Alsdorf/Aachen: Anti-Terror-Einsatz in Alsdorf: Einsatzbilanz und Entschuldigung

Alsdorf/Aachen : Anti-Terror-Einsatz in Alsdorf: Einsatzbilanz und Entschuldigung

Tag 1 nach dem Anti-Terror-Einsatz in Alsdorf dient der Aufarbeitung der Lage. Am Tag zuvor waren SEK und Einsatzhundertschaften stundenlang in der Stadt unterwegs, überwältigten zwei Frauen und einen Mann auf dem Weg zum Jobcenter, blockierten eine Wohnstraße im Stadtteil Schaufenberg, durchsuchten ein Mehrfamilienhaus.

Vier weitere Festnahmen folgten. Gegen Abend dann stellte sich heraus: Keiner der sieben festgesetzten Menschen steht in Zusammenhang mit den Terrortaten in Paris. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) spricht von „unbescholtenen Bürgern“.

Ein übertriebener Einsatz also? Für die Aachener Polizei auf keinen Fall: „Wenn Informationen und Lage entsprechend sind, würden wir immer wieder genauso reagieren“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Und: „Jetzt ist auch wichtig zu klären, wie wir mit Leuten umgehen, bei denen sich nach einer Festnahme herausstellt, dass sie gar nicht mit Terror in Zusammenhang stehen?“

Schon am Dienstag habe man sich bei den Betroffenen entschuldigt. am Mittwoch wollte die Polizei deswegen noch einmal Kontakt mit ihnen aufnehmen. Daneben werde es Entschädigungszahlungen geben. „Wir werden um eine entsprechende Aufstellung bitten — angefangen vom Verdienstausfall bis zu entstandenen Schäden an Wohnung, Fahrzeug oder Kleidung.“

Den Polizeisprecher beschäftigt, was in Menschen wohl vorgeht, die als Terrorverdächtige in Gewahrsam genommen werden, obwohl sie staatsschutzrechtlich absolut unauffällig sind: „Ich hatte am Dienstagabend noch Gelegenheit, mit Dreien von ihnen zu sprechen“, erzählt er. Es sei ein nettes Gespräch gewesen und sollte zur Aufklärung über das Vorgehen der Polizei beitragen. Kemen: „Man merkte, die Betroffenen waren geschockt, nach unserem Gespräch aber doch etwas gelöster.“

Während er das berichtet, läuft noch der Anti-Terror-Einsatz im Norden von Paris, der blutig enden wird. Er gilt dem belgischen Islamisten Abdelhamid Abaaoud, jenem 28-jährigen Syrer, dessen Spur am Dienstag vermeintlich nach Alsdorf geführt haben sollte. Auch in Saint-Denis werden sieben Personen verhaftet.

Ausgewertete Telefonate seien dort Auslöser für diese Razzia gewesen, schreiben französische Medien. Für den Alsdorfer Einsatz war es der Hinweis einer Frau. Der Innenminister schilderte am Mittwoch in Düsseldorf den Ablauf: Eine Bürgerin aus Saarlouis habe am Wochenende die Polizei alarmiert, weil sie den mutmaßlichen Drahtzieher der Paris-Attentäter, Abdelhamid Abaaoud, in einem Auto mit Aachener Kennzeichen erkannt haben wollte.

Sie meldete das der örtlichen Polizei, die informierte die Aachener Kollegen, schließlich kommt es zur Fahndung in Alsdorf. Der dortige Einsatzleiter wiederum habe geglaubt, dass es sich bei einer der männlichen Personen wegen der verblüffenden Ähnlichkeit um den noch flüchtigen neunten Attentäter von Paris, Salah Abdeslam, handeln könnte. Erst nach mehrstündigen Verhören klärte sich der Sachverhalt.

Der Bundesinnenminister de Maizière hatte am Abend zuvor die Gründe genannt, warum man den Hinweisen aus Saarlouis nachgegangen ist: Weil einer der mutmaßlichen Terroristen in Deutschland gewesen sein soll, habe es eine „gewisse Wahrscheinlichkeit“ gegeben, dass dieser Mann wieder eingereist sei. „Wir bekommen viele Zeugenhinweise.“ Die müssten ruhig abgearbeitet werden. „Die Gefährdungslage ist wirklich hoch.“

Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, erklärte vor der BKA-Herbsttagung, er sehe Deutschland als „erklärtes Angriffsziel islamistischer Terroristen“. Von etwa 750 Personen aus Deutschland, die Richtung Syrien und Irak ausgereist seien, befänden sich rund 250 wieder im Land. Zur Lage vor Ort verweist Polizeisprecher Kemen auf Staatsschutz-Erkenntnisse: Demnach seien neun „Gefährder“ — Islamisten mit hohem Gewaltpotenzial — im Bereich der Städteregion Aachen im Visier.

In der gesamten Region Aachen, Düren und Heinsberg sind es nach Angaben des NRW-Innenministeriums 40. Kontakte zum IS hat nach Erkenntnissen der Polizeibehörde in der Städteregion Aachen eine Person, die Mitte 2014 nach Syrien ausgereist und bislang nicht zurückgekehrt sei. Kemen: „Wir müssen weiter von einer generell abstrakt hohen Gefahrenlage sprechen.“ Hinweise auf konkrete gewalttätige Aktionen gebe es aber nicht.

Die Aachener Polizei will weiter allen Hinweisen konsequent nachgehen: „Wir haben lieber, dass jemand zu viel anruft, als dass eventuell eine Gefahrenlage nicht aufgedeckt wird.“ NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat am Mittwoch an die Bürger appelliert, bei Terror-Verdacht die Polizei zu informieren. „Die Lage ist dynamisch, und sie ist ernst in Deutschland“, betonte Jäger vor Journalisten in Düsseldorf.

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