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Abitur wegen Coronavirus verschoben: Das sagen Schüler

Das Coronavirus und die Schulen : „Als sei einem gekündigt worden“

Wie es ist, wenn der letzte Schultag ausfällt, berichten zwei Abiturienten aus der Region. Der Fahrplan für die Prüfungen steht.

Jakob Bücken und Leon Rissmayer sind sich einig. Die drei Wochen mehr Zeit, die das NRW-Schulministerium ihnen nun zum Lernen für das Abitur gewährt, ist „unnötig“, wie Bücken es ausdrückt. Er hätte die Prüfungen einfach gern hinter sich gebracht. Auch für Rissmayer sind die drei Wochen „verschwendete Zeit“. Sie könnten natürlich nur für sich sprechen, sagen beide, aber sie hätten gelernt und seien von ihren Lehrern gut auf die Klausuren vorbereitet.

Die am Freitag angekündigte Verschiebung des Beginns der Abiklausuren vom 20. April auf den 12. Mai ist für viele angehende Abiturienten des Corona-Jahrgangs nur ein weiteres Ärgernis oder vielmehr eine weitere Enttäuschung. „Mit genug Abstand in den Klassenräumen hätte man doch jetzt schreiben können“, sagt Rissmayer. Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, sei bei seinem Nebenjob im Einzelhandel jedenfalls größer.

Überrumpelt und traurig

Jochen Ott, Schulpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, kann das nachvollziehen. Im Idealfall wäre der Zeitplan eingehalten worden. Allerdings sei dies schon aufgrund der Tatsache, dass an einigen Schulen noch nicht alle Vorabiklausuren geschrieben worden seien, nicht machbar. Ott, der selten mit Kritik an der Landesregierung spart, befürwortet die Entscheidung.

So gebe es wenigstens vorläufig Planungssicherheit, auch wenn derzeit niemand sagen könne, was in zwei Wochen sei. Alle Pläne der angehenden Abiturienten sind ohnehin seit einiger Zeit obsolet. Dass die Schulen in NRW vom einen auf den anderen Tag wegen des Virus geschlossen wurden, traf die Abschlussklassen besonders hart. Ihr letzter Schultag fiel schlichtweg aus.

Leon Rissmayer, der die Gesamtschule in Aachen-Brand besucht, zieht einen drastischen Vergleich. „Die Schule war ja die letzten neun Jahre unser Arbeitgeber. Die schnelle Schulschließung fühlt sich an, als sei mir zehn Minuten vor Feierabend fristlos gekündigt worden.“ Als klar war, dass Freitag, der 13. März, der letzte Schultag war, traf sich Rissmayer noch mit ein paar Freunden aus der Stufe. „Da hatte der ein oder andere Tränen in den Augen.“

Jakob Bücken berichtet ähnliches. „Man wusste ja erst im Nachhinein, dass der Freitag der letzte Schultag war“, sagt er. Der Schüler des Gymnasiums Baesweiler fühlt sich um die Chance betrogen, nochmal ganz normal um acht zur Schule zu gehen, einen vollen Pausenhof zu sehen, allen Lehrern zu begegnen.

Wobei das nach der Ankündigung von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) von Freitag doch nicht mehr ausgeschlossen ist, im Gegenteil. „Mit dieser Verschiebung wollen wir den Schülerinnen und Schülern, die jetzt vor ihren Abiturprüfungen stehen, die Zeit vom 20. April bis zum 11. Mai geben, um sich auch in der Schule zusammen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern weiter auf die Abiturprüfungen vorzubereiten“, sagte die Ministerin.

Bücken und Rissmayer fragen sich, was das soll. Sogar Gebauer selbst hatte in ihrer Pressekonferenz gesagt, dass den meisten Abiturienten de facto nur zwei Wochen Unterricht fehlten, weil die letzte Woche in der Regel die Mottowoche ist. Bücken sagt: „Es wäre doch eh inhaltlich nicht mehr viel gelaufen.“ Und Rissmayer betont, dass kein Abijahrgang zuvor so viel Zeit zum Lernen gehabt hätte und auch, dass bestimmt kein Abijahrgang zuvor so viele Fragen an Lehrer und direktes Feedback und Betreuung erhalten hätte.

Abgesehen davon, dass unklar ist, ob die Schulen wirklich nach den Osterferien wieder geöffnet werden, lässt die Ankündigung des Ministeriums Fragen offen. Nämlich, ob der normale Stundenplan der Abschlussklassen zum Tragen kommt oder ob es lediglich Unterricht in den jeweiligen Prüfungsfächern gibt. Aus dem Ministerium hieß es auf Nachfrage dazu: „Die Schüler bereiten sich in der Schule mit ihren Lehrern auf die Abiturprüfungen vor. Welcher Stundenplan dann gelten wird, organisieren die Schulen vor Ort.“

Drei Wochen Schule würde den Abschlussklassen theoretisch auch die Chance geben, ihren letzten Schultag nachzuholen. „Aber das ist doch irgendwie nicht dasselbe“, sagt Bücken. Er kann sich nicht vorstellen, dass nach den Osterferien alles normal läuft, er und seine Stufe eine Mottowoche und einen Abigag nachholen. Ein in Coronazeiten passendes Motto hätten sie in Baesweiler jedenfalls schon mal gehabt. „Abicetamol“, angelehnt an Paracetamol.

Bücken ist enttäuscht, dass der Abigag sicher ausfällt. Auch auf das Verkleiden in der Mottowoche hatte er sich gefreut. Ein Tag wäre den Helden der Kindheit gewidmet gewesen. „Da wäre ich irgendwas von ‚Star Wars’ geworden.“ Das „richtige Abschiednehmen“ wird ihm fehlen, sagt Bücken. Der geplante Mallorca-Urlaub mit Stufenkameraden fällt auch aus.

Ob der Abiball stattfinden kann, sei ebenfalls unklar. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass bis zu 800 Leute Ende Mai in der großen Turnhalle auf dem Schulgebäude feiern werden“, sagt Bücken angesichts der derzeit noch steigenden Zahlen von mit dem Coronavirus Infizierten. Bücken lernt einfach weiter, erledigt Einkäufe für seine Großeltern und wartet weiter ab, wie sich die Lage entwickelt. Er hofft jedenfalls, im Herbst Maschinenbau in Berlin zu studieren und dass er wirklich rechtzeitig für die Einschreibung an der Uni sein Abiturzeugnis bekommt.

Emotionale Rede geschrieben

Sorgen um das Danach muss sich Rissmayer nicht mehr machen. Der Gesamtschüler hat seinen Ausbildungsplatz als Industriekaufmann bei einer Aachener Firma sicher. Überhaupt macht er sich weniger Gedanken um die Abiturprüfungen, als um den Abschied von der Schule. „Da wir schon keinen richtigen letzten Schultag hatten, hoffe ich, dass wir wenigstens feierlich unsere Abiturzeugnisse überreicht bekommen“, sagt der Aachener, der im Moment vor allem lernt und wie Bücken für seine Großeltern Besorgungen erledigt.

Auch seine Rede für die Abschlussfeier hat er schon geschrieben. „Direkt am Wochenende als die Schule geschlossen wurde, das war so emotional.“ Nun hofft Rissmayer, dass er diese Rede auch vor seiner Stufe, Familie und Freunden halten wird. „Unsere Abschlussfeier ist für den 19. Juni geplant. Wir haben also noch Hoffnung.“ Den höchsten Bildungsabschluss per Post zu erhalten, das fände er wirklich traurig.