Huy: Angst vor Tihange: Überziehen die Deutschen?

Huy : Angst vor Tihange: Überziehen die Deutschen?

Schichtende. Männer in Arbeitshosen mit der Aufschrift des Kernkraftwerksbetreibers Electrabel sitzen beim Feierabendbier im „Tihange IV”, einer Gaststätte im Umfeld von drei Reaktorblöcken. Fremde werden gemustert, die Leute hier kennen sich. Die meisten arbeiten im Atomkraftwerk Tihange.

Die echten Reaktorblöcke 1, 2 und 3 sind gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite. Es ist ein grauer Tag, der durch die Nähe der mächtigen Kühltürme und den Wasserdampfwolken noch grauer wirkt.

Sebastien Deproot hilft an dem Tag seiner Frau in der Gaststätte. Mit ihr lebt er in der Wohnung darüber. „Ich denke, das ist einer der sichersten Reaktoren in Europa”, sagt er ernsthaft. Und dann erzählt der junge Mann, dass er von Beruf Feuerwehrmann ist und Sicherheit zu seinem Beruf gehört. Wenn er nachts aus dem Fenster guckt, sieht er wie alle 15 Minuten ein Auto mit Sicherheitsleuten Patrouille fährt.

Dass es in der letzten Zeit immer mal wieder zu automatischen Abschaltungen kam, wertet er als gutes Zeichen: „Die Sicherheitsstandards sind so hoch, dass die Reaktoren bei den kleinsten Zwischenfällen automatisch abschalten.” Dass das in der letzten Zeit immer mal wieder passiert ist, beweise doch, dass das System funktioniere. „Jeder weiß, dass Tihange sicher ist.”

Nicht jeder. Auch die Verkäuferinnen in einem Bio-Supermarkt haben jeden Tag die Kühltürme vor Augen. Aber es sei doch egal, ob man bei einem Unfall 100 Meter oder wie Aachen etwa 70 Kilometer davon entfernt sei, meint eine: „Natürlich haben wir Angst, dass etwas passiert. Dann sind alle betroffen: Die Belgier, Franzosen, Niederländer und Deutsche.” Die Deutschen sollten doch noch viel lauter Alarm schlagen.

Bei den Menschen im deutschen und niederländischen Grenzgebiet wächst mit jeder neuen Panne in Tihange die Sorge vor einer Atomkatastrophe. Die Städteregion Aachen mit ihren zehn Kommunen führt eine Klage gegen Tihange 2 an, der sich auf breiter Ebene Kreise und Kommunen aus Rheinland-Pfalz und den Niederlanden angeschlossen haben. In dem Reaktorbehälter wurden Risse gefunden. Es ist umstritten, ob sie gefährlich sind.

An diesem Montag will Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Brüssel mit dem für Reaktorsicherheit zuständigen Innenminister Jan Jambon über die Reaktoren Doel bei Antwerpen und Tihange sprechen. Überziehen die Deutschen in ihrer Sorge?

„Dass die Deutschen überreagieren, stimmt in gewisser Weise”, meint der Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen, Oliver Paasch. Tihange 2 und Doel 3 seien Pannenreaktoren, die man kritisch bewerten müsse. Aber dass man dafür Belgien in den Medien gleich als Land der Schrott-Reaktoren darstelle, das sei nicht in Ordnung.

Auch in Ostbelgien habe die Politik mit breiter Mehrheit ein Abschalten gefordert, so lange nicht alle Sicherheitsbedenken restlos ausgeräumt seien. In der Wallonie werde das nicht ganz so kritisch gesehen. Der französische Landesteil werde mehr von französischen Medien beeinflusst. Und Frankreich sei ja nicht so atomkritisch.

Arif Buke kommt aus Frankreich. Er ist um seiner Liebe willen nach Huy gezogen und lebt dort mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Die Ängste der Deutschen hat er mitbekommen. Und er findet nicht, dass sie überreagieren. „Sicherheit ist ja ein wichtiges Thema”, sagt er. Selbst macht er sich nicht so viel Sorgen: „Ich denke, dass der Staat für Sicherheit sorgt.”

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