Hürtgenwald: Achtung Wilderer: Rehkadaver in der Eifel

Hürtgenwald: Achtung Wilderer: Rehkadaver in der Eifel

Michael Gorgels (77), Jagdpächter im Staatsforst im Hürtgenwald, hat in seinem Revier ein selbst gemachtes Schild aufgehängt: „Achtung Wilderer“ steht in großen Buchstaben auf dem DIN-A-4-Zettel hinter einer Klarsichtfolie.

Es hängt unübersehbar neben dem Wanderweg oberhalb von Simonskall an einem Buchenstamm. Gorgels will damit den Wilderer abschrecken, der mindestens vier Rehböcke in seinem Revier geschossen hat. Die Wanderer macht er so auf ein Thema aufmerksam, das viele nur noch aus alten Ganghofer-Verfilmungen der Nachkriegszeit kennen — und seit geraumer Zeit für erledigt hielten. Mundraub? Trophäenjagd? Ist das nicht aus der Zeit gefallen? Offenbar nicht.

„Achtung Wilderer!“ Dieses Schild hat Jagdpächter Michael Gorgels bei Simonskall aufgehängt, nachdem Wanderer vier tote Tiere gefunden hatten. Foto: Schweda

Jagdwilderei ist strafbar. Es gibt einen eigenen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der Tätern bis zu drei Jahren Haft androht. Doch wie groß das Problem der Jagdwilderei tatsächlich ist, kann niemand sagen. Die Fälle, in denen der Wilderer das Wildbret mitnimmt, um es selbst zu verzehren oder zu verkaufen, dürften unerkannt bleiben. Schließlich kann der Jagdpächter sein Wild ja nicht im Morgengrauen zum Zählappell aufstellen. So fällt ihm meist gar nicht auf, wenn einzelne Tiere fehlen. „Sie kriegen Wilderei nicht auf den Punkt gebracht. Das sind alles Vermutungen“, sagt Robert Jansen, der im Forstamt Rureifel-Jülicher Börde für die Staatswaldbewirtschaftung zuständig ist.

„Wie ein Computerspiel in echt“

Wilderei fällt — wie im Fall von Michael Gorgels — meist erst auf, wenn tote Tiere gefunden werden. So ist es auch Günther Plum gegangen, 62, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Aachen. Seit über 30 Jahren ist er Jäger. In früheren Zeiten hat er in seinem Revier in Schleiden-Olef alle paar Jahre mal ein totes Tier gefunden, bei dem die Vermutung nahe lag, dass es nicht eines natürlichen Todes gestorben war. In den vergangenen zwölf Monaten waren es gleich zwei Rehe. Sie waren mit Kleinkalibermunition getroffen, aber nicht tödlich verletzt worden. Plum vermutet, dass da jemand ein Abenteuer erleben wollte, „wie ein Computerspiel in echt“. Bezahlen müssen das die Tiere, die nicht weidmännisch erlegt werden und qualvoll sterben. „Wenn man die Zahl der tot aufgefundenen Tiere auf die Zahl der möglicherweise verschwundenen überträgt, ist das Problem der Wilderei größer geworden“, sagt Plum.

Die Datenlage bei Wilderei ist schwierig. Im Landeskriminalamt werden nur die Fälle gezählt, bei denen jemand Anzeige erstattet hat. Die Zahl dieser Fälle ist seit vielen Jahren unverändert: pro Jahr etwa 120 in ganz Nordrhein-Westfalen. Mal eine Handvoll mehr, mal eine weniger.

Nur: Jagdwilderei wird fast nie angezeigt. Günther Plum hat es nicht getan. Und auch Michael Gorgels ist nicht zur Polizei gegangen, nachdem Spaziergänger nacheinander die vier Rehkadaver ohne Kopf wenige Meter neben den Wegen im Hürtgenwald gefunden haben. „Das bringt doch nichts“, sagt Gorgels. „Das ist doch die berühmte Nadel im Heuhaufen, die wir da suchen“, sagt Förster Jansen: „Wenn Sie bei der Tat nicht danebenstehen und Zeugen haben, führt eine Anzeige zu nichts.“

Die Staatsanwaltschaft Aachen bestätigt diese These: Im Dezernat „Jagd und Tierschutz“ würden „eigentlich alle“ Anzeigen gegen Unbekannt mangels Erfolg eingestellt. Nur die Anzeigen, bei denen ein Jäger den anderen bezichtigt, in seinem Revier gewildert zu haben, gingen anders aus. „Da sind die möglichen Beteiligten bekannt“, sagt Staatsanwalt Jost Schützeberg. Und das sei gar nicht so selten.

Der Jäger Michael Gorgels ist schockiert über die Taten. Die Tiere in seinem Revier mussten nur der Trophäen wegen sterben. Der Wilderer schnitt den Kopf mit den Geweihen ab. Das Wildbret ließ er achtlos zurück. Dabei ist das eigentlich viel wertvoller. Auch wenn man damit nicht reich wird, betont Gorgels. Wenn er das Tier im Ganzen verkauft, erhalte er fünf Euro pro Kilo — also etwa 50 bis 70 Euro.

„Ich bin ja nicht so ein Schießer“, sagt Gorgels von sich selbst. Bis zu seiner Rente hat er bei Singer in Würselen als Maschinenschlosser gearbeitet. Und seit der Kindheit war er als Treiber bei Jagden dabei — aus Liebe dazu, in der Natur zu sein und die Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Einen Jagdschein hat er erst nach der Rente gemacht, weil seine Jagdfreunde ihn bedrängt hätten. Nach all den Jahren als Treiber bei der Jagd gehöre das jetzt aber auch mal dazu. Seit sieben Jahren ist er nun Jagdpächter im Hürtgenwald. 28 Tiere soll und darf er in drei Jahren erlegen. Aber oft säße er nur im Ansitz, um die Tiere zu beobachten. Gerade im Herbst, sagt er, sei das ein großer Genuss. „Wenn ich die Laubbäume mit all ihren Farben sehe, das kann doch kein Maler schöner malen.“

In diesem Jahr hat er keinen Blick für dieses Naturschauspiel. Mehrmals in der Woche fährt er von Würselen nach Simonskall, um durch sein Revier zu streifen. „Was bleibt mir auch anderes?“ Dabei macht ihm der Gedanke daran, den Wilderer auf frischer Tat zu ertappen, fast Angst. Was soll er dann tun? „Am besten eine Faust in der Tasche machen und genug Hinweise für die Polizei sammeln.“

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