Region: Architekt Herbert Feldmann: „China war ein Glücksfall“

Region: Architekt Herbert Feldmann: „China war ein Glücksfall“

Yeah, yeah“, rufen die jungen Frauen auf dem Flur und lachen ihn an. Herbie — so nennt sich der Mann selbst — ist irritiert und wird erst später von einem anderen Kollegen aufgeklärt, dass die jungen Kolleginnen im chinesischen Shenzhen ihm im Vorbeigehen einen Spitznamen gegeben haben „Opa, lieb“.

Aber der Opa (Verzeihung, Herr Feldmann!) ist nicht nur lieb, er ist mutig, neugierig, offenherzig. Als wäre er 25 und Erasmus-Student. Aber der Architekt Herbert Feldmann ist, als er aus dem gemütlichen Aachen und dem noch gemütlicheren belgischen Kelmis aufbricht, 65 Jahre alt. „Also im allerbesten Alter“, sagt er und lacht. In den folgenden fünf Jahren wird er in verschiedenen Architektur-Büros mit vielen jungen, chinesischen Kollegen als architektonischer Berater, Ideengeber, Kreativkopf arbeiten — und dabei die Gepflogenheiten seiner fremden Umgebung aufsaugen wie ein Schwamm.

Glitzernd wie Diamanten: „China entwickelt sich schnell, überall wird gebaut“, sagt Herbert Feldmann.

Seit anderthalb Jahren ist er nun wieder hier — mittlerweile 72 Jahre alt: „Jetzt bin ich in fast noch besserem Alter“, betont Feldmann. Aus der intensiven Zeit in China hat der Stadt- und Landschaftsplaner sein „chinesisches Kunst-Literatur-Projekt“ destilliert: „Chinesische Briefe/Chinesische Bilder“. Das ist ab Samstag in Aachen zu sehen und zu hören.

Immer ein neues Projekt im Kopf: Der Aachener Herbert Feldmann liest und stellt aus. Foto: Harald Krömer

Wäre man gemein, könnte man behaupten, dass Herbert Feldmann die Hauptarbeit an seinem Projekt dem Betrachter, Zuhörer, Leser überlässt. Die „Chinesischen Briefe“, es sind 33, umfassen rund 1000 Seiten eng bedrucktes Papier, auf zwei Bände verteilt. Und auch seine „Chinesischen Bilder“, eine Mischung aus bunten Freihandzeichnungen und collagenartig montierten Fotos, werden eher an die Wände der Galerie S. tapeziert als gehängt — kein Freiraum, nirgends.

Glitzernd wie Diamanten: „China entwickelt sich schnell, überall wird gebaut“, sagt Herbert Feldmann.

Eine Auswahl zu treffen, die Beschränkung, die Verdichtung gehören nicht unbedingt zu den Feldmannschen Talenten. Ordnen und sortieren, das soll der Empfänger besser selbst machen, ist der Architekt überzeugt. Irgendwie verhält es sich bei den Bildern wie bei den durchaus unterhaltsamen Anekdoten seiner China-Briefe: Eigentlich ist alles wichtig.

Herbert Feldmann nennt es eine „angenehme Verstörung“. Er will das Irritierende nicht ausblenden, sowieso eigentlich gar nichts ausblenden, weil ja all das schon wieder Bewertung, Urteil, wäre. Und das will sich Herbert Feldmann nicht anmaßen: Also bleibt nur das Kaleidoskop, durch das eine unübersichtliche Vielfalt an Anekdoten sichtbar wird, sowohl bei Herbies Texten, seinen Collagen als auch bei seinen Handzeichnungen — extrem farbig, extrem kleinteilig und natürlich auch extrem verwirrend.

Ob ein Betrachter so viel Muße findet, die Essenz darin zu suchen, ob ein Leser die Gelassenheit mitbringt, das alles zu lesen, scheint ihm ein wenig gleich zu sein. „Das sind Bücher, die man irgendwo aufschlägt, um sich etwas treiben zu lassen. Es ist ja kein zusammenhängender Text der aufeinander aufbaut“, erklärt der Autor Feldmann. „Und das sind Bilder, da kann man sich mal angucken, wie so eine Stadt so aufgebaut ist“, sagt der Zeichner Feldmann.

Es geht im Groben um alles in China: das Leben, das Arbeiten, die Gesellschaft, die Kultur, die Geschichte, Politik. Und immer wieder geht es auch um den Blick auf Europa, auf Deutschland, auf das Grenzland, auf Ostbelgien. Ja, das geht runter bis zum belgischen Bier in einer chinesischen Kneipe. „Denn das besondere am Reisen ist ja nicht, dass man Neues sieht, sondern dass es den Blick auf die Heimat verändert.“

Fünf Jahre China — das war für Herbert Feldmann der Glücksfall. Zumal es ihm in der Zeit davor in Aachen und in Kelmis nicht besonders gut gegangen ist. Seine Hochzeit als Architekt hat er selbst in den 80ern erlebt: Damals hat er das Deliusviertel in Aachen umgebaut, viele Wettbewerbe gewonnen — und manches auch umgesetzt. Doch irgendwann kam der Knick für das kleine Architekturbüro Feldmann. Auch, wie er meint, weil es einfach nicht so viele Baulücken wie Planer gibt: „Und vor den wenigen verbliebenen Baulücken standen die Architekten Schlange, tiefschwarz gekleidetes Künstlervolk, hungernd, dürstend, ich immer hintendran, chancenlos“, schreibt Feldmann zu Beginn der Briefe. Als es existenziell wird, macht er alles mögliche, um sich über Wasser zu halten. Er wird Zeitungsbote, Nachhilfelehrer, Mittagstischausfahrer.

In dieser Zeit trifft er durch einen Zufall einen jungen Architekten wieder, der selbst mehrere Jahre als Berater in China verbracht hat. „Er wollte wegen der Familie wieder nach Hause, ich wollte weg. Ich musste nicht lange nachdenken über das Angebot“, sagt Feldmann. Dass nun ein älterer Herr statt des jungen Architekten nach China kam, war dort gleich: „Dort merkt man, dass das Alter großen Respekt erfährt. Hier ist man ja über 50 schon ein alter Trottel.“ Außerdem gibt es dort eben noch mehr Baulücken als Planer. Ganze Megacitys werden im sich schnell entwickelnden China am Reißbrett erdacht. Um städtebaulich auch über den Horizont zu schauen, holen sie sich Fachleute aus Amerika, Deutschland, Kanada oder England: „Das macht natürlich Spaß, an Projekten dieser Größenordnung mitzumachen“, sagt Feldmann.

Ob und was von seinen Ideen dann in den verschiedenen Städten in China, in denen er — „meistens im 22. Stock eines Hochhauses“ — gewohnt hat, umgesetzt worden ist, weiß Herbert Feldmann nicht und wird er wahrscheinlich auch nie erfahren. Sein Herz hängt mehr an dem, was er mitgebracht hat. Die „Chinesischen Briefe“ hat er in Anlehnung an die „Persischen Briefe“ des französischen Schriftstellers der Aufklärung, Montesquieu, benannt. Dieser hatte seine Briefe 1721 in Amsterdam veröffentlicht, um dem Leser eine Sicht auf den Orient und damit eine kritische Sicht auf das eigene Land zu ermöglichen. Herbert Feldmann hat auch eine Botschaft. Für seine Verhältnisse fällt sie erstaunlich kurz aus: „Fahrt mal hin, guckt euch das mal an.“