Aachen: Angeklagte Neonazis: Drogenprozess zeigt rechte Doppelmoral

Aachen : Angeklagte Neonazis: Drogenprozess zeigt rechte Doppelmoral

Der Prozess gegen fünf Rechtsextremisten am Landgericht Aachen wegen bandenmäßigen Drogenhandels bringt die Doppelmoral in der braunen Szene zum Vorschein. Während man dort offiziell Drogenkonsum verteufelt und zum Teil die Todesstrafe für Drogenhandel fordert, fröhnten manche „Kameraden“ selbst dem Rausch.

In dem Haus in Aachen-Brand, das Mitte 2017 ein SEK stürmte und aus dem mindestens ein geständiger Angeklagter einen Handel mit Amphetaminen, Haschisch und Ecstasy mitbetrieben haben soll, wurde von einigen der Angeklagten dessen ungeachtet zuweilen täglich Marihuana geraucht. Mindestens drei der fünf Angeklagten haben zugegeben, regelmäßig dort und andernorts mit anderen „Kameraden“ und rechtsoffenen Hooligans gekifft zu haben.

Im selben Zeitraum wurde nach Recherchen dieser Zeitung rechtsextreme Propaganda verbreitet, sich an Schlägereien mit politischen Gegnern oder rechtsextremen Aktionen der „Identitären Bewegung“ (IB) und der Neonazi-Gruppe „Syndikat 52“ (S52) beteiligt. S52 ist eine Nachfolgeorganisation der 2012 verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL).

Einige Angeklagte gaben zu, manchmal auch andere Rauschmittel ausprobiert zu haben. Da man die Substanzen indes oft nicht vertragen hat, blieb man dem Kiffen treu oder gönnte sich allenfalls sporadisch Kokain. Der nun Hauptangeklagte Karl M. gab am Landgericht zu, sich privat verschuldet zu haben. Die Möglichkeit, wieder schuldenfrei leben zu können, sah er im Drogenhandel. Er selbst war zuvor schon wegen der illegalen Einfuhr von Drogen aufgefallen und kiffte regelmäßig.

Tatsächlich ist der Umgang mit Drogen in der rechten Szene ambivalent. Schon in früheren Prozessen gegen Neonazis aus der Region war aufgefallen, dass einige der „Kameraden“ Kiffer waren oder Aufputschmittel konsumierten. Auch Vertreter aus der rechtsoffenen Hooligan-Szene — aufgefallen als „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) — nehmen zuweilen Kokain, Speed oder Amphetamine. Besonders Kokain macht sie wagemutiger, aggressiver und schmerzunempfindlicher bei Schlägereien.

Im Netz verstoßen, im Saal gegrüßt

Als in den Jahren 2010 und 2011 Drogenfahnder umfangreiche Ermittlungen gegen einen Händlerring durchführten, der große Mengen Drogen über die Grenze schmuggelte und rund um Aachen verkaufte, gerieten nach Recherchen dieser Zeitung auch zwei Neonazis ins Visier. Einer davon galt zeitweise als eine der drei wichtigsten Personen in dem Dealerring, der andere „Kamerad“ war sein Kunde.

Bei beiden Neonazis stießen die Ermittler 2011 bei Hausdurchsuchungen nicht nur auf Drogen, sondern auch auf Nazidevotionalien, etwa eine an die Zimmerdecke lackierte Hakenkreuzfahne. Aufgefunden wurden zudem Bilder von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, dazu Waffen, NPD-Propaganda und rechte Tonträger.

Als kürzlich der neonazistische HipHopper „Makss Damage“ aus Gütersloh in dem aktuellen Prozess in Aachen aussagen musste, sagte er, von einem Drogenhandel oder -konsum habe er bei den Angeklagten nie etwas mitbekommen. Der Bruder des Hauptangeklagten, Timm M., hat mit „Makss Damage“ Musik gemacht. Gegen Timm M. wurde schon zuvor in einem anderen Betäubungsmittel-Verfahren ermittelt und prozessiert.

Genau am Tag des Prozessbeginns hat ein führender Neonazi-Kader im Rheinland eine Stellungnahme via Web zum Thema Drogenmissbrauch in der braunen Szene veröffentlicht. Auf den Prozess in Aachen und seine früheren Mitstreiter ging er dabei zwar nicht wörtlich ein, zwischen den Zeilen wurde aber deutlich, dass der Neonazi-Anführer genau darauf anspielte, gilt er doch als politischer Ziehsohn des Vaters der in Aachen nun angeklagten Brüder.

So schrieb der Neonazi seinerzeit, die Szene habe zu lange weggeschaut, sei zu tolerant gewesen gegenüber „Kameraden“, die sich durch illegale Substanzen berauschten oder sich am Handel bereichern würden. Nötig sei eine „Selektion in unseren Reihen“. Drogenkonsumenten und -händler würden sich „selbst automatisch aus unserer Gemeinschaft aus[schließen]!“

Es las sich wie der öffentliche Verstoß einiger der in Aachen Angeklagten. Gleichwohl besuchen eine Handvoll „Kameraden“ regelmäßig den Prozess. Zuweilen grüßen diese und die Angeklagten sich durch Kopfnicken, Handbewegungen, Lächeln oder ähnliche Gesten. Der Prozess geht Anfang August weiter, die Beweisaufnahme neigt sich dem Ende zu.

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