Aachen: Aquis Plaza bleibt auch kurz vor Eröffnung umstritten

Aachen : Aquis Plaza bleibt auch kurz vor Eröffnung umstritten

Es gleicht einer missglückten Konzertprobe, bei der der Dirigent kurz pausiert und alle Instrumente versuchen, sich gleichzeitig Gehör zu verschaffen. Hammer, Bohrer, Flex, laute Ausrufe — alles aus anderen Ecken, alles auf einmal. „Hier ist ordentlich Trubel“, kommentiert Kathrin Landsmann.

Im Aquis Plaza, Aachens künftig größtem Einkaufszentrum, hat die finale Phase begonnen. In manchen Läden hängen schon Jacken, in anderen wird gerade mal der Boden verlegt. Am Mittwoch ist Eröffnung.

Hammer, Bohrer, laute Ausrufe: Im Aquis Plaza laufen die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung am kommenden Mittwoch auf Hochtouren. Doch auch zweieinhalb Jahre nach dem ersten Spatenstich hat die Kritik an dem Großprojekt zumindest seitens der Bürgerinitiative „Kaiserplatzgalerie — Nein Danke!“ nicht nachgelassen. Foto: Harald Krömer

Für die Mitarbeiter vieler Geschäfte dürfte gelten, was auch die Center-Managerin ganz nüchtern für sich und ihre Kollegen beansprucht: „So kurz vor der Eröffnung braucht man nicht über freie Wochenenden nachzudenken.“ Fünf bis zehn der mehr als 130 Geschäfte werden den Eröffnungstermin verpassen. Spätestens bis Weihnachten sollen diese Nachzügler ihre Räume beziehen.

An freie Wochenenden ist nicht zu denken: Für Kathrin Landsmann hat die Hektik der finalen Phase vor der Eröffnung des Aquis Plaza begonnen. Die Center-Managerin arbeitet eng mit dem Stadtmarketing zusammen und sieht die Mall als Aufwertung der Aachener Innenstadt. Foto: Harald Krömer

25.000 Besucher täglich

Bleibt skeptisch: Horst Schnitzler prognostiziert schwere Zeiten für den örtlichen Einzelhandel. Foto: Harald Krömer

Wenn Experten der Hamburger Investoren- und Betreibergesellschaft ECE über das Aquis Plaza sprechen, machen große Zahlen die Runde. 290 Millionen Euro hat der Bau gekostet. 29.000 Quadratmeter misst die Gesamtfläche. 25.000 Besucher soll das Einkaufszentrum am Kaiserplatz anziehen — täglich.

Es ist ebenjene Größenordnung, die nicht wenigen Aachenern Kopfzerbrechen bereitet. Ein Kritiker der ersten Stunde ist Horst Schnitzler. Ein gemütlicher Mensch, der auf bequeme Kleidung setzt. Im Anzug begegnet man dem Ratsherrn auf der Straße selten. Doch wenn es darum geht, seine Meinung kundzutun, dann wird er auch mal ungemütlich.

So zum Beispiel als Sprecher der Bürgerinitiative „Kaiserplatzgalerie — Nein Danke!“. Seit 2008 — als der Spatenstich und die Taufe des damals noch als Kaiserplatzgalerie geläufigen Aquis Plaza noch in weiter Ferne zu liegen schienen — stellen die Gegner der Shopping-Mall vor allem negative Begleiterscheinungen des Großprojekts hervor.

Auch wenn es in letzter Zeit um die Bürgerinitiative ruhig geworden ist. An ihrer ablehnenden Haltung habe sich nichts geändert, sagt Schnitzler, ordnet aber ein: „Meine Kritik richtet sich an die Politik, nicht an das ECE und diejenigen, die hier ihr Geschäft machen wollen.“

Modern, schick, bunt

Mit einem grünen Schutzhelm gerüstet, steht der Vertreter der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) in Aachen in der Eingangshalle der Mall. Schnitzler beobachtet interessiert das Geschehen: Das ist es also, gegen das er so viele Jahre gekämpft hat. Modern, schick, mit vielen bunten Elementen und Leuchten. Wie so viele Einkaufscenter, die er sich angeguckt habe.

Er müsste ja wissen, für was und gegen was er sich in Aachen einsetzt. In Essen sei er gewesen, in Oldenburg — ein „uncharmanter Massenkonsum, der mir eher unangenehm in Erinnerung geblieben ist“. Doch bei seiner Argumentation gegen den Einkaufstempel gehe es ihm nicht um persönliche Befindlichkeiten.

Er sieht vielmehr die Fakten auf seiner Seite. So zum Beispiel, wenn er von den Auswirkungen auf den örtlichen Einzelhandel spricht. Auf den kämen mit der Eröffnung des Einkaufscenters am kommenden Mittwoch schwere Zeiten zu.

Dem erhobenen Zeigefinger will Center-Managerin Landsmann naturgemäß seine Aussagekraft nehmen: „Wir wollen die Innenstadt stärken. Unser Ziel ist es, dass die Fußgängerzone verlängert wird.“ Für Horst Schnitzler sind diese Beteuerungen nicht mehr als schöne Worte. „Das ECE und die Politik müssen diesen Standpunkt vertreten, um Unmut zu vermeiden. Doch ich kaufe das nicht ab. Und die Einzelhändler kaufen das auch nicht ab.“

Experten der Industrie- und Handelskammer rechnen einem Gutachten zufolge mit einem Verdrängungseffekt von 9,8 Prozent. Die Bürgerinitiative gehe jedoch von 14 Prozent aus. „Viele Inhaber werden das merken. Und für manche wird es keinen Puffer geben“, prognostiziert Schnitzler. Seiner Meinung nach müsse man in den umliegenden Straßen mit zunehmenden Leerständen rechnen.

In zwei Jahren würden erste Auswirkungen spürbar. Wenn sich die Magnetwirkung des Aquis Plaza negativ auf die Einzelhändler auswirkt, werde die Bürgerinitiative sich nicht zu Wort melden. „Die betroffenen Händler werden das dann selber aufgreifen“, prognostiziert Schnitzler.

Jörg Hamel, Geschäftsführer des Einzelhandels- und Dienstleistungsverbands Aachen-Köln-Düren, teilt die Meinung in puncto Verdrängungswettbewerb und Negativauswirkungen für Einzelhändler nicht. „Die Center, die in einer 1a-Lage angelegt sind, haben größere Chancen, die Innenstadt zu beleben als solche, die außerhalb liegen. Es ist wichtig, dass ein Center nicht isoliert da steht. Darauf wurde hier von Anfang an Wert gelegt“, sagt er. Denn wenn der Standort insgesamt nicht funktioniere, werde auch das Center nicht funktionieren — „darum müssen alle an einem Strang ziehen“.

Landsmann nickt bei diesen Worten zustimmend. Sie arbeite eng mit dem Stadtmarketing zusammen, es gebe gemeinsame Marketinginitiativen. Für Schnitzler bleibt dies jedoch eine Argumentation, die nur in der Theorie funktioniert. Denn: „Es ist die innere Tragik, dass das Marketing des ECE funktioniert. Und da die meisten Leute den Euro nicht zweimal ausgeben können, wird es zu einem Verdrängungsprozess kommen.“ Und der Sprecher der Bürgerinitiative geht davon aus, dass das Center erfolgreich sein wird.

Falsche Ansprechpartnerin

Managerin Landsmann sieht bei der Diskussion um die Folgen ihres Einkaufszentrums ein kleines und ein großes Problem. Das kleine, für das sie wahrlich nicht die Hauptverantwortliche ist: Für Schnitzler und seine Kritik ist sie nicht die richtige Ansprechpartnerin. Sie ist Managerin und Geschäftsfrau, keine Politikerin. Dass günstiger Wohnraum in Aachen knapp und stattdessen zunehmend teurer Wohnraum geschaffen werde, habe letztlich die Politik zu verantworten.

Dass sie als Auswärtige die Wohnungslage in Aachen aus einem anderen Blickwinkel sieht, belegt auch eine Randbemerkung. Auf die Aussage Schnitzlers, dass sich der Quadratmeterpreis wohl verdoppeln werde, sagte Landsmann lächelnd: „Aber dafür sind es schönere Wohnungen.“

Das große Problem sieht Landsmann im Schwarz-weiß-Denken mancher Gegner der Mall: „Es gibt nicht die eine Meinung. Das Center ist mit der Altstadt nicht vergleichbar. Wir haben nicht das Angebot, das die Altstadt bietet. Die Leute entscheiden sich, wo sie hingehen.“ Wer eine urige Gastronomie und Altstadtflair suche, werde sicherlich nicht das Einkaufscenter am Kaiserplatz aufsuchen.

Zurück auf der Wilhelmstraße drängt sich die nächste Problematik des zentralen Einkaufscenters auf — und das lautstark auf vier Rädern. Große Transporter reihen sich vor der Tiefgarage des Aquis Plaza. Der Stillstand, den Landsmann in Aachen mit dem hochmodernen Aquis Plaza vermeiden möchte, scheint hier eingetreten zu sein. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Die Geschäfte wollen ihre Ware einsortieren, doch die Anfahrt der Lieferwagen wird durch den starken Verkehr am Kaiserplatz erschwert. Vertreter des Ordnungsamts versuchen das Getümmel zu koordinieren.

Auf dem Kaiserplatz arbeiten weitere Uniformträger. Polizisten kontrollieren dort Wohnungslose. Dass diese Kontrollen mit der nahenden Eröffnung des neuen Aachener Aushängeschilds in direktem Zusammenhang stehen, verneinen die Polizeisprecher Werner Schneider und Paul Kemen. „Wir wissen um die Problematik im Umfeld Kaiserplatz“, sagt Kemen. Es sei eine routinemäßige Kontrolle gewesen, wie sie auch schon in der Vorwoche stattgefunden habe. Es passt dennoch ins Bild. Die Vorboten für den kommenden Mittwoch sind an allen Ecken und Enden zu sehen.

Die Mall soll schließlich nicht nur Einheimische anlocken. Besucher aus Belgien und den Niederlanden sind fest eingeplant. „Wir sind in der Euregio. Damit fokussiert sich auch unsere Zielgruppe“, sagt Landsmann. Dem zunehmenden Verkehr steht Schnitzler kritisch gegenüber. „Ein Verkehrsgutachten sagt ganz klar, dass es hier gerade an den Samstagen in der Vorweihnachtszeit zu Riesenproblemen kommen wird“, meint er. Von krank machenden Luftschadstoffen ganz zu schweigen.

Schnitzler wird auch das weiter im Blick behalten. Die Bürgerinitiative sei nämlich nicht gescheitert. Das hat Schnitzler bereits im März 2014 gesagt — man habe den Kampf gegen Goliath nur nicht gewonnen. Die Gruppe werde weiter bestehen. „Wir wollen nicht nachkarten, darum geht es nicht. Wir wollen bei der Stadtplanung zukünftig präventiv vorgehen“, sagt Schnitzler. Wer mit dem 61-Jährigen über dieses kommunalpolitisch strittige Thema spricht, der hört keinen aggressiven Unterton. Es ist mehr der Wille, auf „kreative Lösungen“ bei der Stadtplanung zu setzen — sofern Fehler aus der Vergangenheit als Maßstab dienen können.

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