RWTH-Doktorantin auf Spurensuche: Anne Franks unbekannte Verwandte in Aachen

RWTH-Doktorantin auf Spurensuche: Anne Franks unbekannte Verwandte in Aachen

Anne Frank und ihr Tagebuch sind weltbekannt. Die väterliche Familienlinie des deutsch-jüdischen Mädchens, das im März 1945 als 15-Jährige im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet wurde, haben Forscher inzwischen ebenfalls intensiv beleuchtet. Weitgehend im Dunkeln liegt hingegen immer noch die Aachener Wurzel von Anne, ihr mütterlicher Stammbaum.

Über die Familie Holländer ist nur wenig bekannt. Eine Doktorantin des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte an der RWTH Aachen ist dabei, dies zu ändern. Seit drei Jahren beschäftigt sich Lena Knops mit der Arisierung von jüdischem Vermögen in Aachen während der NS-Zeit. Dabei ist die 32-jährige Wissenschaftlerin auch auf die Holländers gestoßen. Bruchstückhaft konnte sie deren Familiengeschichte bereits rekonstruieren.

Wer waren die Holländers? Spätestens seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts lebt die Familie im Raum Aachen – zunächst in Niedermerz bei Düren, dann in Eschweiler und schließlich in der alten Kaiserstadt. Annes Urgroßvater Benjamin Holländer gründet hier 1858 einen Altmetall- und Schrotthandel. Der Geschäftsmann ist erfolgreich, sein Unternehmen wächst schnell. Reichsweit gibt es bald drei Zweigniederlassungen von „B. Holländer“.  Zudem beteiligt sich die Familie an einer Firma in der Nähe von Hannover, die Eisenbahnwaggons baut.

Wohlhabende Familie

Auch nachdem Abraham Holländer das Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts von seinem Vater übernommen hat, wirft es kräftig Gewinn ab. Vor allem, weil das große Betriebsgelände am Grünen Weg in Aachens Nordosten, das Abraham 1900 erwirbt, verkehrstechnisch sehr günstig liegt. Es ist dort direkt an das Eisenbahnnetz angeschlossen. „Abraham war wohlhabend“, sagt Lena Knops. „Die Heberolle der Synagoge weist ihn für das Jahr 1916 als Mann mit der neunzehnt höchsten Steuerlast der jüdischen Gemeinde in Aachen und Umgebung aus. Einer seiner Söhne war schon früh stolzer Besitzer eines Autos, eines Wagens der Marke Adler.“

Seit dem 1. Januar 1919 als Offene Handelsgesellschaft (OHG) geführt, schreibt das Unternehmen in der Weimarer Republik die Erfolgsgeschichte fort. Der Tod von Abraham Holländer im Januar 1927 ändert daran nichts. Nun treten seine zwei Söhne Julius (geboren 1894) und Walter (geboren 1897) als Gesellschafter der OHG auf. Unter den Brüdern gibt es eine  Aufgabenteilung. „Julius, der bereits in der Vergangenheit die rechte Hand seines Vaters war, betreibt das Geschäft in Aachen“, sagt Lena Knops. „Walter arbeitet als Geschäftsführer des Werks bei Hannover.“

Eines der wenigen erhaltenen Fotos von Walter Holländer (Dritter von links). Es zeigt ihn mit Freunden bei einem Harz-Ausflug. Das Bild stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1922. Foto: Anne Frank Stiftung Amsterdam/unbekannt

Für die Familie scheint es abgesehen vom Tod ihres Oberhaupts eine weitgehend glückliche Zeit zu sein. Vor allem Julius ist in Aachen ein hochangesehener Bürger. Er engagiert sich nicht nur in der jüdischen Gemeinde, sondern auch sozial. Und er wird stellvertretender Vereinsvorsitzender von Alemannia Aachen. Seine Schwester Edith lebt derweil in Frankfurt mit dem Bankierssohn Otto Frank, den sie im Mai 1925 in der Aachener Synagoge geheiratet hat. Sie bringt in der Stadt am Main zwei Mädchen zur Welt, Anne und ihre Schwester Margot.

Doch dann bricht im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise aus. Auch das Geschäft der Holländer-Brüder gerät ins Straucheln.  Die Gewinne brechen ein, Teile des Unternehmens müssen liquidiert werden – darunter die von Walter in Hannover geleitete Firma. Die Holländers müssen kürzer treten. Sie verkaufen 1933 ihr am Rand des Lousbergs gelegenes Haus in der Liebfrauenstraße 5, der heutigen Elsa-Brandström-Straße,  wohnen eine Zeitlang in der Monheimsallee 42-44 zur Miete und ziehen schließlich ins Frankenberger Viertel, an den Pastorplatz 1. Der ledige Julius lebt bei seiner Mutter Rosa. 1934 quartiert sich auch der aus Hannover zurückgekehrte Walter bei ihnen ein.

Ins KZ Sachsenhausen

Es ist die Zeit, in der ihre Nichte Anne Frank in Aachen ist. Mit Mutter Edith auf der Flucht vor antisemitischen Übergriffen in ihrer Heimatstadt Frankfurt, hält sich das Mädchen um die Jahreswende 1933/34 mehrere Wochen bei ihrer Großmutter auf. Bis es im Februar 1934 nach Amsterdam weiterreist.

Aus dem Deutschen-Reich zu fliehen, daran scheinen die beiden Holländer-Brüder hingegen nicht zu denken. Zumal es ab 1935 mit ihrem Unternehmen wieder aufwärts geht. „Die Firma erwirtschaftet in dieser Zeit jährlich mehrere zehntausend Reichsmark an Reingewinn“, hat Lena Knops herausgefunden. „Zudem konnten die Brüder in den ersten Jahren nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten das Unternehmen noch weitgehend unbehelligt fortführen.“

Das ändert sich 1938 schlagartig. Wie alle anderen jüdischen Unternehmer haben die Holländers plötzlich keinen Zugriff mehr auf ihre Geschäftskonten. Gleichzeitig werden sie aufgefordert, ihr Unternehmen bis zum 1. Januar 1939 zu schließen. Um der Erpressung Nachdruck zu verleihen, verhaften die Nazis beide Brüder während der antijüdischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November.  Julius wird nur wenige Stunden festgehalten. „Wahrscheinlich, aufgrund seines Status als Kriegsveteran“, vermutet Lena Knops. Walter hingegen verbringt 20 Tage im KZ Sachsenhausen, bis er zusagt, das Unternehmen aufzugeben.

Mit der Firma geschieht das gleiche, wie mit dem überwiegenden Teil der 1800 jüdischen Unternehmen, die es im Köln-Aachen Mitte 1938 noch gibt. Sie wird liquidiert ­und zwar am 26. Januar 1939.  Reges Interesse gibt es allerdings am Betriebsgelände.  Zunächst übernimmt es die Deutschen Bank – zu etwa der Hälfte des Schätzwertes.  Das Geldinstitut wiederum veräußert das Gelände kurze Zeit später an Julius Theilen, einen alten Konkurrenten von Julius und Walter Holländer. Ebenfalls zu einem sehr geringen Preis.

Selbst von dieser Summe sehen die Holländers keinen Pfennig. Anders als ihre Nichte Anne Frank überleben sie jedoch die Shoah. Beiden gelingt es, in die USA zu entkommen. Julius im April 1939. Walter folgt ihm nach einer Zwischenstation in den Niederlanden im Dezember 1939. Von dort betreiben sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Wiedergutmachungsverfahren. Dessen Erfolg ist allerdings überschaubar. Beiden wird wegen einer „Schädigung des beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommens“ eine monatliche Rente von 600 Mark zugesprochen. Eine finanzielle Kompensation für seine Haftzeit in Sachsenhausen wird Walter verwehrt.  Die Begründung: Er hat „nur“ 20 Tage in Lagerhaft verbracht – Geld gibt es erst ab 30 Tagen.

Verarmt in den USA gestorben

Wirtschaftlich kommen die Holländer-Brüder in den USA nicht mehr auf die Beine. Beide sind längere Zeit arbeitslos und schlagen sich ansonsten bis zu ihrem Tod als Fabrikarbeiter durch. Julius stürzt im Oktober 1967 in den Aufzugsschacht eines New Yorker Hotels und erliegt kurz darauf seinen schweren Verletzungen.Walter stirbt verarmt im September 1968.  „Vor allem der ältere der beiden Brüder war psychisch sehr angeschlagen“, sagt Lena Knops. „ Er hat offenbar nie das überwunden, was ihm in seiner Heimatstadt Aachen angetan wurde.“

Lena Knops will weiter zu den Holländers und anderen jüdischen Familien aus Aachen forschen, die von den Nationalsozialisten zunächst aus dem Wirtschaftsleben verdrängt und später vielfach ermordet wurden. Ihr Ziel ist es, diese Schicksale im Bewusstsein der Öffentlichkeit ähnlich stark zu verankern, wie das der Familie Frank. „Wir sind es ihnen schuldig“, sagt die Wissenschaftlerin.

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