40 Jahre Cap Anamur: Appelle zur Flüchtlingshilfe im Mittelmeer

40 Jahre Cap Anamur : Appelle zur Flüchtlingshilfe im Mittelmeer

Vor 40 Jahren rettete Cap Anamur erstmals Flüchtlinge im Südchinesischen Meer vor dem Ertrinkungstod. Bei der Jubiläumsfeier wurde dieser „Geist von 79“ auch für das Mittelmeer beschworen.

Mit Appellen zur Flüchtlingshilfe ist in Köln des 40-jährigen Bestehens der Hilfsorganisation Cap Anamur gedacht worden. 1979 hatte das Ehepaar Christel und Rupert Neudeck (1939-2016) ein Schiff gechartert, um damit Menschen zu retten, die über das Südchinesische Meer vor der kommunistischen Regierung von Vietnam flohen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) appellierte am Samstag, diesen „Geist von 79“ wieder wachzurufen. In einer Zeit, „wo Hass und Rechtspopulismus wieder salonfähig sind und im Parlament vertreten sind, in einer solchen Zeit machen wir heute mal in Köln in Gegenbewegung“, sagte Laschet. „Das, was im Südchinesischen Meer möglich gewesen ist, muss doch wohl vor unserer Haustür im Mittelmeer ebenfalls möglich sein.“

Scharf kritisierte Laschet den scheidenden italienischen Innenminister Matteo Salvini, der in der Flüchtlingspolitik einen extrem harten Kurs fährt: „Es ist gut, dass einer der schärfsten Hetzer gegen die Rettung, Herr Salvini, jetzt nicht mehr in Regierungsverantwortung in Italien ist.“

Die heutigen Bilder aus dem Mittelmeer ähnelten denen von damals auf erschreckende Weise, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Seenotretter verdienten den Respekt aller. „Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass aus Helfern Täter werden“, sagte die parteilose Politikerin. Nach wie vor gelte ein Wort des Schriftstellers Heinrich Böll (1917-1985), der die Gründung von Cap Anamur wesentlich mit unterstützt hatte: „Wer zu ertrinken droht, dem muss geholfen werden.“

Der Vorsitzende von Cap Anamur, Werner Strahl, kritisierte Kreuzfahrttouristen, die unbeschwert über das „Massengrab des Mittelmeers“ schipperten. Für sie wäre ein Aufenthalt in einem Slum heilsam, sagte der 75 Jahre alte Kinderarzt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte Cap Anamur ihre „Hochachtung“ aus. In einem Grußwort, das bei der Feier verlesen wurde, bezeichnete sie die Arbeit als „wirklich beeindruckend“. Zurzeit arbeitet Cap Anamur in zehn Ländern, unter anderem in Nepal und im Sudan. Damals wie heute wird die Organisation nach eigenen Angaben fast ausschließlich über Spenden finanziert. An ihrem Sitz in Köln-Ehrenfeld arbeiten nur fünf Bürokräfte. „Hier versickern die Spendengelder nicht in einem überbordenden Verwaltungsapparat“, sagte der Journalist Günter Wallraff.

Insgesamt kamen über Cap Anamur 11 300 vietnamesische Flüchtlinge nach Deutschland. Diese seien vor 40 Jahren in der Bundesrepublik mit offenen Armen aufgenommen worden, sagte die 76 Jahre alte Christel Neudeck der Deutschen Presse-Agentur. Laschet bestätigte, er erinnere sich, dass den Vietnamesen damals Blumen überreicht worden seien. Wallraff sagte, es seien auch Tausende Patenschaften übernommen worden.

Der Journalist und frühere Fernsehmoderator Franz Alt (81) sagte der dpa in Karlsruhe, Kanzlerin Merkel sei bei ihrer Entscheidung zur Aufnahme von Flüchtlingen im Jahr 2015 auch von Rupert Neudeck inspiriert gewesen. „Dass wir Deutschen in dieser Frage von vielen bewundert werden, das hat Neudeck mit veranlasst.“ In der von Alt moderierten Sendung „Report“ hatte Neudeck 1979 erstmals zu Spenden aufgerufen. Die Zuschauer gaben damals über 16 Millionen Mark.

(dpa)
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