Angestellt statt selbstständig: Anwälte auf dem Land gesucht

Rechtsanwaltskammer warnt : Anwälte auf dem Land gesucht

Nach den Ärzten verschwinden auch die Rechtsanwälte aus den ländlichen Bereichen. Das hat aber nicht in erster Linie mit der Bezahlung zu tun, sondern vor allem mit den Bedürfnissen neuer Generationen von Juristen.

Weil Rechtsanwälte vermehrt in Ballungszentren arbeiten, könnte in ländlichen Regionen ein Versorgungsengpass entstehen. Die Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV), Edith Kindermann, sagte: „Wir werden das gleiche Problem bekommen wie bei den Hausärzten.“ Sieben von zehn Anwälten arbeiten in Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern. Um die Entwicklung zu bremsen, fordern der Anwaltverein und die Bundesrechtsanwaltskammer, die gesetzlich festgelegten Gebührensätze anzuheben. Anders als Ärzte sind Anwälte frei in ihrer Entscheidung, wo sie sich niederlassen.

Laut DAV-Präsidentin Kindermann ist bislang eher Ostdeutschland betroffen. Matthias Kilian, Leiter des Kölner Soldan-Instituts, das den Anwaltsmarkt empirisch untersucht, sagt: „Der Rückzug aus der Fläche ist feststellbar.“ Eine Abfrage bei den Flächenländern ergab, dass den Justizministerien dieses Problem noch weitgehend unbekannt ist. Auch dem Bundesjustizministerium liegen keine Erkenntnisse vor. Man wolle die Entwicklung aber beobachten, sagte eine Sprecherin.

Der Geschäftsführer der auch für die Region Aachen, Düren, Heinsberg zuständigen Kölner Rechtsanwaltskammer Martin Huff sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass „die Situation im Moment noch nicht kritisch“ ist. Allerdings sei absehbar, dass auch im Rheinland die Zahl der Rechtsanwälte in den ländlichen Bereichen kleiner wird. Das hat offenbar auch viel mit den Bedürfnissen neuer Generationen von Juristen zu tun, die von den Universitäten kommt. Von denen seien „weniger bereit, die Chancen und Risiken einer Selbstständigikeit“ oder einer Partnerschaft in einer größeren Kanzlei einzugehen, sagte Huff weiter. Er glaubt dass in den Kanzleien mittlerweile 75 Prozent der Anwälte angestellt und nur noch 25 Prozent bereit seien, wirtschaftliche Verantwortung zu tragen.

6500 weniger niedergelassene Anwälte

Der Untersuchung des Soldan-Instituts zu Folge ziehen immer mehr Rechtsanwälte Angestelltenverhältnisse der Selbstständigkeit vor. Und zwar nicht nur zu Beginn des Berufslebens, sondern immer öfter auch das ganze Berufsleben lang: in großen Anwaltskanzleien, aber auch in Verbänden, Kammern, Unternehmen, die ganz überwiegend in Großstädten angesiedelt sind, nicht auf dem Land. Auch das trage zu den sich abzeichnenden Problemen nicht nur in der Fläche bei. So sank die Zahl der niedergelassenen, also selbstständigen Anwälte zwischen Januar 2017 und Januar 2019 bundesweit von 154.711 auf 148.223, was einen Rückgang von 4,2 Prozent entspricht – innerhalb von nur zwei Jahren.

Bereits im vergangenen Jahr haben sich die Bundesrechtsanwaltskammer und der DAV mit der Forderung nach höheren Anwaltsgebühren an Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) gewandt. Zuletzt wurden die Gebühren 2013 erhöht. Die Anwaltsverbände machen geltend, dass seitdem die Tariflöhne um 16 Prozent gestiegen seien und sich zudem die Kosten für Mitarbeiter und Miete erhöht hätten.

Kammergeschäftsführer Huff schlägt den Kommunen zwischen Wassenberg und Schleiden vor, schon jetzt über Anreize nachzudenken, die man Anwälten künftig bieten könne, sich in ländlichen Räumen niederzulassen oder gar nicht erst von dort wegzuziehen. Allerdings räumt Huff ein, dass so oder so kein Anlass zur Dramatisierung der Situation bestünde. Denn auch im Verhältnis zwischen Mandant und Rechtsanwalt komme der Kommunikation per E-Mail eine ständig wachsende Bedeutung zu.

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