Aachen: Andreas Pinkwart: In der Sache bei Westerwelle, im Ton aber nicht

Aachen: Andreas Pinkwart: In der Sache bei Westerwelle, im Ton aber nicht

Andreas Pinkwart würde es nicht so formulieren wie sein Parteivorsitzender. Er würde nicht einfach von „spätrömischer Dekadenz” sprechen, so wie FDP-Chef Guido Westerwelle einem das entgegen schleudert, immer ein bisschen großspurig, immer etwas zu laut. Pinkwart formuliert feiner.

„Es ist wie mit Olympia oder der Weltmeisterschaft: Wenn Sie oben mitspielen wollen, brauchen Sie eine exzellente Breite, aber auch eine elitäre Spitze. Dafür muss man sich aber auch zur Elite bekennen.” Pinkwart sagt das bestimmt, aber er sagt es freundlich. Es klingt eher wie eine Erklärung als wie eine Belehrung.

Es ist der Ton, der Andreas Pinkwart von Guido Westerwelle unterscheidet. Und es ist dieser Ton, der auch das Forum der „Nachrichten” prägt, bei dem sich der Landesminister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie den Fragen unserer Leser und der Redaktion stellt.

Es sind noch gut acht Wochen bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Eigentlich ist das der Zeitpunkt, an dem ein FDP-Landesvorsitzender und stellvertretender Ministerpräsident offensiv Wahlkampf machen sollte.

Doch stattdessen müssen sich die NRW-Liberalen mit der Debatte um Hartz-IV-Leistungen herumschlagen, die FDP-Chef Westerwelle vom Zaun gebrochen hat. Und als Teil der Landesregierung sind sie in einen Abwärtsstrudel geraten, den der große Koalitionspartner CDU mit der sogenannten Sponsoren-Affäre zu verantworten hat. Nun zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an Rhein und Ruhr ab: Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen gleichauf, und niemand kann sagen, was es bedeutet, wenn die Linke in den Landtag einziehen sollte.

Umso erstaunlicher ist es, dass Pinkwart den politischen Gegner kaum angreift. Er stellt fest, dass er stets von einem engen Rennen ausgegangen sei, und sagt dann nur: „Wir wollen nicht, dass es zu einem Linksbündnis kommt, und wir strengen uns an, dass es nicht zu einem Linksbündnis kommt.”

Ist Schwarz-Gelb ein Auslaufmodell? Bernd Mathieu, Chefredakteur der „Nachrichten”, konfrontiert Pinkwart mit den Aussagen des saarländischen FDP-Vorsitzenden Christoph Hartmann. Der rät seinen Parteifreunden in NRW zu mehr Offenheit gegenüber Alternativen zu Schwarz-Gelb. Die Reaktion: Pinkwart lächelt. Er schweigt den Bruchteil einer Sekunde, spitzt die Lippen und sagt dann ruhig und freundlich: „Ich habe diese Stimme gar nicht wahrgenommen, und - mit Verlaub: Diese Stimme hat keine Relevanz.” Das sagt ein hochrangiger FDP-Politiker über einen hochrangigen FDP-Politiker.

Pinkwart steht für Schwarz-Gelb, daran lässt er keinen Zweifel. Und dann gibt er einen Wink nach Berlin: In NRW hätten sich beide Koalitionspartner auch dahinter gestellt, wenn eine gemeinsame Entscheidung getroffen wurde. Der andere Wink, den er gibt, richtet sich an die Landes-CDU: „Ich empfehle im übrigen auch dem Koalitionspartner, nicht allzu viele Farbenspiele anzustellen.”

Über Inhalte würde Pinkwart gerne sprechen, sagt er. Das wollen zurzeit scheinbar alle: CDU-Landeschef und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat das beim Leserforum der „Nachrichten” so geäußert und die SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft auch. Es klingt ein bisschen müde, ein bisschen so, als könnten die Inhalte vor der ganzen Kritik und der aufgeheizten Atmosphäre schützen.

Unsere Leser machen es Pinkwart einfach, was die Inhalte anbelangt, denn sie konfrontieren ihn mit seinen Kernthemen: Der Professor für Betriebswirtschaftslehre, der im August 50 Jahre alt wird, muss hauptsächlich Fragen aus den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Hochschule beantworten. Es geht um die Medizinforschung in Aachen, die Franz-Josef Zwingmann bedroht sieht, oder die Studiengebühren, deren nicht korrekte Verwendung Christoph Grzesinski fürchtet. Und es geht um den Titel „Dipl.-Ing.”, den der Rektor der RWTH Aachen, Ernst Schmachtenberg, trotz Bachelor und Master erhalten will.

Pinkwart stimmt zu, widerspricht, erklärt, doziert und gibt auch dem im Publikum sitzenden Schmachtenberg seine konträre Meinung mit auf den Weg. Immer bestimmt, aber freundlich. Und wenn es ganz persönlich wird, dann sagt er: „Ich will da mal eine andere Geschichte erzählen ...” Es ist der Ton, der Pinkwart von Westerwelle unterscheidet. Im Inhalt sagen sie das Gleiche.

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