Opfer-Anwalt zum Fall Lügde: „Alle Kinder schildern die gleichen Taten“

Opfer-Anwalt zum Fall Lügde : „Alle Kinder schildern die gleichen Taten“

Der Bielefelder Rechtsanwalt Peter Wüller wird im Prozess um den Missbrauchsfall Lügde als Nebenkläger auftreten. Seit dem Wochenende arbeitet er sich durch die 1000 Seiten starke Ermittlungsakte. Im Gespräch mit Claudia Hauser berichtet er von seinen Erkenntnissen.

Herr Wüller, Sie haben die Akte im Fall Lügde von der Staatsanwaltschaft bekommen. Wie sind die Vernehmungen der Kinder, die die wichtigsten Zeugen sind, gelaufen?

Wüller: Ich habe die 1000 Seiten starke Akte noch nicht komplett durchgearbeitet, aber was ich schon sagen kann, ist, dass die Vernehmungen der Kinder nach meinem Eindruck sehr gut gelaufen sind. Sie wurden von geschulten Beamtinnen und Beamten befragt, sehr kindgerecht, da gibt es nichts zu beanstanden. Die Beamten der Bielefelder Polizei haben sich sehr viel Zeit genommen, erst einmal behutsam das Vertrauen der Kinder zu gewinnen.

Was ist für Sie als Vertreter von vier mutmaßlichen Opfern besonders wichtig?

Wüller: Worauf es am meisten ankommt: Sämtliche Kinder schildern die gleichen Taten. Es gibt keine Widersprüche. Ob Mädchen oder Jungen, sie alle beschreiben schweren sexuellen Missbrauch. Auch Kinder, die sich untereinander gar nicht kennen, schildern Identisches und Taten, die nach ähnlichem Muster abgelaufen sind.

Also bestätigen die Vernehmungen die Vorwürfe?

Wüller: Die Aussagen der Kinder reichen aus meiner Sicht schon für sich genommen ganz klar aus, um die Anklagevorwürfe zu bestätigen – auch ohne Bild- und Videomaterial. Das hatte die Staatsanwaltschaft Detmold im Vorhinein gesagt, ich kann das bestätigen.

Über welche Taten sprechen wir?

Wüller: Es geht um schwersten sexuellen Missbrauch, Vergewaltigungen jeglicher Art, es geht um Jungen und Mädchen. Alle schildern ähnliche Taten. Es ist schwer, ihre Aussagen zu lesen. Kinder sollen auch gezwungen worden sein, sich gegenseitig sexuell zu missbrauchen und bei Vergewaltigungen zuzuschauen.

Vertritt im Verfahren um die Missbrauchsfälle in Lügde vier Kinder: Der Anwalt Peter Wüller. Foto: Friso Gentsch/dpa/Friso Gentsch

Wie erklären Sie sich, dass das Umfeld auf dem Campingplatz offenbar nichts bemerkt hat?

Wüller: Ich weiß es nicht. Das schockiert mich vor allem deshalb, weil aus den Feststellungen der Polizei folgt, dass der Hauptbeschuldigte seit 1990 Kinder und Jugendliche schwer sexuell missbraucht haben soll. Das sind fast 30 Jahre. Es geht um Dutzende Kinder. Und der Tatort war ja kein abgelegenes Haus im Wald. Die meisten Taten sollen im Wohnwagen auf dem Campingplatz geschehen sein, da sind Hunderte andere Menschen. Wenn man den langen Zeitraum betrachtet, muss ich sagen: Das verstehe ich nicht.

Der Hauptbeschuldigte Andreas V. war Zeugen zufolge ein „Magnet für Kinder“. Wie kann das sein?

Wüller: Mein persönlicher Eindruck ist: Der Campingplatz war für die Kinder nichts anderes als ein großer Abenteuerspielplatz. Die waren gern da, das sagen auch alle. Manche haben da Verwandte besucht alle 14 Tage am Wochenende – und so den Beschuldigten kennengelernt.

Wie soll er sie manipuliert haben?

Wüller: Es gab wohl etwas, das ich Belohnungssystem nennen würde: Die Kinder bekamen Eis und Geschenke, man machte Ausflüge mit ihnen, wenn sie machten, was von ihnen verlangt wurde. Sie alle kommen aus einfachen sozialen Verhältnissen. Es gab auf dem Campingplatz ein Trampolin, viele andere Kinder, das war ein Ambiente, das sie schön fanden. Keines der Kinder war gegen seinen Willen dort. Die beiden Hauptbeschuldigten, die die Kinder regelrecht untereinander getauscht haben sollen, sollen aber auch Drohungen ausgesprochen haben. Die Kinder haben den Ermittlern von einem „Wohnwagenarrest“ berichtet, mit dem ihnen gedroht wurde, wenn sie nicht gehorchten.

Berichten die Kinder neben dem sexuellen Missbrauch auch von Schlägen oder anderer Gewalt?

Wüller: Mehrere Kinder haben davon gesprochen, dass der Hauptverdächtige sie etwa auf den Arm geschlagen habe. Was den sexuellen Missbrauch betrifft, konnten viele aufgrund ihres Alters und ihrer Unbefangenheit gar nicht erkennen, was ihnen angetan wurde. Was wir als schweren sexuellen Missbrauch bezeichnen, können sie gar nicht als Straftat erfassen. Zum Glück haben wir nicht nur die Aussagen der vier- und fünfjährigen Kinder, sondern auch die von 13-Jährigen. Die können eine Tathandlung ganz anders beschreiben als die Kleinen.

Sie werden im Prozess vier Kinder zwischen vier und 13 Jahren als Nebenkläger vertreten. Haben Sie mit den Kindern gesprochen?

Wüller: Nein, ich spreche nicht mit ihnen. Nur mit ihren Eltern. Die Kinder sind belastet genug. Ich stehe mit einer Psychologin im ständigen Kontakt, die die Kinder betreut, und das macht sie sehr gut. Keines der Kinder bekommt mit, was gerade passiert, und das ist gut so. Die Eltern, die den Hauptbeschuldigten seit Jahren kannten, sind entsetzt. Sie sagen, dass sie ihm all das niemals zugetraut hätten.

Nach allem, was bei den Ermittlungen schiefgelaufen ist – so sind mehr als 150 CDs und DVDs verschwunden, die bei V. sichergestellt worden waren – glauben Sie, die Beweise werden vor Gericht für Verurteilungen ausreichen?

Wüller: Ja. Die Aussagen der Kinder sind so eindeutig. Wenn sie sie im Prozess wiederholen, reicht das, um Freiheitsstrafen bis zu 14 Jahren verhängen zu können – womöglich mit anschließender Sicherungsverwahrung. Wer sich über so viele Jahre an kleinen Kindern vergeht, ist als Hangtäter zu betrachten. Der darf nie wieder freikommen.

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