr viele Sympathien. Aus unterschiedlichen Gründen. In Köln arbeite ich für den WDR, mein Sohn Ben wurde dort geboren und ich habe dort viele Freunde. Und Borussia Mönchengladbach ist für mich jenseits der ganz großen Vereine der Klub, der über viele Jahre vieles richtig gemacht hat, was den Umgang mit dem Geschäft Fußball angeht und die Art und Weise, wie sie sich positioniert haben. Zudem ist der Klub mit sehr vielen tollen Menschen an den richtigen Stellen besetzt.

Zwei Trainer-Zitate vom vergangenen Wochenende, wer hat’s gesagt? „So wie es jetzt ist, ist es nur verrückt.“ Und: „Wir befinden uns auf dem völlig falschen Weg. So geht das nicht weiter. Das ist nicht mein Fußball.“

Zeigler: Das könnte eigentlich von jedem Trainer kommen, weil ich glaube, dass die derzeit alle angefressen sind. Puh, aber wer war es? Es kann Christian Streich gewesen sein, Nico Kovac oder auch Dieter Hecking. Es ist wirklich schwierig, weil sich jeder zu dem Thema äußert und eine klare Meinung dazu hat. Wer war’s denn?

Das erste Zitat stammt von Christian Streich, das zweite von Friedhelm Funkel. Das Thema der beiden ist klar, oder?

Zeigler: Ja, ja.

Dann echauffieren Sie sich doch bitte mal über den Video Assistent Referee im Kölner Keller.

Zeigler: Es geht ja gar nicht so sehr gegen den Videoassistenten. Ich glaube, die ganze Geschichte ist vor zwei Jahren etwas überhastet durchgewinkt worden, obwohl ja viel Vorbereitungszeit und viel Geld investiert wurde. Ich habe nichts Grundsätzliches gegen die Einführung des Videoassistenten, ich habe aber das Gefühl, da stecken viele Denkfehler dahinter. Ein Videoassistent kann nur funktionieren bei Dingen, die wirklich messbar sind. Und nicht bei Dingen, bei denen mehrere Leute diskutieren, was sie gesehen haben könnten. Ich hab‘ überhaupt kein Problem mit der Torkamera und den mittlerweile ja funktionierenden kalibrierten Linien, so dass die Videoassistenten über Abseitspositionen befinden. Das finde ich gut.

Drei Fußballer und ein Trainer, die Arnd Zeigler sehr schätzt: Leverkusens Stürmer Kevin Volland (von links), Schalkes Torhüter Ralf Fährmann, Werder-Trainer Florian Kohfeldt und die lebende Bremer Stürmerlegende Claudio Pizarro. Foto: dpa

Wenn aber in Köln entschieden wird, welche Szene sich der Schiedsrichter im Stadion anschauen soll oder nicht und dazu komplett unterschiedliche Meinungen herrschen, dann ist das sehr chaotisch. Das größte Problem in meinen Augen ist die mittlerweile extrem abstruse Auslegung der Handspielregel. Das macht mich echt wütend. Sie ist im Begriff, den Fußball zu verändern. Jahrzehnte sind wir gut damit klargekommen, so wie es war. War es Absicht oder nicht, geht die Hand zum Ball oder nicht. Es ist so schade: Es wird nicht mehr über großartige Tore gesprochen, sondern über Handspiele. Es gibt kaum noch ein anderes Thema im Moment. Und das ist größer und wichtiger geworden als der Fußball, das darf nicht sein. Das ist eine grobe Fehlentwicklung.

Reden wir über erfreulichere Themen: welche fünf Spieler gehören für Sie auf jeden Fall in die Elf der Saison – maximal ein Spieler von Werder Bremen darf dabei sein?

Zeigler: Dann haken wir das schnell ab, da ist Max Kruse eine Bank, sowohl als Spielertyp als auch, was den sportlichen Wert angeht. Dann muss ich mal schauen: Dortmunds Marco Reus auf jeden Fall. Ein Torwart sollte auch dabei sein, hm, mal überlegen: Ja, aus Sympathiegründen muss ich wirklich sagen: Ralf Fährmann. Weil ich es seltsam finde, dass auf Schalke die Leute vor einem Jahr noch gehadert haben, dass er nicht mit zur WM fährt. Und jetzt ist er Ersatztorwart. Ich finde schon, dass das Leistungsprinzip gelten muss, aber ich habe großes Mitgefühl mit Ralf Fährmann, der lange Zeit noch als einer besten Torhüter überhaupt galt, und jetzt nicht mehr gut genug sein soll, um bei Schalke im Tor zu stehen. Er hat auf jeden Fall einen Sympathiebonus. Bei den Spielern würde ich dann noch Sancho nehmen. Nee, dann habe ich zwei Dortmunder, das ist auch doof. Kevin Volland auf jeden Fall, und, weil er mich überrascht hat und wir bei seinem Ex-Verein Bremen ihm diese starke Rolle bei Bayern München so nicht zugetraut haben, Serge Gnabry. Ja, und wer noch . . .? Es muss ein Frankfurter dabei sein. Einer der vielen mit „ic“ am Ende. Irgendeiner von denen. Egal welcher, alle top.

Was zeichnet den Leverkusener Volland aus?

Zeigler: Ich mag ihn als Spielertyp total gerne, das Wuchtige, und du hast immer das Gefühl, dass er unglaublich viel für die Mannschaft arbeitet während eines Spiels. Und er ist ja schon lange in Leverkusen und wird nicht dauernd mit anderen Vereinen in Verbindung gebracht. Das mag ich sowieso.

Trainiert wird die Mannschaft der Saison von wem?

Zeigler: Da muss ich, auch wenn das jetzt doof ist, Florian Kohfeldt nennen. Der macht eine dermaßen gute Performance hier in Bremen. Der ist ein so guter Typ, und er hat hier so viel bewegt und Menschen mobilisiert. Ich glaube, dass Werder eine der wenigen Mannschaften ist, in der jeder Spieler ein Fan des Trainers ist. Er hat ein unglaubliches Gespür für Menschenführung, für Empathie. Er ist immer authentisch, es kommt bei ihm nie Blabla, wenn er über Fußball redet. Er hat aus Werder Bremen wirklich etwas gemacht.

Was sagen Ihnen die Namen Christian Keller und Holger Sanwald?

Zeigler: Oh, Moment. Da klingelt irgendwo was, aber weit weg. Wer sind die beiden?

Keller ist sportlich verantwortlich bei Jahn Regensburg, Sanwald beim 1. FC Heidenheim. Markus Krösche vom SC Paderborn gehört auch zu dieser Riege, aber da bin ich davon ausgegangen, dass Sie ihn kennen.

Zeigler: Na klar, der war ja früher als Spieler hier bei uns in Bremen.

Ohne Moos viel los, könnte man sagen. Werden die Leistungen dieser drei Manager und vieler anderer von erfolgreichen Zweitligaklubs nicht viel zu wenig gewürdigt?

Zeigler: Ja, aber da muss man gar nicht in die Zweite Liga gehen, da ist in der Bundesliga immer der SC Freiburg für mich ein perfektes Beispiel. Ich bin ein großer Freund von Entwicklungen und der Notwendigkeit, Geduld, Zeit und Behutsamkeit mit solchen Entwicklungen zu ermöglichen. Das wird in meinen Augen seit vielen Jahren in Stuttgart, Schalke, Hamburg komplett falsch gemacht, da will man Sachen immer durch ständige Amputationen und teure Personalrochaden erzwingen. Anders in Freiburg. Die sagen sich: Wir haben den perfekten Trainer und lassen ihn in Ruhe arbeiten und wissen genau: Dafür kriegen wir auch das Beste zurück.

Und genauso ist das bei den von Ihnen genannten Vereinen. Die Vereine, die es hinbekommen, ein Klima zu schaffen, in dem in Ruhe gearbeitet werden kann, sind auch die Vereine, bei denen auch ohne Geld am meisten zurückkommt. Du hast das Gefühl, das ganze Überdrehte und Erhitzte findet da nicht statt. Freiburg ist ein perfektes Beispiel oder in der Zweiten Liga neben den genannten Klubs auch noch Holstein Kiel, oder jetzt als Paradebeispiel der SC Paderborn. Es ist eine viel, viel größere Leistung, mit Vereinen wie Heidenheim in der Zweiten Liga oben zu stehen, als mit irgendwelchen Scheich-Milliarden Paris Saint-Germain zum französischen Meister zu machen. Da steckt viel mehr Gehirn dahinter, viel mehr Planung, Phantasie und Kreativität. Da hab ich großen Respekt und freue mich, wenn es funktioniert.

Ein Blick in die Zukunft: Beim Deutschen Fußball-Bund suchen sie einen neuen Boss, der gleichermaßen ein Herz für Amateurkicker wie für Profis hat. Und Reinhard Grindel könnte ja Ihre Sendung übernehmen . . .

Zeigler: Mit dem DFB-Präsidenten, egal wer es wird, möchte ich jetzt schon nicht tauschen. Man hat das Gefühl, dass man sich bei diesem Posten auf einen Schleudersitz begibt. Du musst ja ein komplett unangreifbarer Mensch mit einer unangreifbaren Vita sein. Du musst klinisch rein sein, eloquent, mit Profis und mit Amateuren klarkommen. Ich halte das für einen unheimlich schweren Beruf.

Eines verbindet uns, wir sind gnadenlos schlecht bei Tippspielen. Deshalb eine kleine Hilfe für unsere Leser, wie es am Ende der Saison wahrscheinlich nicht kommen wird. Meister wird:

Zeigler: Bayern München, und ich fürchte, dass ich damit richtig liege.

In der Champions League spielt nächste Saison neben München, Dortmund und Leipzig:

Zeigler: Leverkusen.

In die Europa League ziehen ein:

Zeigler: Frankfurt und Mönchengladbach.

In die Qualifikation zur Europa League darf:

Zeigler: Wolfsburg – denn Hoffenheim verliert ja am Samstag gegen meine Bremer.

In der Relegation trifft der VfB Stuttgart auf:

Zeigler: Union Berlin.

Zum Schluss haben Sie einen Wunsch frei: Der Kölner Keller schließt für immer seine Türen, Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß zieht sich aus dem Fußballgeschäft zurück oder Stürmer Claudio Pizarro verlängert seinen Vertrag bei Werder Bremen. Was darf’s sein?

Zeigler: Eindeutig die dritte Variante. Claudio Pizarro ist jemand, von dem man möchte, dass er nie aufhört. Es ist ein großes Geschenk, so einen Spieler als Fan so lange in seinem Verein zu haben. Für mich ist Claudio eine der größten Persönlichkeiten, die der Fußball heute zu bieten hat.

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