1. Region

„Jetzt erst recht“ : Anpacken nach dem Hochwasser in der Eifel

„Jetzt erst recht“ : Anpacken nach dem Hochwasser in der Eifel

Viele Trümmer sind weggeräumt, aber die Hochwasser-Katastrophe vor einem halben Jahr prägt noch immer den Alltag. In dem bei Touristen beliebten Gemünd in der Eifel ist die Einkaufstraße noch leer. Im Frühjahr könnte es besser werden.

Die Handwerker geben den Ton an im Hochwassergebiet in der Eifel. Am Rand von Gemünd, einem Ortsteil von Schleiden, dröhnen Hammerschläge, Bohrer und Sägen aus den Häusern. Dahinter rauscht die Urft durch das Tal. Nach dem 14. Juli 2021 lagen hier auf der grünen Wiese angeschwemmte Autos kreuz und quer. Die unvorstellbaren Wassermassen wälzten sich durch Keller, standen in Häusern, töteten Menschen. Nach monatelangem Aufräumen ist die Flut noch sehr präsent. „Das ist ein verlorenes Jahr“, sagt ein Anwohner. Es gehe nur ums Renovieren. Im März möchte er zurück in sein Haus.

Von Normalität kann keine Rede sein. Die mehr als 200 Meter lange Fußgängerzone in dem Touristenort Gemünd ist bedrückend leer. Nur ein Metzger hat seinen Laden bezogen. Ein Bäcker verkauft aus einem Wagen heraus. Hinter staubigen Schaufenstern haben die Geschäftsleute Schilder aufgestellt: „Vielen Dank! Bleiben Sie gesund“, ist die Botschaft an die wenigen Fußgänger. In vielen Gebäuden brummen Trockner gegen die Feuchtigkeit in den Mauern an.

Der Buchhändler grüßt mit einem trotzigen Plakat: „Jetzt erst recht. Das Schicksal kann uns am Arsch lecken! Danke an Alle, die die Zukunft wollen!“. Von einem Briefkasten der Post steht nur noch die äußere, gelbe Hülle. Die beiden Kirchen im Ortskern werden noch saniert. In die traditionsreiche Gaststätte im Zentrum können Gäste wohl erst zu Ostern wieder einkehren.

 Ein Gedenkstein steht rund ein halbes Jahr nach dem Hochwasser in Schleiden-Gemünd am Ufer der Urft und erinnert an einen in der Flutnacht Verstorbenen.
Ein Gedenkstein steht rund ein halbes Jahr nach dem Hochwasser in Schleiden-Gemünd am Ufer der Urft und erinnert an einen in der Flutnacht Verstorbenen. Foto: dpa/Oliver Berg

Bis Mai oder Juni werde es dauern, bis in der stark getroffenen Einkaufsstraße in Gemünd die meisten Betriebe wieder öffnen können, schätzt Ingo Pfennings (CDU), der Bürgermeister des 13.000-Einwohner-Orts Schleiden. Im Ortsteil Gemünd, wo die Flüsse Olef und Urft zusammenkommen, war der Wasserpegel sehr hoch. Bis auf einen seien alle Supermärkte durch die Flut zerstört worden, sagt der Bürgermeister der Nationalparkhauptstadt. Inzwischen sind Discounter und andere Märkte zurück.

„Die Leute waren so dankbar, dass sie ein Stückchen Kuchen kaufen konnten“, berichtet Julia Kloska-Knapp über den Adventsmarkt mit Glühwein und Verpflegungszelt. In den ersten Wochen nach der Flut musste die 39-Jährige bis zu 20 Kilometer fahren, um Geld bei der Bank einzuzahlen, zu tanken oder einzukaufen. Dass es wieder Bäcker am Ort gibt, macht froh. Aber provisorisch geht es manchmal zu: „Wenn man nachmittags um vier Uhr zum Bäcker geht, gibt es unter Umständen kein Brot mehr“, berichtet sie.

 Ein Schild mit Aufschrift „Vielen Dank an alle Helfer“ steht rund ein halbes Jahr nach dem Hochwasser in Schleiden-Gemünd vor einem Haus.
Ein Schild mit Aufschrift „Vielen Dank an alle Helfer“ steht rund ein halbes Jahr nach dem Hochwasser in Schleiden-Gemünd vor einem Haus. Foto: dpa/Oliver Berg

Ihr Autoteilehandel mit einer Werkstatt liegt etwa 170 Meter von der Urft entfernt. Im Betrieb stand das Wasser 75 Zentimeter hoch. Sie habe direkt mit Aufräumen begonnen, erzählt die Inhaberin. Der Tipp kam vom Versicherungsmakler aus Dresden, der Erfahrung mit dem Hochwasser der Elbe hat. „Ihr müsst sofort sehen, dass der Schlamm wegkommt“, berichtet Kloska-Knapp über den Rat. „Wir haben zwei Wochen nur geputzt.“ Doch der Schaden an Maschinen und Ware ist groß. Teure Sanierungen an Fußboden und Außenwänden stehen bevor. „Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit, und auf der anderen Seite ist es nichts“, sagt Kloska-Knapp.

Der Bürgermeister berichtet von Aussagen wie: „Ich werde das Geräusch des Wassers nicht mehr los“, „Mein Kind fängt bei Regen an zu weinen“ oder „Ich kann nicht schlafen, weil ich im Traum immer wieder die Hilferufe meines Nachbarn höre“. Es gibt eine psychosoziale Nachbetreuung. Das Angebot soll mindestens zwei Jahre bleiben.

Das Bedürfnis, über das Erlebte zu sprechen, nehme zu, berichtet Pfarrerin Claudia Müller-Bück aus Swisttal. „Die Leute fangen an, ihre Geschichte zu erzählen. Das entlastet“, berichtet das Mitglied eines mobilen Fluthilfeteams. In der Rückschau werde klar, wie viel man verloren habe. Dennoch ist Müller-Bück zuversichtlich. Wenn nach den Anträgen das Geld für die Sanierung der Wohnungen komme, werde sich viel merklich ändern. „Ich glaube, dass es besser wird, wenn das Frühjahr beginnt“, meint die Pastorin.

Der Mann, der im März wieder in sein Haus an der Urft in Gemünd zurück möchte, würde bei einem weiteren gewaltigen Hochwasser nicht wieder von vorne anfangen. „Wenn es nochmal hier reinläuft, dann ist Schluss“, sagt er entschlossen.

(dpa)